Andreas Keith
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Circa 5,7 Millionen sowjetische Soldaten gerieten während des Zweiten Weltkriegs in deutsche Kriegsgefangenschaft. Für mehr als die Hälfte von ihnen kam die Gefangennahme einem Todesurteil gleich. Ihre Behandlung war oftmals nicht nur verbrecherisch, sondern auch barbarisch. Innerhalb weniger Monate starben 2 Millionen der bis Ende 1941 gefangen genommenen 3,4 Millionen sowjetischen Soldaten. Sie starben durch Kälte, Hunger, Krankheit oder unmenschliche Arbeitsbedingungen. Wenn sie ihre Arbeitsleistung nicht mehr erbringen konnten, wurden sie erschossen, durch Gas vernichtet, zu Tode gequält oder geprügelt. Der Rest überlebte den Transport zu den Gefängnissen, Konzentrations- oder Straflagern erst gar nicht, sondern ging in den Viehwaggons elendig zugrunde. Einige wenige von ihnen haben der Nachwelt ihre Erinnerungen hinterlassen. Diese Zeitzeugen helfen uns heute dabei, der fast vergessenen Opfergruppe der Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen eine Stimme zu geben. Sie sollen nicht länger stumm bleiben. Eine dieser Stimmen war die von Fjodor Michajlowitsch, geboren 1924 als Sohn einer armen Bauernfamilie im Dorf Golowanewsk in der heutigen Ostukraine. Fjodor wird 1938 Musiker in einer Militäreinheit, 1941 wird er verwundet, von der Wehrmacht gefangen genommen und landet zunächst in einem Lager bei Minsk. Er schreibt – Zitat –: „Diejenigen, die sich nicht mehr fortbewegen konnten, wurden auf der Stelle erschossen. Der ganze Weg war mit Leichen der Erschossenen bedeckt.“ 1942 wird er nach Deutschland deportiert, wo er in einem Bergwerk in Wanne-Eickel Zwangsarbeit leistete und sich fühlte wie – Zitat –: 08.03.2023 „ein entrechteter Sklave mit einer Nummer […]. Die Nahrung reichte gerade zum Überleben. Mir haben allerdings die deutschen Kumpel geholfen. Sie gingen ein großes Risiko ein: Wegen der Hilfe für die Gefangenen hätten sie ins Visier der Gestapo geraden können.“ Im Mai 1945 wird er durch die Alliierten befreit und den sowjetischen Militärbehörden übergeben. Doch das Erste, was er dort zu hören bekommt, ist: „Na, meine Herren Verräter … seid ihr angekommen?“ – Man wirft ihm Kollaboration und freiwillige Arbeit bei den Deutschen vor. Er wird verhört, gefoltert und schließlich zu 15 Jahren Verbannung und Zwangsarbeit verurteilt. Die Geschichte von Fjodor Michajlowitsch ist geprägt von persönlicher Erniedrigung, erlittenem Leid und Unrecht. Jahrzehntelang wurden diese Menschen, die am Ende Opfer zweier Diktaturen waren, von ihrem eigenen Land, aber auch von Deutschland vergessen. Mit mehr als 3 Millionen Toten sind die sowjetischen Kriegsgefangenen eine der größten Opfergruppen nationalsozialistischer Massenverbrechen. Dennoch wird bis heute kaum an sie erinnert. Von den Nationalsozialisten wie Sklaven behandelt, standen sie in der Sowjetunion unter dem Generalverdacht des Verrats und wurden jahrzehntelang gesellschaftlich, sozial und beruflich geächtet, ausgegrenzt und benachteiligt. Daher unterstützen wir die Umgestaltung der Gedenkstätte Stalag 326 in Senne zu einer Dokumentationsstätte, die dem Gedenken an die ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen angemessen gerecht wird. Sie sollte aber auch Erinnerungen an die mehr als 3 Millionen von insgesamt 27 Millionen Menschen wachhalten, die die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg verloren hat – mehr als jedes andere Land. Russen, Weißrussen, Ukrainer, Kasachen, Kirgisen, Armenier – Soldaten aus 15 Volksgruppen kämpften in der sowjetischen Armee gegen den Nationalsozialismus. Ihr Beitrag zur Befreiung Europas darf nie in Vergessenheit geraten. Ob es den Alliierten ohne die Opferbereitschaft dieser Menschen je gelungen wäre, die Wehrmacht an der Westfront zurückzudrängen? Wohl kaum. Den Hinterbliebenen aller Opfer dieser Grausamkeit gebührt endlich ein angemessener Ort des Gedenkens, der gleichzeitig die Möglichkeit bietet, sich mit diesem grausamen Kapitel der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen, ein Ort, der den nachfolgenden Generationen aufzeigt, dass Frieden, wie wir ihn in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erleben durften, eben keine Selbstverständlichkeit ist. Die Dokumentationsstätte Stalag 326 soll der Menschheit als Mahnmal gegen Diktatur und Willkür-Landtag herrschaft dienen, ein Fels in der Brandung wider das Vergessen, all jenen gewidmet, die stumm geblieben sind und nicht genug Leben hatten, ihre Geschichte zu erzählen. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
