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Sven Wolf

SPD 04.05.2023 Sitzungen 18/31

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Am 19. April 1943, also vor 80 Jahren, erhoben sich die Menschen im Warschauer Ghetto. Mordechaj Anielewicz leitete den Widerstand an, schlecht ausgestattet und von Hunger gezeichnet, aber mit Mut, Wut und Trauer, denn viele hatten unzählige Angehörige und Freunde verloren. Das Ganze geschah in den Festwochen des Pessach, in denen Juden an die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten erinnern. In seinen Memoiren schildert Marcel Reich-Ranicki bewegend, wie der Alltag im Ghetto war und wie sich das Ghetto erhob. Das Ghetto erhob sich, obwohl sich kaum jemand Illusionen über den Ausgang machte. Dies erinnert ein bisschen an ein Ereignis aus dem Jahre 73 nach Christi. Auf dem Festungsplateau Masada ergaben sich die eingeschlossenen Kämpfer, ihre Familien und ihre Kinder nicht. Sie wählten den Freitod. Es gibt viele Historiker, die glauben, dass viele im Ghetto genau an diesen Masada-Moment gedacht haben. Bewegend sind die Worte von Mordechaj Anielewicz in seinem Abschiedsbrief, den er vier Wochen nach Beginn des Aufstands schrieb: „Der Traum meines Lebens ist jedenfalls schon in Erfüllung gegangen. Denn das Ghetto verteidigt sich – wir Juden leisten Widerstand. Das ist Tatsache geworden. Und ich kann bezeugen, wie heldenhaft Juden kämpfen.“ Sie sehen, wie wichtig es ist, dass wir heute über dieses Thema sprechen. Der Schulterschluss der demokratischen Fraktionen in einem gemeinsamen Antrag ist ein starkes Signal, dass wir in dieser Frage, in dieser Frage der Erinnerung, beieinanderstehen. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte eine Forderung aus dem gemeinsamen Antrag, die mir besonders am Herzen liegt, aufgreifen. Es ist nicht einfach, sich als Jugendliche oder als Jugendlicher auf die historischen Ereignisse unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Deutschland einzulassen, die Ungeheuerlichkeit der Verbrechen des Nationalsozialismus zu verstehen, beispielsweise den Überfall auf Polen, den Zwang der Menschen ins Warschauer Ghetto oder die Deportation in die Vernichtungslager. Gedenkstättenfahrten für Schülerinnen und Schüler an unseren Schulen sind für uns ein ganz wichtiger Bestandteil einer Kultur des Erinnerns und des Gedenkens. Geschichte ist nicht in erster Linie das Erlernen von Zahlen und Fakten aus Lehrbüchern. Geschichte besteht aus Erlebnissen und Gefühlen. Kollege Dr. Berg-Landtag mann hat uns gerade auf eine Reise durch die Altstadt von Warschau mitgenommen. Dieses Nachempfinden, dieses Erleben ist so wichtig. Das gelingt insbesondere an Orten und Stätten, die mit diesen Taten und Geschehnissen verbunden sind. „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“ Dieses berühmte Zitat von Willy Brandt nach seinem Kniefall kennen Sie wahrscheinlich alle. Über den Besuch von Gedenkstätten und die dort gewonnenen Eindrücke wird für Schülerinnen und Schüler greifbar, was kaum in Worte zu fassen ist. Ein Besuch in einer Gedenkstätte sollte für jede Schülerin und für jeden Schüler im Laufe der Schulzeit möglich werden. Das ist für uns und meine Fraktion, die SPD-Fraktion, ein ganz wichtiger Punkt in diesem gemeinsamen Antrag, um zu lernen, dass Mut und Entschlossenheit notwendig sind, um aufzustehen gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Unrecht und Unterdrückung, gegen Zwang- und Gewaltherrschaft. Denn wir werden unsere Werte, unseren Rechtsstaat und unsere Demokratie nie wieder aus der Hand geben! – Herzlichen Dank. (Beifall von der SPD, der CDU, den GRÜNEN und der FDP)

Protokoll ↗