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Zacharias Schalley

AfD 30.03.2023 Sitzungen 18/28

Herr Präsident! Werte Damen und Herren! „Herzog von Cumberland“, „Josephine von Mecheln“, „Minister von Hammerstein“, „Baronin von Mello“ und „Geheimrat Dr. Oldenburg“: Diese Namen bezeichnen nicht etwa die Figuren aus einem Gesellschaftsroman von Theodor Fontane, nein, hierbei handelt es sich um alte Obstsorten, genau genommen um Äpfel und Birnen, und zwar nicht um irgendeinen Apfel oder irgendeine Birne, sondern um einzigartige Sorten mit unnachahmlichem Eigengeschmack und kulturell wertvoller Geschichte – habe ich gelesen; denn es ist unglaublich schwierig, solche speziellen alten Obstsorten zu bekommen, nicht nur zum Verzehr, sondern auch als Bäumchen für den eigenen Garten. Viele Bürger wünschen sich das. Sie wünschen sich das Regionale. Sie wünschen sich ein Stück unverwechselbare Heimat. Es gibt unglaubliches Potenzial für die Produktwerbung. Was für Weinkenner entscheidend ist, die Rebsorte, findet im Bereich von Obst, aber auch Gemüse oder gar Getreide praktisch nicht statt. Statt einfach nur zu schreiben, dass das Getränk Apfelsaft enthält, müsste eigentlich auch die Sorte genannt werden: Apfelsaft gepresst aus „Geheimrat Dr. Oldenburg“. Das klingt doch nach Charakter. Ich sehe schon die Craft-Mostereien aus dem Boden sprießen, in denen die ganzen Hipster heimisches Obst zu individuellen Getränken verarbeiten. Was gibt es bisher? Wie steht es denn um den Sortenschutz in NRW? Wir haben in einer Kleinen Anfrage nachgehakt. Was wir als Antwort bekamen, ist geradezu deprimierend. Unterm Strich gibt diese schwarz-grüne Landesregierung, die sich den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen auf die Landtag Fahne schreibt, verschwindend wenig für den Schutz des Ursprungs unserer Lebensmittel und den Erhalt und die Steigerung der Biodiversität in der Landwirtschaft aus. Es ist traurig. In den letzten 100 Jahren sind 90 % unserer heimischen Kulturpflanzen ausgestorben. Der Verlust der Agrobiodiversität hat mit dem Klimawandel nichts zu tun, sondern liegt an dem Wandel von Konsum und Wirtschaften. Die Verwendung immer weniger essbarer Pflanzenarten für den globalen Verzehr sowie deren geringe Verfügbarkeit sind ein anhaltender Trend. Gleichzeitig ist die Saatgutwertschöpfungskette komplexer geworden, da Saatgut nicht mehr in landwirtschaftlichen Gemeinschaften produziert wird. Die Züchtung, Saatgutbehandlung, Vermehrung und Verteilung sowie die Laboruntersuchung dazwischen könnten alle unter einem Dach stattfinden, sind aber meist auf wenige spezialisierte Unternehmen verteilt, die das Erbgut der Nutzpflanzen als Betriebsgeheimnis hüten und am liebsten noch Patente darauf anmelden, um ihre Monopole zu sichern. Es gibt Auswüchse bei der Patentierung von neuen Sorten, die eigentlich jeder Logik von Anbau und Ernte widersprechen – Saatgut, das nur einmal keimt und als Pflanze unfruchtbare Samen austreibt. Diese sogenannte Terminator-Technologie stärkt Agrarkonzerne und schafft Monopole. Während diese genetische Veränderung als Gefahr immer noch weitgehend unterschätzt wird, werden Patente auf bereits vorhandene Genvarianten angemeldet – immer mehr, immer wieder –, und die Konzentration der Marktmacht auf dem EU-Saatgutmarkt nimmt täglich zu. Die schwarz-grüne Landesregierung unternimmt nichts und lässt es geschehen. Dabei wird ganz aktuell eine neue EU-Saatgutverordnung diskutiert. Es wird Zeit, sich dabei einzubringen. Selbstverständlich ist hier der Nationalstaat gefragt. Aber in dem, was das Land hier tun kann, sind die Möglichkeiten noch nicht ausgereizt. Das geht einher mit einer finanziellen Stärkung der vernachlässigten Projekte. Die bestehenden Programme zeigen das Potenzial. Hunderte alte Obstsorten wurden wiederentdeckt, häufig jedoch als Letzte ihrer Art. Ein Zentrum für Obstvielfalt in NRW mit einer Betriebsfläche von eben mehr als 14 ha wäre ein starkes Signal – gepaart mit einer Vision, dass Obst, Gemüse und Getreide vielschichtiger sind als der sprichwörtliche aufgewärmte Kohl. Wir müssen das Wissen um alte Nutzpflanzen sammeln, verbreiten und sie wieder in den Konsum einbringen. 30.03.2023 Es gibt zahlreiche Musterbeispiele. Im Berchtesgadener Land zum Beispiel wird Brot mit mindestens 80 % regionaltypischen alten Getreidesorten gebacken. Dieses Landbrot ist sogar als Biosphären-Produkt zertifiziert. In Emmerich, Neukirchen-Vluyn und weiteren Städten gibt es regelmäßige Saatgutbibliotheken. Aber es sind vor allen Dingen Ehrenamtler und Liebhaber, die alte Gemüse- und Obstsorten bewahren. Diese Kompetenzen müssen gebündelt und unterstützt werden, damit auch spätere Generationen noch wissen, dass Gurken auch krumm sein können. Zum Abschluss appelliere ich daher noch einmal mit einem Verweis auf Theodor Fontane an Sie: Folgen wir dem Beispiel des alten Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, auf dessen Grab ein Birnbaum stand, und sorgen wir dafür, dass auch künftige Generationen sich an dem erfreuen können, was wir zu Lebzeiten gesät haben. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)

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