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Simone Wendland

CDU 14.06.2023 Sitzungen 18/36

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Man könnte meinen, Peter Glotz könne sich nicht wehren, wenn er ausgerechnet von der AfD als Zeuge für ihren Antrag herangezogen wird. Kann er aber doch! Peter Glotz hat den Sprachnationalismus einen der größten Denkfehler genannt, die man machen könne. Sprachnationalismus sei die Fiktion, dass alle, die die gleiche Sprache sprechen, desselben Geistes seien. Ungewollt bestätigen Sie mit Ihrem Antrag Peter Glotz. Denn Sie tun so, als ob alle Menschen, mindestens aber die übergroße Mehrheit in Deutschland, derselben Meinung sind, was das Gendern angeht, nämlich Ihrer. 14.06.2023 Dabei sind nicht einmal Sie selbst Ihrer Meinung. Heute beantragen Sie, dass der Landtag die Menschen bezüglich des Gebrauchs der deutschen Sprache nicht bevormunden solle. In der letzten Wahlperiode wollten Sie aber genau das tun. Da wollten Sie uns allen den Gebrauch des generischen Maskulinums verordnen; ich erinnere mich sehr gut. Ich zitiere mit Erlaubnis des Präsidenten gern noch einmal Peter Glotz: „Bei Ideen hilft nicht verbieten, sondern nur widerlegen.“ Diese Arbeit machen Sie sich gar nicht. Sie wollen Gender-Sprache quasi verbieten. Dabei sagen Sie nicht einmal, was Sie genau verbieten wollen. Streng genommen gendern Sie sogar selbst, wenn Sie, wie Sie es gesagt haben, Ihre Rede mit „Meine Damen und Herren!“ oder „Kolleginnen und Kollegen!“ beginnen. Gendern ist es auch, wenn man mit der Sprechpause, dem Doppelpunkt, dem Binnen-I oder dem Sternchen arbeitet. Und dazwischen gibt es noch ganz viel. Man kann von „Frauen und Männern“ sprechen. Man kann von „Polizistinnen und Polizisten“ sprechen. Auch das ist Gendern. Gendern wäre es aber auch, wenn man Frauen und Männer gleichermaßen meinen möchte und von „Sicherheitskräften“ spricht. Welche dieser verschiedenen Formen des Genderns wollen Sie uns denn jetzt verbieten? Sprache entwickelt sich. Das wissen wir alle. Und das ist kein deutsches Phänomen. Ich will das an einem extremen Beispiel deutlich machen. Eine der berühmtesten Reden überhaupt ist die von Martin Luther King, die er vor 60 Jahren beim Marsch auf Washington gehalten hat: I have a dream. Ich habe einen Traum. – Martin Luther King gehört sicherlich zu den eher unverdächtigen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Aber wenn Sie sich heute seinen Redetext in der deutschen Übersetzung durchlesen, haben Sie schon Zweifel, ob man den Text heute noch so veröffentlichen würde. Er gendert nicht, überhaupt nicht. Zudem ist eines der häufigsten Wörter in der Rede das, was wir heute als „N-Wort“ bezeichnen. Wenn Sie heute zum Beispiel Kamala Harris hören, spricht sie natürlich von Amerikanerinnen und Amerikanern sowie von Black Men and Women, ohne dass sie etwas anderes meint. Sprache entwickelt sich. Und das ist auch gut so. Wohin sie sich beim Gendern entwickelt, wird man sehen. Zunehmend stellt sich jetzt heraus, dass einige Formen des Genderns nicht auf besonders große Akzeptanz oder sogar auf Ablehnung stoßen. Dann ist das eben so. Diese Formen des Genderns werden sich dann wahrscheinlich nicht durchsetzen. Möglicherweise gilt das auch für die Formen, bei denen es Zielkonflikte gibt. Denken Sie zum Beispiel an barrierearme Sprache. Auch bei der Vermittlung von deutscher Literatur an Schulen wird man schnell Landtag darauf kommen, dass allzu intensiv praktiziertes Gendern im Deutschunterricht nicht unproblematisch ist. Selbst im Sport wird es wohl zunächst bei der Frauennationalmannschaft bleiben. Dafür braucht man aber keine Vorgaben der Politik. Sprache entwickelt sich. Diese Entwicklung findet nicht in Parlamenten statt. Hier wird sie allenfalls nachvollzogen. Sprachpolitisch befinden wir uns sozusagen am Ende der Nahrungskette, nicht am Anfang. Und das ist gut so. Sprache entwickelt sich also. Dafür braucht es keine Entwicklungshelfer, aber auch keine Entwicklungsverhinderer. Wir als CDU haben das schon gelernt; bei der AfD dauert das offensichtlich noch ein bisschen. Ähnliche Diskussionen wie über das Gendern hatten wir nämlich bereits vor 20 Jahren bei der Rechtschreibreform. Damals gab es riesige Widerstände. Die CDU war in großen Teilen mit dabei. Die Meinungsumfragen waren so wie jetzt beim Gendern. Die FAZ boykottierte demonstrativ die Reform und führte eine Hausorthografie ein. Heute ist das Geschichte. Alle nutzen die neue Rechtschreibung. Beim Gendern wird es irgendwann genauso sein. Die Sprache wird einen Weg finden, einerseits Männer und Frauen gleichzubehandeln und andererseits verständlich und anwendbar zu bleiben. Die einen werden das dann praktizieren und die anderen nicht. Wiederum andere werden ihre ganz eigene Form entwickeln, mit dieser Frage umzugehen. Und das ist völlig okay. Ich habe die Hoffnung – ich bin ja Christin –, dass auch die AfD ihren Weg finden wird. Dafür gibt es auch durchaus Anzeichen. Eigentlich ist die AfD noch gegen Anglizismen, aber fordert dennoch in einem Antrag Maßnahmen gegen das Upskirting. Beim Gendern hat sie sich in der letzten Wahlperiode auch auf den Weg gemacht und mehr Unterstützung für die Studierendenwerke gewollt oder gefordert. Sprache entwickelt sich halt. Finden Sie sich damit ab. Ihren Antrag lehnen wir ab. – Danke. (Beifall von der CDU, den GRÜNEN und Dr. Werner Pfeil [FDP])

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