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Dr. Günther Bergmann

CDU 04.05.2023 Sitzungen 18/31

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen, meine Herren! Am Schloss in Warschau wähnt man sich in einer schönen Altstadt. Der Eindruck trügt: Das historische Zentrum der polnischen Hauptstadt ist nur ein perfektes Duplikat dank perfekter polnischer Handwerkskunst. Im Herbst 1944 wurde das Original durch Deutsche zerstört. 14 Monate vorher geschah dasselbe im nicht weit entfernten Warschauer Ghetto. Wenn man vom Schloss an den Sächsischen Gärten vorbei nach Südosten läuft, kommt man in die früheren – Zitat – jüdischen Wohnbezirke von Warschau in und um Wola. Auch dieser Bereich wurde von den Deutschen dem Erdboden gleichgemacht. Einen kleinen Eindruck von dem früheren Ghetto bekommt man heute nur noch mittels der überall aufgestellten und aufgeständerten Ferngläser, die die damalige Situation in den Ghettostraßen zeigen. Schon kurz nach dem Überfall auf Polen waren im ganzen Land Ghettos eingerichtet worden. Nach der Einverleibung auch des östlichen Teils Polens gab es über 600 Orte der Entrechtung, des Hungers, des Verhungerns und des Mordes, die größten darunter in Lemberg, in Lodz und in Warschau, wo von den etwa 1,3 Millionen Einwohnern rund 350.000 jüdischen Glaubens waren. Ab Juli 1942 kam es dann im Rahmen der sogenannten Aktion Reinhardt zur schrittweisen Auflösung des Ghettos sowie der genau geplanten Deportation der Landtag Jüdinnen und Juden und deren anschließenden Ermordung primär im Vernichtungslager in Treblinka. Täglich zwischen 5.000 und 7.000 Ghettobewohner wurden über den Bahnhof Warszawa Gdańska in den Tod getrieben. Ein Teil des Bahnhofs wurde dafür zum – zynisch so bezeichneten – „Umschlagplatz“. Er ist heute wohl einer der bedrückendsten Gedenkorte im früheren Ghetto. Dort steht eine große Wand mit dem deutschen Wort „Umschlagplatz“ und 400 jüdischen Vornamen von A bis Z, stellvertretend für alle Opfer. Vom 19. April bis zum 16. Mai 1943, also genau vor 80 Jahren, kam es dann zu Kampfhandlungen zwischen den jüdischen Entrechteten und den deutschen Besatzern. Symbolträchtig und pervers zugleich wurde die Niederschlagung des überraschend starken und zähen Widerstandes der jüdischen Kampforganisationen seitens der SS mit der Sprengung der Großen Warschauer Synagoge und dem sprichwörtlichen Niederwalzen sämtlicher Gebäude abgeschlossen. Wer heute die Reste des alten zaristischen und während der Besatzung auch von den Deutschen genutzten Gefängnisses Pawiak besucht, kann erahnen, wie brutal die Deutschen vorgingen. Folter und Mord an gefangen genommenen Widerstandskämpfern waren dort an der Tagesordnung. Die wenigen Überlebenden entkamen meist über die unterirdische Kanalisation, was heute so beeindruckend im Jüdischen Museum im Warschauer Zentrum dokumentiert wird. Sie taten sich dann mit den Widerstandskämpfern der Armia Krajowa, der polnischen Heimatarmee, zusammen und beteiligten sich 1944 am zweiten Aufstand in Warschau. Polen hat unglaublich unter der deutschen Besatzung gelitten. Das gilt für die christliche und die jüdische Bevölkerung zugleich. Bei etwa 35 Millionen Einwohnern – davon rund 10 % jüdischen Glaubens – ist von 16 % Opfern auszugehen, ein Großteil davon jüdisch. Um es einmal zu verdeutlichen: Das wäre so, als wenn heute ein Besatzer in Deutschland einfiele und sämtliche Einwohner von Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg ermorden würde – vom Kleinkind bis zum Greis. Der Aufstand im Warschauer Ghetto ist ein Symbol des unerschrockenen Widerstandes und des unbeugsamen Willens zum Überleben. 80 Jahre nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto ehren wir den Mut der Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen das menschenverachtende System des Nationalsozialismus verloren. Ich bitte daher um Unterstützung für unseren Antrag. – Schönen Dank. (Beifall von der CDU, der SPD, den GRÜNEN, der FDP und Dr. Martin Vincentz [AfD]) 04.05.2023

Protokoll ↗