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Hendrik Wüst

09.03.2023 Sitzungen 18/25

Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Meter tief begraben unter den Trümmern ihres Hauses im türkischen Kirikhan liegt Zeynep nach dem verheerenden Erdbeben vom 6. Februar in der Türkei und in Syrien – schwer verletzt, frierend, hilflos; neben ihr Mitglieder ihrer Familie: tot. Man kann sich nicht vorstellen, wie diese Frau sich gefühlt haben muss: Angst und Ohnmacht. Irgendwann hört sie Stimmen, jemand nimmt Kontakt zu ihr auf, und über einen langen Schlauch bekommt sie Trinkwasser. Eine mehr als 50-stündige Rettungsaktion beginnt, 50 Stunden, in denen die Helferinnen und Helfer bis an den Rand der Erschöpfung gehen und auch darüber hinaus, um Zeynep zu befreien. Das Wunder gelingt: Vier Tage nach dem Erdbeben wird Zeynep lebend aus den Trümmern ihres Hauses geborgen. Als das erste Sonnenlicht auf ihr Gesicht fällt, als sie die Stimme ihrer Schwester hört, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Tamara Reiher war als Helferin bei Zeyneps Rettung dabei. Sie ist Hundeführerin der Hilfsorganisation I.S.A.R Germany. Ich habe sie und viele andere Helfer in der vergangenen Woche getroffen. Sie erzählte mir, wie sie in Schichten an der Rettung Zeyneps gearbeitet haben und keiner nach Schichtende gehen wollte; man musste sich quasi gegenseitig wegschieben: Ruh dich mal aus! Als sie irgendwann wiederkam, um in ihrer Schicht zu helfen, sei sie, die Helferin, von der verschütteten Zeynep mit der Frage begrüßt worden: Wie geht es Ihnen? – Die Verschüttete, die Hilfe braucht, begrüßt die Helferin mit der Frage: Wie geht es Ihnen? – Landtag Tamara Reiher wird diesen Moment niemals vergessen, so, wie wir das Schicksal von Zeynep nicht vergessen werden. Viele von Ihnen haben die Rettung aus der Ferne mitverfolgt, über sie ist in deutschen Medien breit berichtet worden. Wir haben mitgefiebert, wir haben gebetet, gehofft, und wir waren glücklich und erleichtert, als die Rettung tatsächlich gelungen war. Wir waren dann bestürzt und traurig, als uns die Nachricht erreichte, dass Zeynep im Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen ist. Man könnte jetzt glauben: Was für ein Rückschlag, was für ein Misserfolg. – Nein, die Helferinnen und Helfer haben mir berichtet, dass es nicht so ist, denn man konnte Zeynep befreien, und sie ist in den Armen ihrer Angehörigen gestorben. Allein das ist all den Einsatz wert gewesen. Zeynep Hanım, korkmayın, ben Daniel; Frau Zeynep, habe keine Angst, ich bin Daniel. – Mit diesem Satz versuchte Dr. Daniel Lankers von I.S.A.R. Germany, der Verschütteten Mut zu machen. Es gibt ein kurzes Video, das Hunderttausende Menschen in den sozialen Medien gesehen und immer wieder geteilt haben. Dr. Daniel Lankers ist in der Türkei ein echter Held, auch bei uns. Dieser Satz ist ein Symbol für den unglaublichen Hilfseinsatz geworden, aber auch für tiefe Verbundenheit und Freundschaft zwischen der Türkei und Deutschland. Deutschland und die Türkei – das ist nicht nur eine Freundschaft der Staaten, der Offiziellen, sondern auch der Menschen, die in dieser schlimmen Situation noch einmal enger zusammengerückt sind. Auch die Menschen hier in Nordrhein-Westfalen, mit und ohne türkische oder syrische Wurzeln, sind alle noch einmal enger zusammengerückt. Mir ist es wichtig, allen Helferinnen und Helfern heute noch einmal zu danken. Da opfern Menschen ihre Freizeit. Hundeführer müssen zweimal in der Woche üben, damit der Hund die Fähigkeiten trainiert. Zweimal in der Woche nach der Arbeit, wenn andere anderen Hobbys nachgehen, trainieren diese Menschen. Sie sind in der Lage, sehr, sehr schnell zu reagieren, weil ihnen zu Hause die Familienmitglieder und die Arbeitskolleginnen und -kollegen jeweils den Rücken freihalten. Auch an sie wollen wir heute denken. Sie müssen so schnell sein, weil in solchen Situationen jede Stunde, jede Minute zählt. 36 Stunden nach dem schlimmen Erdbeben waren erste Helferinnen und Helfer aus Deutschland, aber auch aus vielen anderen Ländern da. Sie riskieren die eigene Gesundheit, das eigene Leben, um anderen Menschen zu helfen. Viele sind heute da, ich erkenne manche Gesichter wieder von action medeor, vom Arbeiter-Samariter-Bund, vom THW, vom Bundesverband Rettungs-09.03.2023 hunde, von I.S.A.R. Germany, von den Maltesern. Auch – und das finde ich sehr beeindruckend – Helferinnen und Helfer ohne Organisation und ohne ein konkretes Ziel haben sich auf den Weg gemacht, um zu helfen: eine Gynäkologin und zwei Hebammen aus dem Rheinland Klinikum Neuss, ein Ärzteteam, das zufällig aufgrund von familiärer Bekanntschaft, Verwandtschaft von REWE unterstützt wurde. Menschen, die wiederum auf die Hilfe anderer angewiesen sind, sich zu Gruppen zusammentun und ganz spontan in die Hilfsgebiete fahren – das ist Ausdruck einer ganz unbeschreiblichen Welle der Hilfsbereitschaft. Es wurden Spenden gesammelt, Lager eingerichtet, Hilfstransporte organisiert. Die Hilfe, die im Erdbebengebiet und auch hier bei uns in Nordrhein-Westfalen geleistet wurde und geleistet wird, steht für das Beste in unserem Land, für Solidarität und Mitmenschlichkeit. (Beifall von allen Fraktionen) Jetzt liegt das Erdbeben mehr als einen Monat zurück. Die Bilder sind von den Titelseiten, aus den Abendnachrichten weitestgehend verschwunden, aber die Not ist weiterhin unglaublich groß: 100.000 Verletzte, anderthalb Millionen Menschen ohne Obdach, vielfach ohne Zugang zu sauberem Wasser. Der Wiederaufbau wird Jahrzehnte dauern. Nordrhein-Westfalen wird seine Freundinnen und Freunde in der Türkei und in Syrien dabei unterstützen, die Trümmer zu beseitigen und ihre Heimat wieder aufzubauen. Doch die zerstörten Häuser sind nur das eine, die Menschen und ihr Schmerz, ihre Not und ihre Ängste sind noch viel wichtiger. Die psychologischen Folgen des Erdbebens sind enorm und werden erst im Laufe der Zeit in all ihrer schlimmen Dimension sichtbar. Umso wichtiger ist es, die Region und die Menschen im Blick zu behalten und immer wieder deutlich zu machen: Sizin yanındayız, nahn maakom, wir stehen an eurer Seite, wir sind da, und wir helfen, wo immer wir können. (Beifall von allen Fraktionen)

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