Dr. Martin Vincentz
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Bei 8 Milliarden Menschen auf diesem Planeten müsste man eigentlich annehmen, dass man nie so richtig allein ist. Sie könnten wahrscheinlich in der sitzungsfreien Zeit auf den Himalaya fahren und den Mount Everest besteigen, wären dort in einer formidablen Reisegruppe und würden dort wahrscheinlich sogar andere Deutsche treffen, mit denen Sie sich über das schlechte Brot in Nepal beschweren können. Paradoxerweise – ähnlich wie in meiner Lieblingsdystopie beschrieben – haben wir mittlerweile eine Situation, in der Sie beispielsweise, anders als dort beschrieben, nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln Menschen treffen, die sich mit Muscheln das Meeresrauschen anhören, sondern es ist ein bisschen weniger poetisch. Es sind meistens irgendwelche Plastik-Plug-ins, mit denen man Listening Music hört, um sich von anderen zu isolieren. Das ist recht 15.06.2023 spannend, recht paradox. Man ist nicht allein, und trotzdem grassiert Einsamkeit. Ein Tabuthema. Während mittlerweile über mentale Gesundheit mehr und mehr gesprochen wird und Depressionen und Burn-outs anerkannt sind, ist Einsamkeit schwierig zu diskutieren. Wer gibt schon gern zu, dass er, obwohl er von Menschen umgeben ist, keine wirklichen Freunde hat oder, schlimmer noch – eine Sache, die wir festgestellt haben –, Menschen in einer festen Partnerschaft, obwohl sie unter Umständen verheiratet sind, sich trotzdem hoch allein fühlen? Eine andere Gruppe sind die Alleinerziehenden. Es ist schon sehr viel verlangt, vor sich selbst zuzugeben, dass man, obwohl man viel Zeit mit seinen Kindern verbringt, dort qualitative Kontakte vermisst, was vollkommen normal ist, was okay ist. Kinder können das einem Erwachsenen gegenüber nicht fühlen. Kinder sind nicht dafür da, einen zu verstehen, einem zuzuhören. Die haben ganz andere Bedürfnisse. Aber dennoch ist es ja ein wichtiger Schritt, dies zuzugeben und darüber überhaupt erst gesellschaftlich zu diskutieren, dass man auch in diesen Situationen allein ist, sich einsam fühlt, dass Einsamkeit ein gesellschaftliches Problem ist. Es ist ein gesellschaftliches Problem, weil es mit einer unglaublichen Krankheitslast verbunden ist. Der Antrag der SPD führt unter anderem aus, dass es in etwa so schlimm ist, wie 15 Zigaretten zu rauchen oder wie seichter Alkoholismus. Einsamkeit ist also nicht nur ein Problem des Einzelnen, Einsamkeit wird darüber auch zu einem Problem der Gesellschaft. Von daher freue ich, dass die Enquetekommission, die wir damals eingesetzt haben, dieses ernsthafte Problem in die Mitte des politischen Diskurses getragen hat und jetzt hier in dieser Breite auch diskutiert wird und eine Anerkennung findet. Ich glaube, dass es für viele einsame Menschen, die diesen Diskurs verfolgen, die sehen, dass sich die Politik dessen annimmt und es an sehr prominenter Stelle auch vom Ministerpräsidenten aufgegriffen wird, ein deutliches Signal ist, dass sich dort etwas bewegt und es nicht so ist, wie viele Teile der Gesellschaft vielleicht denken, dass Politik nichts mehr für sie tut, sondern sie trotzdem gesehen werden und sich trotz aller ermüdenden Auseinandersetzungen in der Demokratie am Ende vielleicht doch noch etwas regt. Für viele einsame Menschen ist es eine Hoffnung, dass sich jetzt genau an diesen Stellen etwas in Bewegung setzt und sie zumindest gesehen werden. Die aktuelle Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ ist ein wichtiger Schritt. Ich bin sehr dankbar, dass sie stattfindet. Ich meine aber, dass wir hier gemeinsam mit den vielen Erkenntnissen, die wir auch aus der Enquetekommission gewonnen haben, aus Nordrhein-Westfalen heraus unseren Teil dazu beitragen können, einsamen Menschen zu helfen. Landtag Am Ende ist es eben nicht nur etwas für das Individuum, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes. Es ist ein sehr interessanter Punkt, den auch Professor Bölting eingebracht hat, eher aus dem Bereich der Stadtplanung, also etwas, was vielleicht sehr weit von dem Bereich des Gesundheitsschutzes usw. entfernt ist: dass unsere Gesellschaft, unsere Städte im Prinzip diesen recht kläglichen Zustand des Alleinseins sehr gut abbilden, weil es immer weniger Orte in der Funktionalität einer Stadt gibt, wo man sich tatsächlich begegnen kann, immer weniger Orte, wo man einfach ungezwungen mit den Menschen in Kontakt kommt, wo es okay ist, miteinander zu sprechen, und nicht diese Social Awkwardness Einzug hält, dass man online miteinander in Kontakt tritt, immer mehr Menschen online ihren Partner finden, aber der Kontakt zueinander an der Supermarktkasse oder an einem öffentlichen Platz mittlerweile eher kritisch beäugelt wird. Ich glaube daher, es braucht ein allgemeines Umdenken, dass wir auch Städte anders planen müssen, Gesellschaft anders konstruiert werden muss, damit wir wieder anders miteinander umgehen. In der Selbsthilfe hat mittlerweile die Achtsamkeit Einzug gehalten, dass man auf sich selbst Acht gibt, einen gewissen Teil des Tages mit sich selbst verbringt und in sich hineinhört. Aber das Aufeinander-Achten ist, denke ich, noch ein Schritt, den wir gemeinsam gehen müssen. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
