Simone Wendland
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wenn es um Frauenthemen geht, müssen wir Frauen hier im Plenum manchmal feststellen, dass der Aufmerksamkeitsgrad der Männer ausbaufähiger ist, als es zum Beispiel der Fall ist, wenn wir über Fußball reden. (Beifall von den GRÜNEN) Deshalb will ich mit einer Fußballfrage anfangen: Wissen Sie, was der Fußball und das Bildungssystem in Deutschland gemeinsam haben? Die Männer werden das nicht gern hören, aber die Antwort ist: Frauen sind in beidem erfolgreicher als Männer. (Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der SPD) Dennoch verdienen Männer mehr als Frauen – sowohl im Fußball als auch sonst. Das hat viele Ursachen; wir haben hier schon oft darüber gesprochen. Das liegt zum einen daran, dass Frauen generell schlechter bezahlt werden. Das ist eigentlich vor dem Hintergrund der besseren Bildungsabschlüsse merkwürdig, denn in akademischen Berufen sind Frauen trotz einer deutlich höheren Abiturientenquote unterrepräsentiert. Landtag Man könnte das Problem auch anders beschreiben: Wir reden über Fachkräftemangel in allen möglichen Bereichen. Das Handwerk wird in diesem Zusammenhang immer genannt, auch die Industrie. Und ausgerechnet da sind die Frauenquoten ganz besonders niedrig. Während der Frauenanteil in Dienstleistungsberufen, bei Bürokräften und Verkäuferinnen bei über 60 % liegt, beträgt er im Handwerk 10 %. Wir ahnen, dass er noch geringer ausfiele, wenn man die Friseurinnen herausrechnen würde. In den MINT-Berufen liegt der Frauenanteil nur bei 16 %. Woanders liegen Frauen weit vorne. Knapp 80 % aller Teilzeitkräfte sind Frauen. Knapp die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen arbeitet in Teilzeit; bei den Männern sind es nur 12 %. Volkswirtschaftlich gesehen sind also Frauen im erwerbsfähigen Alter ein sehr erfolgversprechender Ansatzpunkt, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, oder, um es in der Fußballsprache zu sagen, liebe Männer: Bislang lassen wir da zu viele Chancen liegen. Die Gründe für den Fachkräftemangel sind vielfältig. Vorsichtig formuliert könnte man sagen: Es gibt viele Stellschrauben, um etwas zu verbessern. An einer dieser Stellschrauben setzen die Kompetenzzentren Frau und Beruf an. Die Grundidee ist, Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, dabei zu unterstützen, Frauen als Arbeitskräfte zu finden, zu gewinnen und zu binden. Das ist nicht nur aufgrund des Fachkräftemangels sinnvoll, sondern mit Blick auf die KMU auch deshalb, weil sich die Großunternehmen dabei schon längst mit eigenen Konzepten auf den Weg gemacht haben. Der Wettbewerb zwischen KMU und Großunternehmen findet eben auch um Arbeitskräfte statt. Es geht darum, den Unternehmen Ideen und Konzepte zu vermitteln, wie sie besonders Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen können. Denn während man normalerweise beim Begriff „Work-Life-Balance“ vom Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit spricht bzw. davon ausgeht, geht es bei Frauen meistens um das Verhältnis zwischen bezahlter Arbeit und Familienarbeit. Ob Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen – das sind die Faktoren, die dazu führen, dass Frauen nicht oder nur in Teilzeit arbeiten können. Es gibt viele Ideen, die an die Unternehmen heranzutragen sind. Es gibt Unternehmen, die einen Mitarbeiter zum Pflegecoach ausbilden. Der kann bei einem Pflegefall Mitarbeiterinnen beraten und helfen, die Pflege der Angehörigen so zu organisieren, dass man trotzdem arbeiten gehen kann. Es gibt Familienzimmer, die es ermöglichen, akut unbetreuten Nachwuchs ein paar Tage mit zur Arbeit zu bringen. Da 14.06.2023 geht es um alle möglichen organisatorischen Maßnahmen von Arbeitszeitmodellen bis zu Homeoffice-Konzepten. Das sind ganz spezielle Kompetenzen für eine ganz bestimmte Zielgruppe. Denn Frauen sind diesbezüglich eine besondere Zielgruppe. Sie sind die einzigen, deren Erwerbsbiografie dadurch unterbrochen wird, dass sie Kinder bekommen. Sie sind oft die einzigen, meistens aber mindestens diejenigen, die sich um die Kinder kümmern. Sie stellen den weitaus größten Anteil der Alleinerziehenden und sie sind weit überwiegend diejenigen, die sich um die Pflege von Familienangehörigen kümmern. All das beeinträchtigt eine lineare und stringente Erwerbsbiografie, und zwar auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Deshalb geht es bei der Arbeit der Kompetenzzentren um Frauen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen: Frauen, die eine Ausbildung beginnen, Mütter, die nach der Erziehungszeit in den Beruf zurückkehren wollen, berufstätige Mütter, oft alleinerziehende, die längst erwachsene Kinder haben, die sich auf einmal um die eigene Mutter kümmern müssen, Frauen mit Zuwanderungsgeschichte, Frauen, die von Mentoringprogrammen profitieren können. Es gibt wahrlich viele Ansprechpartnerinnen. Uns ist klar, dass man das Fachkräfteproblem damit nicht lösen kann; dazu ist es viel zu groß. Aber das ist letztlich auch wie beim Fußball: Wenn man deutlich im Rückstand ist, schießt man eben aus allen Lagen aufs Tor. Wir sind der Meinung, dass die Kompetenzzentrauen Frau und Beruf einer der Treffer sind, die man dabei erzielen kann. Sie können heute einen Treffer landen. Stimmen Sie zu. – Vielen Dank. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN)
