Anna Kavena
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem dunklen Raum, dessen Türen und Fenster verschlossen sind. So fühlt sich ein Kind, dem weder zu Hause noch in der Schule Vertrauen oder Unterstützung entgegengebracht wird. Es fühlt sich, als wäre die Zukunft versperrt. Dieses Gefühl der Perspektivlosigkeit, gepaart mit Frustration, Überforderung und Mobbing, ist bedrückend. Es kann dazu führen, dass ein Kind sich allein und ungeliebt fühlt. Diese Emotionen können dann zu Resignation, Aggression und einer niedrigen Toleranzschwelle führen. Doch wo beginnt der Pfad dieser Gewalt? In der Familie, im Kindergarten, in der Grundschule oder erst in der Jugendclique? Landtag In der Grundschule lernen wir von unseren Lehrerinnen und Lehrern auch Sozialverhalten. Aber Aggressionen sind ein schleichender Prozess, dessen Fundament oft in der Kindheit gelegt wird. Wir müssen uns bewusst sein, dass dissoziales und aggressives Verhalten bei vielen Kindern und Jugendlichen auftritt. Nur ein ganz kleiner, aber bedeutender Anteil dieser Kinder schafft es nicht, seine aggressiven und antisozialen Impulse ausreichend zu kontrollieren. Auch diese Kinder sind ein Teil unserer Gesellschaft. Es ist unsere Aufgabe, uns zu fragen, wie viel uns ihre gesunde Entwicklung wert ist. (Beifall von der SPD und Dr. Werner Pfeil [FDP]) Wir können und dürfen Gewalt – egal ob sie von Erwachsenen oder Kindern und Jugendlichen ausgeht – nicht tolerieren, besonders dann nicht, wenn sie sich gegen unsere Polizeikräfte, Rettungsdienste oder Feuerwehr richtet. Doch wir dürfen dabei auch nicht vergessen, dass Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren unter unserem besonderen Schutz stehen. Die Gesellschaft hat die Pflicht, sie aufzufangen und Maßnahmen zu ergreifen, die ihrer Entwicklung gerecht werden. Dazu gehören unter anderem auch Anti-Mobbing-Kampagnen an Schulen, Anti-Aggressions-Trainings und das Erlernen von Sozialverhalten auch im Kindergarten und auch in Schulen. Wie steht es denn um die Wertschätzung unserer Kinder in Nordrhein-Westfalen? Es ist immer leicht gesagt, dass unsere Kinder die wertvollsten Schätze für uns sind. Aber was tun wir konkret für Kinder und Jugendliche? Jedes in Deutschland lebende Kind hat das Recht auf positive Entwicklung, auf Chancengleichheit und auf eine Perspektive in der Zukunft. Doch wie können wir von Chancengleichheit sprechen, wenn die Landesregierung noch nicht einmal in der Lage ist, flächendeckend Kindergartenplätze zur Verfügung zu stellen? (Beifall von der SPD) Jedes Kind ist einzigartig. Manche sind sensibler, andere sind lebhafter und wortgewandter. Die logische Schlussfolgerung davon ist es doch, dass wir multiprofessionelle Teams brauchen, die vom Kindergartenalter bis zur weiterführenden Schule genügend Zeit und Ressourcen haben, um sich individuell jedes Kindes anzunehmen und sich auch um jedes Kind und jeden Jugendlichen zu kümmern. Doch das setzt politischen Willen für eine starke Sozialpolitik voraus. (Beifall von der SPD) Wir werden dem Antrag zur Erstellung einer wissenschaftlichen Studie zustimmen – nicht wegen des 24.05.2023 Ereignisses in Freudenberg, sondern weil wir der Meinung sind, dass wir generell über Präventionsmaßnahmen zur Gewaltvorbeugung bei Kindern und Jugendlichen sprechen müssen. Neben den politischen Herausforderungen der letzten Jahre, neben dem Klimawandel, Corona und der Sanierung unserer Infrastrukturen, dürfen wir unsere Kinder und Jugendlichen nicht vernachlässigen. Diese Studie wird uns hoffentlich vor Augen führen, dass die Landesregierung in den letzten Jahren zu wenig für sie getan hat. (Beifall von der SPD) Ich hoffe persönlich, dass die Studie uns einen Weg aufzeigt, wie Sozialpolitik in Nordrhein-Westfalen wieder Priorität bekommt. Nicht eine weitere Studie, sondern konkretes Handeln ist gefordert, um den Herausforderungen in unserer Zukunft zu begegnen und eine bessere Zukunft für unsere Kinder zu gestalten. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall von der SPD)
