Christin-Marie Stamm
Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Die Girls’ and Boys’ Academies beschäftigen uns schon seit einigen Jahren immer mal wieder in unregelmäßigen Abständen: während der letzten Wahlperiode auf Antrag von CDU und FDP, heute in neuer Konstellation von CDU und Grünen. Was ist in dieser Zeit geschehen? Dazu ein kurzes Zwischenfazit: Die Academies wurden in fünf Pilotkommunen eingerichtet. Vorgesehen ist ein Umfang von 60 Stunden pro Schuljahr. Leider wurde die Arbeit bis vor Kurzem stark durch die Pandemie beeinträchtigt. Das alles ist bekannt. Wo stehen wir also? Konstruktive Kritik an dem Vorhaben hat die SPD-Fraktion bereits in der letzten Wahlperiode geäußert. Die Bedenken sind seitdem nicht kleiner geworden, denn unsere Hinweise finden sich auch im aktuellen Antrag nicht wieder. Das gilt zum Beispiel für den mangelnden Fokus auf die speziellen Bedürfnisse von Mädchen mit Migrationshintergrund. Zudem ist bereits 2018 nicht zuletzt von den Grünen die unklare Verknüpfung der Academies mit dem bereits gut etablierten Schule-Beruf-Übergangssystem „Kein Abschluss ohne Anschluss“ gerügt worden. Auch hier fehlt eine adäquate Weiterentwicklung des Programms. (Beifall von der SPD) Der entsprechende Bedarf steht außer Frage. Zum Ende des Schuljahres 2020/2021 haben in NRW 47.500 junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen. Diese Zahl kann uns nicht kaltlassen, denn die Konsequenzen für die jungen Menschen sind erheblich. Ein deutlich erschwerter Einstieg in den Arbeitsmarkt, dauerhaft geringeres Einkommen und weniger Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sind nur drei Beispiele dafür. Auch aus gesamtgesellschaftlicher Sicht können wir es uns in Zeiten des sich zuspitzenden Fachkräftemangels schlicht nicht leisten, das Potenzial junger Menschen viel zu oft brachliegen zu lassen. Dennoch ist klar, dass das Kernanliegen unsere Unterstützung findet. Für mehr Frauen in noch immer typischen Männerberufen und mehr Männer in typischen Frauenberufen braucht es breitere Unterstützung. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe aller Beteiligten – Eltern, Schulen, Unternehmen, Medien und Staat. Ebenso können atypische Rollenvorbilder sowohl Mädchen wie auch Jungen unterstützen, denn Mädchen, die sich für einen Handwerksberuf interessieren, brauchen viel Zuspruch und Ermutigung, den Berufsweg einzuschlagen. Genauso benötigen Jungen, die sich für die helfenden Berufe begeistern, den Austausch mit den dort Beschäftigten, die für ihre 29.03.2023 Aufgaben brennen und ihre Berufung gefunden haben. Zudem brauchen wir in den Schulen didaktische Konzepte für eine jahrgangsübergreifende Beschäftigung mit dem Themenfeld „Berufswahlorientierung“ und dem Aufbrechen von starren Geschlechterrollen. (Beifall von der SPD) Außerhalb der Schulen sind Unternehmen, Verwaltungen und Handwerksbetriebe aufgerufen, einen Kulturwandel in der Berufsausbildung herbeizuführen und auf diesem Weg geschlechterspezifische Berufsbilder zu durchbrechen. Denn Mädchen für die MINT-Berufe zu begeistern und Jungen für ein Berufsleben in den helfenden Berufen zu interessieren, bleibt eine kontinuierliche Herausforderung der nächsten Jahre. Aktionstage wie der Boys’Day und der Girls’Day sowie die Academies können dabei als flankierende und ergänzenden Maßnahmen Wirkung entfalten. Ihr Antrag beinhaltet leider zu wenig Substanz für eine Weiterentwicklung. Ähnliches gilt auch für den Änderungsantrag. Daher werden wir uns in beiden Fällen enthalten. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)
