Susanne Schneider
Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Kollegin Schneider versucht jetzt mal, dieses Thema wieder auf die Sachebene zu bringen. Gefühlte Einsamkeit ist in unserer Gesellschaft leider immer noch ein Tabuthema, ähnlich wie früher die Depression. Der Austausch mit anderen Menschen, soziale Beziehungen und persönliche Bindungen sind ein Grundbedürfnis der menschlichen Existenz. Ohne sie entsteht bei vielen Menschen das belastende Gefühl, einsam zu sein. Ein dauerhaftes Gefühl der Einsamkeit macht krank und wird so zu einer Gefahr für den einzelnen Menschen, die Gesellschaft und die Gesundheits- und Sozialsysteme. Die Coronapandemie hat hier noch einmal wie ein Brennglas gewirkt und die Gefühle von Einsamkeit und sozialer Isolation weiter verstärkt. Die tatsächlichen psychischen Auswirkungen werden sich erst noch zeigen. Das Phänomen Einsamkeit betrifft alle Bevölkerungsgruppen, von der Kindheit bis ins hohe Erwachsenenalter, und ist somit als ein gesamtgesellschaftliches Problem anzusehen. Einsamkeit berührt verschiedene Lebensbereiche. Sie wird deutlich in der Arbeitswelt, im Freizeitverhalten, in der Gestaltung sozialer Beziehungen und generell an der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft. Einige Wissenschaftler nennen Einsamkeit auch schon die neue Epidemie der Industriestaaten. Die Auslöser dafür sind vielfältig: Unerwartet sterben Lebenspartner, Kinder gehen aus dem Haus oder arbeiten weit entfernt vom Wohnort der Eltern, durch Arbeitsplatzwechsel verlieren viele den Kontakt zu Familie und Freunden, Studierende fühlen sich in fremden Städten immer öfter einsam. Rund 13 Millionen Deutsche klagen zumindest zeitweise über Einsamkeit. Allein in Nordrhein-Westfalen ist es jeder Siebte, und laut einer Studie fühlen sich in NRW überraschenderweise über 14 % der 18- bis 35-Jährigen einsam. Bei den über 65-Jährigen sind es sogar über 15 %. Und die Gruppe, die am meisten unter Einsamkeit leidet, ist die Gruppe der 35- bis 50-Jährigen. Die dadurch verursachten Kosten für die Gesundheits- und Sozialsysteme sind noch gar nicht abzu-04.05.2023 schätzen. Studien zeigen, dass Einsamkeit das Risiko für chronischen Stress, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Demenz und einen frühen Tod erhöhen. Demnach ist Einsamkeit in Bezug auf die Gesamtsterblichkeit so schädlich wie das Rauchen und Fettleibigkeit. Laut Diakonie Deutschland kann Einsamkeit auch zu politischer Frustration führen. Einsamkeit ist in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der öffentlichen Debatte geraten. In Großbritannien wurde Tracey Crouch 2017 zur ersten Einsamkeitsministerin ernannt. Auch in Dänemark, Australien, Neuseeland und den Niederlanden wird Einsamkeit als ernst zu nehmendes Problem für die öffentliche Gesundheit wahrgenommen. Dort handelt man auch mit kreativen Maßnahmen. In den Niederlanden hat die Regierung das Aktionsprogramm „Eins gegen Einsamkeit“ zur Bekämpfung der Einsamkeit älterer Menschen ins Leben gerufen. Dabei stehen 1,7 Millionen Euro im Jahr für entsprechende Projekt zur Verfügung. Eine Supermarktkette richtete zudem sogenannte Plauderkassen ein, an denen Menschen auch ohne Zeitdruck gemütlich etwas plaudern können. Dieses Angebot erhält in den Niederlanden großen Zuspruch. Aus unserer Sicht brauchen wir vor allem eine öffentliche Kampagne zur Aufklärung über und zur Sensibilisierung für das Thema, vergleichbar der erfolgreichen Kampagne in den Niederlanden. Eine Onlineplattform mit Best-Practice-Beispielen an niedrigschwelligen Hilfsangeboten sollte Informationen bieten und die betroffenen Akteure wie Ärztinnen, Ärzte, Lehrkräfte und Ehrenamtler vernetzen. Wir wollen zudem die Forschung an den Universitäten in Nordrhein-Westfalen, insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen auf die Gesundheit und Sozialsysteme, ausbauen. Als Ergänzung zur Stabsstelle in der Staatskanzlei halten wir einen Einsamkeitsbeauftragten für sinnvoll, der für einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren eingesetzt wird. Als Vorbild könnte hier die Position des Opferschutzbeauftragten dienen. Ein Beauftragter könnte die Koordination, Informationsverteilung und Förderung der Politik in allen Ressorts voranbringen. Zudem könnten Ombudsmänner und Ombudsfrauen in Kommunen eingesetzt werden. Im vorliegenden Antrag werden aber weder ein entsprechender Beauftragter noch eine landesweite Kampagne oder gar eine Onlineplattform angesprochen. Im vorgelegten Antrag werden zu wenig wichtige Punkte aufgegriffen. In Gänze überzeugt dieser Antrag nicht. Die FDP-Landtagsfraktion wird sich daher enthalten. – Vielen Dank. (Beifall von der FDP) Landtag
