Zacharias Schalley
Herr Präsident! Werte Damen und Herren! Nun steht der Wolf wieder auf der politischen Tagesordnung. Mit trauriger Regel-Landtag mäßigkeit konnte man in den letzten Monaten aus der Lokalpresse und auch im Ausschuss von den zahlreichen Wolfsrissen lesen und hören. Grund genug für die FDP, dieses Thema mit einem Antrag zu behandeln. Oder liegt es vielleicht an den immer lauter werdenden Rufen der Weidetierhalter auch in Ihrem Wahlkreis, Herr Kollege Brockes? Man könnte deshalb zumindest annehmen, dass die berechtigten Forderungen der Betroffenen in Ihrem Antrag endlich einmal prominent vorgetragen werden. Doch stattdessen trauen Sie sich nicht, das Kind beim Namen zu nennen. Die Realität hat die Wolfsverordnung längst eingeholt, wenn es überhaupt je Ziel war, einen, wie Sie es nennen, vernünftigen Ausgleich zwischen Artenschutz und Weidetierhaltung zu schaffen. Kommen wir mal zur Realität des Wolfsmissmanagements: DNA-Test: Dieser dauert doch nicht über einen Monat, weil er nicht per Express versendet wird. So ein Unsinn! Die bürokratischen Mühlen im LANUV mahlen langsam, weil erst mal Passierschein A38 ausgefüllt werden muss und die Schäfer als Störenfriede wahrgenommen werden, die beim Wiederaufbau der vermeintlich unberührten Natur und Wildnis nur schaden. (Norwich Rüße [GRÜNE]: Das ist doch Quatsch!) Erhaltungszustand: Der Wolf war vor der Entwicklung der Land- und Weidewirtschaft durch den Menschen das am weitesten verbreitete Landsäugetier der Erde. Trotz des Rückgangs des Lebensraumes um etwa ein Drittel konnte von einem möglichen Aussterben nie die Rede sein. Sie beschwören doch sonst gern europäische Lösungen: Die Wölfe bei uns gehören zur europäisch-asiatischen Gesamtpopulation, und diese ist mitnichten bedroht. Tatsächlich gibt es Wölfe von den Pyrenäen bis zum Pazifik. Dann wollen Sie die Entnahme erleichtern und eine Maximalpopulation festlegen. Das sind richtige Maßnahmen, die wir ausdrücklich unterstützen, doch zeigen Sie mit dem Finger wahlweise auf Berlin oder Brüssel. Bedenken Sie: Wer mit dem ausgestreckten Finger auf andere zeigt, deutet mit drei Fingern seiner Hand auf sich selbst. Diese Regelung könnten wir in NRW selbst beschließen, und auch Sie hätten das während Ihrer Regierungsverantwortung tun können. Die Wolfsverordnung sieht die Entnahme von Problemwölfen richtigerweise bereits vor, wenn es zu zeitlichen und örtlichen Zusammenhängen bei Rissen gekommen ist. Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wäre, denn bisher wurde kein einziger Wolf in NRW entnommen. Warum? Wölfe durchstreifen ihr Revier und halten sich nur in bestimmten Zeiträumen in einem Sektor auf, je nach Beuteangebot. Doch die 24.05.2023 meisten Rudel in unseren Wolfsgebieten durchstreifen die Sektoren so, dass das Kriterium „Zeit“ nie greifen kann. Hinzu kommt das logische Verhalten der Weidetierhalter nach einem Wolfsriss: Die Schäfer stallen ihre Tiere erst einmal geraume Zeit ein, damit ihnen der Rest nicht auch noch getötet wird. Erwarten Sie also, dass der Schäfer seine Tiere opfert, nur damit der Wolf als Problemwolf klassifiziert werden kann? Dies sind alles Dinge, die Sie wissen oder wissen könnten, wenn Sie nicht den Wolf zum Prestigeprojekt Ihrer Naturschutzpolitik erklärt hätten und auf die Betroffenen endlich einmal hören oder zumindest mit ihnen sprechen würden. Dazu sollten die betroffenen Weidetierverbände in der AG Wolf endlich angemessen repräsentiert werden. Es ist zynisch, dass der Wolf für den Naturschutz in Ihren Augen einen höheren Wert hat als die Weidetierhalter und deren Tiere. Es ist nicht nur der Schutz der Deiche, die sie leisten. Weidetierhaltung schafft viel mehr; das sollte ausdrücklich und immer wieder gelobt werden: Durch Weidetierhaltung sind in Europa einzigartige Kulturlandschaften entstanden; die Lüneburger Heide ist nur das prominenteste Beispiel. Regelmäßig weidende Schafe verhindern Versteppung und Verbuschung. Durch die Beweidung entstehen in vielen Gebieten kurzrasige Flächen, die gerne von Vögeln zur Nahrungssuche genutzt werden. So braucht beispielsweise der seltene Steinkauz nicht nur Bruthöhlen in alten Weiden oder Streuobstbäumen, sondern auch Flächen mit niedriger Vegetation zur Nahrungssuche. Auch bestimmte Laufkäfer und Heuschrecken nutzen gern beweidete Flächen. Es gibt zahlreiche Beispiele. Eine intensive Beweidung mit Schafen wirkt sich positiv auf die Qualität des Grünlandes aus. Es bilden sich artenreiche Bestände mit hoher Produktivität und hoher Biodiversität. Durch die Beweidung in Form von extensiver Wanderschäferei können die Schafe auch zur Vernetzung von Lebensräumen beitragen, da sich in ihrer Wolle Samen und Tiere verfangen, die transportiert werden. Zudem halten fast alle Schäfer in unseren Wolfsgebieten mehrheitlich vom Aussterben bedrohte alte Rassen, engagieren sich in der Zucht und steigern das Tierwohl und die Agrobiodiversität. Wir alle wissen: Mit Schäferei wird man nicht reich. Schäfer waren nie wohlhabende Leute. Wir können also heute über jeden froh sein, der sich die Zeit, die Mühe und vor allen Dingen den Ärger mit der deutschen Bürokratie antut, wenn er sich entscheidet, aktive Kulturlandschaftspflege mit Schafen zu betreiben. Doch ich weiß: All diese Appelle sind müßig; es wird sich nichts bewegen. Der Überweisung an den Landtag Ausschuss stimmen wir natürlich zu, aber die Debatte dort wird für mich und die Weidetierhalter ähnlich sein wie für meinen Urgroßvater familiäre Pflichtbesuche – er war selbst Schäfer –: Ich wäre lieber bei den Schafen auf der Weide gewesen. – Danke schön. (Beifall von der AfD)
