Andreas Keith
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Kempten: Von hinten niedergeschlagen und bewusstlos. „Eine Hand von einem Spieler griff mir an den Hals und drückte zu, sodass ich keine Luft mehr bekam. Ich hatte Angst wie noch nie in meinem Leben.“ Zitat Dietmar F. Frankfurt: 16-jähriger Spieler beleidigt, bedroht und schlägt Schiedsrichter blutig. „Als Schiedsrichter musst du Angst haben, ob du heil nach Hause kommst.“ Zitat Metehan B. Münster: Schiedsrichter bewusstlos geschlagen. „Ich bin seit zehn Jahren Schiedsrichter, aber das war mein letztes Spiel.“ Zitat Nils C. Bochum: Trainer, Betreuer und Fans der Gastmannschaft gehen nach Abpfiff auf Unparteiischen los. Sie schlagen ihm die Pfeife aus dem Mund und treten ihn krankenhausreif. Die Liste brutaler Angriffe auf Schiedsrichter ließe sich leider mühelos fortführen. Sie ereignen sich bundesweit in regelmäßigen Abständen und mit zunehmender Brutalität. Hier sind die Politik, der DFB, die nachgeordneten Verbände und die Vereine in der Verantwortung, konsequent gegenzusteuern, damit sich die Gewaltspirale der letzten Monate nicht immer schneller und brutaler weiterdreht. 26.01.2023 Die immer gleichen Betroffenheitsfloskeln bei Gewaltausbrüchen gegen Schiedsrichter, die aus der Politik und von den Spitzenfunktionären mit großspurigen Ankündigungen von harten Maßnahmen, Präventionsprogrammen und Handlungsempfehlungen zu hören sind, werden in Zukunft nicht mehr reichen, um unsere Schiedsrichter und den überwiegend großen Teil der begeisterten Amateurfußballer und Zuschauer vor diesen Irren zu schützen. Ob ein Verhaltenstraining für Schiedsrichter mit dem Titel „Deeskalierende Gestik und Mimik“ vor gewaltbereiten jungen Männern wirklich schützt, darf an dieser Stelle bezweifelt werden. Wenn die falsche Mimik oder Gestik darüber entscheidet, ob man auf dem Platz zusammengeschlagen oder zusammengetreten wird, glaube ich nicht, dass Mimik oder Gestik das Problem sind. Das eigentliche Problem sind doch die Gewalttäter, die mehr und mehr den Respekt nicht nur vor dem Schiedsrichter, sondern im Allgemeinen vor dem Staat und dem Ehrenamt verlieren und wissen, dass ihnen im schlimmsten Fall nur eine kurze Sperre oder eine geringe Geldstrafe droht. Der Fußball ist hier nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der Kontrollmechanismen wie Regeln, die auf dem Fußballplatz bisher der Schiedsrichter verkörpert, immer mehr verloren gehen. Wer Rettungskräfte beschießt und beleidigt und mit Feuerlöschern bewirft, wird auch auf dem Fußballplatz keine allzu großen Hemmungen haben, seine Aggressionen auszuleben. Erst im vergangenen Herbst hat der Deutsche Fußball-Bund einen Rekord bei der Zahl an Spielabbrüchen im Amateurfußball verkündet. In der Saison 2021/2022 hatten die Schiedsrichter laut DFB 911 Spiele vorzeitig beenden müssen – so viele wie noch nie in einer Saison zuvor. Dazu DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann: „Niedrige Zahlen im Promillebereich dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede Gewalthandlung gegen eine Schiedsrichterin oder einen Schiedsrichter schwere Auswirkungen haben kann. […] Wir erleben Fälle, da sind Opfer derart psychisch geschädigt, dass ihnen die Freude am Schiedsrichter-Job verloren geht.“ Was Herr Zimmermann nicht berücksichtigt, ist die Tatsache, dass Gewalt eben nicht nur und nach dem Spiel stattfindet, wie das Beispiel in Bochum zeigt, sondern auch am Spielfeldrand, wo Trainer, Betreuer und Zuschauer die Atmosphäre durch aggressives Gebrüll, übelste Beleidigungen und Drohungen mit anheizen. Würden hier nur die strafbaren verbalen Entgleisungen und Gewaltandrohungen geahndet werden, müssten viel mehr Spiele abgebrochen werden. Ich kann mich persönlich noch sehr gut an die Jugendspiele meiner Söhne erinnern, wo bei Entscheidungen des Schiedsrichters Eltern teilweise zu Landtag Furien wurden und Trainer regelrecht die Beherrschung verloren. Hier gilt es anzusetzen; denn im Jugendbereich werden die Grundlagen für ein respektvolles und faires Miteinander gelegt. Wer als Schiedsrichter Gewalt erfahren hat, wird sich nicht die Frage stellen, ob die eigene Mimik oder Gestik deeskalierend genug war, sondern ob es sich überhaupt noch lohnt, weiterzumachen. Gab es 2006 noch 81.000 Schiedsrichter in Deutschland, waren es in der Saison 2020/21 gerade noch einmal 44.800. Das bedeutet einen Rückgang um fast 50 % innerhalb von 15 Jahren. Woher kommt dieser eklatante Rückgang? Ein Grund dafür könnte sein, dass sich ein Großteil der neu ausgebildeten Schiedsrichter binnen eines Jahres wieder von der Tätigkeit als Schiedsrichter verabschiedet. Denn wer opfert schon für einen eher symbolischen Spesensatz und eine kleine Fahrtkostenerstattung seine Freizeit und stellt sich auf einen Fußballplatz, um sich von Eltern und Trainern anschreien und von gewalttätigen Jugendlichen schlagen und treten zu lassen? Umso mehr verdient es hohe Anerkennung und Respekt, mit welcher Begeisterung und mit welchem Engagement sich immer noch so viele Menschen als Schiedsrichter engagieren. Ohne diesen Einsatz könnte der Amateurfußball nicht in der gewohnten Art und Weise aufrechterhalten werden. Neben dem Dank gilt es jetzt aber, entsprechende Maßnahmen einzuleiten, um die Schiedsrichter besser zu schützen und ihnen die Anerkennung zukommen zu lassen, die sie verdienen. Wir fordern den DFB und die Fußballverbände daher auf: Beleidigungen und Übergriffe im Besonderen von Eltern und Trainern gegen Schiedsrichter müssen bereits im Jugendbereich konsequent verfolgt und unter Ausschöpfung aller zur Verfügung stehender Möglichkeiten geahndet werden. (Beifall von der AfD) Wir fordern auch dazu auf, die Vereine bei der Bereitstellung von Ordnern und bei der Bestellung von Schiedsrichtern finanziell zu unterstützen, die Schiedsrichter- und Fahrtkostenpauschale deutlich zu erhöhen, um zumindest die Inflation und die Kostensteigerungen auszugleichen, und sämtliche Kosten der Schiedsrichterausstattung zu übernehmen. Bei den Einnahmen des DFB und bei den großzügigen Vergütungen von Spitzenfunktionären sollte das kein Problem darstellen. Der Fußballplatz darf niemals zum Freiraum für gewalttätige; testosterongesteuerte junge Männer werden, die ihre Gewaltfantasien ungestraft ausleben wollen. Wir sagen deshalb: Schiedsrichter und Rettungskräfte sind kein Freiwild. Der Fußballplatz und unsere Innenstädte sind kein rechtsfreier Raum. Unsere Ehrenamtlichen verdienen den ihnen gebüh-26.01.2023 renden Respekt und die ihnen gebührende Anerkennung. Ihr Schutz steht bei uns an allererster Stelle. Denjenigen, die behaupten, wie das zum Beispiel gestern Frau Kampmann getan hat, Exzesse wie in Berlin, Bochum oder Hagen in der Silvesternacht und Gewaltausbrüche auf Fußballplätzen seien lediglich eine Folge des während der Coronapandemie aufgestauten Frustes, sei gesagt: Emotionen lassen sich kontrollieren, wenn man denn möchte. Auch die ausufernde Gewalt auf unseren Fußballplätzen lässt sich kontrollieren, wenn man die Täter erst einmal benennt. Es reicht schon lange nicht mehr aus, nur die Symptome mit immer neuen Präventionsprogrammen zu bekämpfen. Was wir hier nicht brauchen, ist die x-te Kampagne mit Flyern, Bannern und wohlklingenden Slogans. Davon hatten wir bereits genug. Was wir auch nicht brauchen, ist eine Fußballnationalmannschaft, die sich weltweit zum Affen macht. Was wir schon gar nicht brauchen, ist ein DFB-Vorstand, der Ultragruppen kriminalisiert, die Fans in den Stadien links liegen lässt, für immer mehr Geld den Fußball verkauft und die Amateurvereine alleine lässt, sich aber in schöner Regelmäßigkeit seine Aufwandsentschädigung erhöht. All das brauchen der deutsche Fußball, die Vereine, unsere Schiedsrichter und alle Fans nicht. Ein „So weiter“ darf es im Sinne des Amateurfußballs nicht geben. Lassen Sie uns der Gewalt gegenüber den Schiedsrichtern gemeinsam die rote Karte zeigen und den Amateurfußball zielgerichtet unterstützen. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
