Susanne Schneider
Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Wissen Sie, wer Pamela Reif oder Julien Bam sind? Kennen Sie Caro Daur oder Herrn Anwalt? Landtag Pamela Reif informiert in den sozialen Medien über Fitness. Julien Bam produziert Videos und singt. Caro Daur präsentiert Lifestyle und Mode, und Herr Anwalt informiert regelmäßig Jugendliche mit einer Minute Jura zu Recht und Schaffen. Sie alle sind ausgesprochen erfolgreiche Influencer, die tagtäglich Hunderttausende Jugendliche auf Instagram, YouTube oder TikTok erreichen. Zum Vergleich: Das Arbeitsministerium veröffentlicht eine Broschüre für junge Menschen, Auflage 1.200 Exemplare, von der wir nicht einmal wissen, ob sie überhaupt gelesen wird. Das war Ende Februar mit dem Titel „Vergütung für Auszubildende“. Als ich die Pressemitteilung dazu sah, dachte ich: Boah, eine Broschüre! Darauf haben junge Menschen 2023 gewartet. (Beifall von der FDP – Zuruf von Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales) Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Das Ziel, auf lohnenswerte Verdienstchancen hinzuweisen und aufmerksam zu machen, teilt die FDP-Landtagsfraktion durchaus. Allerdings halten wir es für fraglich, ob diese Art der Ansprache noch zeitgemäß ist. Außerdem bezweifle ich stark, dass das Geleitwort des Ministers für junge Menschen wirklich ausreichend niedrigschwellig ist. Der Fachkräftemangel war auch hier im Landtag bereits mehrmals Thema. 2022 hat er in Deutschland ein Rekordniveau erreicht. Besonders deutlich ist dies bei Fachkräften mit abgeschlossener Berufsausbildung. Ein Grund dafür ist die sinkende Zahl von Auszubildenden. Hier in Nordrhein-Westfalen ist der Trend leider auch in besonderer Weise besorgniserregend. Die Zahl der Auszubildenden in unserem Bundesland ist jetzt bereits im dritten Jahr in Folge rückläufig. Nach der vorläufigen Einschätzung des Statistischen Landesamtes IT.NRW befanden sich Ende 2022 rund 275.000 Personen in einer Berufsausbildung. Das bedeutet einen Rückgang um knapp 3 % gegenüber dem Vorjahr. Im Vorcoronajahr 2019 hatte die Zahl der Azubis noch bei fast 300.000 gelegen. Betroffen sind vor allem die Bereiche „Industrie“, „Handel“, „Banken“, „Versicherungen“, „Gast- und Verkehrsgewerbe“ sowie „Hauswirtschaft“ und „Handwerk“. Wie besorgniserregend gerade die Entwicklung im Handwerk ist, brauche ich Ihnen sicherlich nicht näher zu erläutern. Wir müssen uns daher der Herausforderung stellen, wieder mehr junge Menschen in Ausbildungsberufe zu bekommen. Mehr qualifizierte Ausbildung bedeutet nicht einfach nur eine bessere Fachkräftestatistik, sondern sie ist vielmehr auch die Grundlage für eine erfolgreiche Erwerbstätigkeit der Menschen. Wie bereits angedeutet, kann das Einkommen nach Absolvierung einer Ausbildung teilweise sogar besser als nach einem akademischen Abschluss sein. 05.05.2023 Wenn ich Jugendliche erreichen möchte, muss ich deren Sprache sprechen. Das heißt jetzt nicht, dass der Minister Worte wie „Digga“, „yolo“ oder „cringe“ in sein Vokabular aufnehmen soll. (Heiterkeit von der FDP – Zuruf von Franziska Müller-Rech [FDP]) Er sollte aber Quellen zur Verfügung stellen, die Jugendliche niedrigschwellig nutzen können, und keine Broschüren, deren Text schon beinahe ein juristisches Staatsexamen voraussetzt. Es mag einem gefallen oder nicht: Junge Menschen holen sich ihre Informationen zunehmend aus den sozialen Netzwerken. Klassische Internetsuchmaschinen und Webseiten werden kaum noch angesteuert, allenfalls für schulische Aufgaben bzw. um einmal für eine Facharbeit zu recherchieren. Daher ist der Broschürenservice des Landes auch nicht gerade der attraktivste Anziehungspunkt im Internet. Gerne wird dann ja auch noch auf den Facebook-Auftritt des Landes oder des Arbeitsministeriums verwiesen, aber auch damit erreicht man immer weniger junge Menschen. YouTube, Instagram und TikTok sind da deutlich gefragter. Dann stellt sich natürlich die Frage, ob man einfach nur auf eigene Kanäle setzt, deren Followerzahlen – mit Verlaub – recht überschaubar sind, oder ob man nicht auch geeignete Kooperationspartner sucht, um einer möglichen Kampagne mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Denn der Trend geht eindeutig in eine Richtung: Für viele junge Menschen sind Influencer informativ und meinungsbildend. Daher muss man diese auch einbinden. Kernige Worte des Arbeitsministers allein werden sicherlich nicht ausreichen, um einer Kampagne zum Erfolg zu verhelfen. Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich auf die weitere Debatte im Fachausschuss darüber, wie wir mit einer landesweiten und kreativen Werbekampagne mehr junge Leute für die Ausbildung gewinnen können. – Ich danke Ihnen. (Beifall von der FDP)
