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Thorsten Schick

CDU 26.05.2023 Sitzungen 18/35

Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! „Liebe lässt den Menschen leben, aber der Hass bringt den Tod.“ Das hat Mevlüde Genç nach dem heimtückischen Brandanschlag auf das Wohnhaus ihrer Landtag Familie in Solingen gesagt. Dieses Bekenntnis von Mevlüde Genç darf niemals unterschätzt werden. In der Nacht vom 28. auf den 29. Mai 1993 wurden zwei Töchter, zwei Enkelkinder und eine Nichte ermordet. Das jüngste Opfer war gerade einmal vier Jahre alt. Weitere Familienmitglieder wurden schwer verletzt und kämpfen zum Teil immer noch mit den Folgen. Sie alle wurden Opfer eines heimtückischen Brandanschlags in ihrer Heimat, in ihrem Zuhause. Der 29. Mai 1993 war ein dunkler Tag in der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen, ein Tag der Schande. Der Anschlag von Solingen steht in einer Reihe mit Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Mölln. Es war eine Reihe rechtsextremistischer und menschenverachtender Verbrechen in Deutschland. Mevlüde Genç hat den Hass hinter sich gelassen. Sie war in der Lage, nach einem solchen Schicksalsschlag die Kraft aufzubringen, nicht in Wut und Rachegedanken zu versinken. Sie hat ihr Leben der Versöhnung und der Verständigung gewidmet. Daher hat das Land Nordrhein-Westfalen erstmals vor fünf Jahren die Mevlüde-Genç-Medaille für besondere Verdienste um Toleranz und Versöhnung zwischen den Kulturen und ein friedliches Miteinander der Religionen gestiftet. Ich erinnere mich noch an die Bilder aus Solingen in den Nachrichten: die verkohlten Balken des Dachstuhls, die rauchgeschwärzte Fassade und die Fenster mit den geborstenen Glasscheiben. Die Tragödie von Solingen ist Teil der kollektiven Erinnerung unseres Landes. Wir dürfen niemals vergessen, was Menschen anderen Menschen in unserem Land angetan haben. Deshalb ist es das richtige Signal, dass die Fraktionen von CDU, SPD, Grünen und FDP jenseits aller parteipolitischen Unterschiede zu solchen Ereignissen zusammenstehen. Dieses Hohe Haus wird sich immer gegen Hass, Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und jede Form von Extremismus stemmen. Das sind wir den Opfern von Solingen schuldig. (Beifall von allen Fraktionen und der Regie- rungsbank) Auch wenn Mevlüde Genç im vergangenen Jahr verstorben ist – ihr Erbe lebt fort. Ihre gesamte Familie ist zu Botschaftern der Versöhnung geworden. Daher danke ich dem Landtagspräsidenten, dass er heute Morgen die Gelegenheit zur Begegnung mit der Familie Genç ermöglicht hat. Darunter war auch Durmuş, der Ehemann von Mevlüde Genç. Auch er hat zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte an den Hass verloren. 26.05.2023 Es ist ein Symbol der Versöhnung, dass die Familie heute dieser Debatte auf der Tribüne beiwohnt. Dafür danke ich ihr von ganzem Herzen. (Beifall von allen Fraktionen) Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich selbst habe knapp zwei Jahre an einer Hauptschule in Iserlohn unterrichtet. Statistisch gesehen hat mittlerweile jeder dritte Schüler in Nordrhein-Westfalen einen Migrationshintergrund. An meiner Schule war der Anteil noch einmal deutlich größer. Dort habe ich erlebt, wie wichtig der Respekt gegenüber der Vielfalt von Kulturen ist. Damals bin ich, wie eigentlich das gesamte Kollegium, wie selbstverständlich zur Feier der türkischen Gemeinde gegangen, um Schüler und deren Eltern besser kennenzulernen. Die äußerst positive Resonanz hat mich überrascht und tief beeindruckt. Denn das zeigt vor allen Dingen eines: Wenn man die eigene Hand reicht und die andere Hand ergreift, dann kann man etwas verändern. Kleine Gesten bewegen oft mehr als große Worte, wenn sie von vielen und von Herzen kommen. Mit Offenheit füreinander gelingt das Miteinander. In Nordrhein-Westfalen leben weit mehr als 5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen haben türkische Wurzeln. Ihre Eltern und Großeltern sind als Gastarbeiter gekommen und ganz viele als Freunde hiergeblieben. Sie haben hart gearbeitet, Familien gegründet, Kinder großgezogen und Freundschaften geschlossen. Sie bereichern unser Land. Sie gehören zu Nordrhein-Westfalen. (Beifall von allen Fraktionen und der Regie- rungsbank) Sie gehören zu uns, so wie Mevlüde Genç. Deshalb möchte ich meine Rede mit ihrem Auftrag an uns alle schließen: Lasst uns Freunde sein. (Beifall von allen Fraktionen)

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