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Susanne Schneider

FDP 10.03.2023 Sitzungen 18/26

Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Für Kinder, die vor, während oder unmittelbar nach der Geburt versterben, gibt es inzwischen den Begriff „Sternenkinder“. Doch diese wunderbare und gleichzeitig melancholische Wortschöpfung kann nicht darüber hinwegtäuschen, welches Leid die betroffenen Eltern empfinden. Oft quälen sie sich mit Schuldgefühlen. Betroffene Frauen fühlen sich stigmatisiert, weil sie kein Leben schenken konnten. Häufig hören die Eltern im Krankenhaus dann Sätze wie: Ihr seid noch so jung, ihr könnt noch so viele Kinder bekommen. Eine Klinikpastorin äußerte sich folgendermaßen: Die Hebammen können Sie nicht um Hilfe fragen, die haben genug mit den lebendigen Kindern zu tun. Als ein Psychologe um eine Therapie nach einer Fehlgeburt gefragt wurde, meinte dieser: Ich weiß nicht, was Sie hier wollen, es gibt wirklich Schlimmeres. Gestern rief mich noch ein betroffener Vater an. Er wollte, nachdem seine Frau in der 38. Woche das Kind tot auf die Welt gebracht hatte, einen Rehaplatz für seine Frau haben. Die zuständige Sachbearbeiterin meinte: Nein, das Kind hat nicht einmal geatmet, deshalb wird diese Reha abgelehnt. – Oftmals finden Eltern selbst in der eigenen Familie oder im Freundeskreis keine Hilfe, weil die Trauer einfach nicht verstanden wird oder weil die Erfahrungen mit Fehl- und Totgeburten noch immer tabuisiert werden. Die Bild-Zeitung berichtete vorgestern, dass jede dritte Schwangerschaft in Deutschland mit einer Fehlgeburt endet. Die internationale Daten- und Forschungslage zu Fehl- und Totgeburten ist aber immer noch unzureichend. Ohne entsprechende Daten bleibt jedoch der medizinische Fortschritt kaum messbar. Ohne medizinische Daten wird auch die Erforschung von Ursachen bei Fehl- und Totgeburten schwierig. Das muss sich dringend ändern. Das Land muss daher gemeinsam mit den Krankenhäusern und medizinischen Fakultäten in Nordrhein-Westfalen eine Strategie entwickeln, um die Erhebung der Daten und die Forschung zu verbessern. Dabei sollten insbesondere auch gesundheitliche Risikofaktoren untersucht werden. Wir brauchen aber nicht nur eine bessere Erforschung, um die Zahl der Fehl- und Totgeburten zu senken, wir müssen gerade auch mehr für diejenigen tun, die bereits einen Verlust erlitten haben. Betroffene sind durch die Erlebnisse traumatisiert, werden häufig depressiv, leiden an Angstzuständen oder denken gar an Suizid. Landtag Die Betreuung in den Krankenhäusern muss daher dringend verbessert werden. Es darf keine Frage des Zufalls sein, ob Krankenhäuser über Personal verfügen, das für solche Fälle geschult ist. Zu oft werden Eltern mit ihrer Trauer und vielen Fragen alleingelassen. Die Nachsorge muss neben der körperlichen Behandlung vor allem auch seelische Unterstützung umfassen. Der Mutterschutz und der von der Bundesregierung geplante Partnerschutz muss von Totgeburten auf Fehlgeburten vor der 24. Schwangerschaftswoche ausgeweitet werden. Bitter ist derzeit auch, wie mit der Erinnerung an Sternenkinder umgegangen wird. Fehlgeburten werden im Gegensatz zu Totgeburten nicht im Personenstandsregister beurkundet. Das ist zwar seit 2013 möglich, wenn die Betroffenen es wünschen, aber über diese Möglichkeit muss auch angemessen informiert werden. Auch Regelungen zu tot- oder fehlgeborenen Kindern im Bestattungsgesetz wirken nicht mehr angemessen und gehören dringend auf den Prüfstand. Wünschenswert wären besondere Orte der Trauer. In manchen Kommunen gibt es bereits Sondergrabstätten für die Bestattung von Sternenkindern. Vereinzelt haben Städte auf ihren Friedhöfen auch Kunstwerke oder Stelen aufgebaut, um den Eltern einen Ort der Trauer zu bieten. Diese Ideen sollten gemeinsam mit den kommunalen Spitzenverbänden und den Friedhofsverbänden weiterverbreitet werden. Abschließend möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die sich für die Sternenkinder oder für deren Eltern engagieren und tagtäglich – in der Regel ehrenamtlich – dafür sorgen, dass es den Betroffenen besser geht. Eine Initiative, zu der ich kam, ist mir besonders wichtig. Das ist die Stiftung DEIN-STERNENKIND.EU. Fotografen haben sich zusammengeschlossen und fotografieren ehrenamtlich die Sternenkinder, damit Eltern, wenn sie das wünschen, das erste und gleichzeitig auch das letzte Foto ihres Kindes haben. Fehl- und Totgeburten dürfen kein Tabuthema bleiben. Sie müssen als Verlust anerkannt und respektiert werden. – Ich danke Ihnen. (Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der CDU, der SPD, den GRÜNEN und der AfD)

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