Zacharias Schalley
Herr Präsident! Werte Damen und Herren! Wir beraten unter diesem Tagesordnungspunkt gleich zwei Anträge. Daher will ich meine Rede auch in zwei Kapitel unterteilen. Obwohl wir es in beiden Schriftstücken mit dem gleichen Problem, nämlich dem Fachkräftemangel, zu tun haben, bedarf es doch zwei sehr unterschiedlicher Lösungsansätze, anstatt pauschal nach noch mehr Ihrer bisherigen Rohrkrepierer zu schreien. Aber gut. Fangen wir also mit dem Fachkräftemangel an, der in den Kindertageseinrichtungen herrscht. Vor uns liegt ein Antrag, der exakt den gleichen Missstand aufgreift, den meine Fraktion im gestrigen Antrag auch schon aufgegriffen hat. Grundsätzlich freuen wir uns also darüber, dass auch die regierungstragenden Fraktionen die Fehleranalyse teilen. Allerdings befürworten wir einen realistischeren und besser durchdachten Ansatz. Das ist wenig überraschend. Liebe CDU, liebe Grüne, Ihr Forderungskatalog ist in Teilen nicht einmal falsch, wenn man denn zum Ziel hat, die dauerhafte und totale Fremdbetreuung auszurufen. Es macht zugleich aber auch deutlich, wie aberwitzig dieses Vorhaben ist. Denn auch wenn wir alles aufbieten, was möglich ist, werden wir die Lücke zwischen tatsächlichem Betreuungsbedarf und Betreuungskapazität in den kommenden Jahren niemals schließen können. Sie wollen ein totes Pferd weiterreiten. Einige Teile Ihrer Forderungen sind indes völlig unsinnig – zum Beispiel die Forderung, eine Ausbildungsplatzoffensive starten zu wollen. Ich dachte, der Startschuss für die Offensive in der frühkindlichen Bildung sei längst gefallen. Oder ist das wieder eine neue Disziplin, bei der man noch nicht losgelaufen ist? Sie wollen die Studienplatzkapazitäten in der Kinderpädagogik erhöhen. Warum, bitte schön, sollten wir es noch fördern oder für gut befinden, wenn Erzieher studieren müssen, um diesen Beruf auszuüben? Niemand studiert, um am Ende mit einem Bruttogehalt von etwa 2.700 Euro in der Kita zu sitzen – 26.01.2023 obgleich die wirklich wichtige Arbeit dort eine höhere Bezahlung verdient hätte. Das Einzige, was Sie dadurch fördern, ist eine noch größere Fachkräftefluktuation. Denn sämtliche Erzieher, die über einen wissenschaftlichen Abschluss verfügen, werden die Kita über kurz oder lang wieder verlassen. Sie werden sie lediglich als Zwischenstation oder Berufseinstieg einplanen und schnell die Biege machen, sobald sich eine bessere Perspektive anbietet – was man ihnen bei den Arbeitsbedingungen und dem Gehalt ehrlicherweise nicht verübeln kann. Attraktiver wird der Erzieherberuf durch Aus- und Weiterbildung wohl auch nicht. Wozu studiert man denn, wenn man dann noch Weiterbildungen braucht? Sie wollen den Erziehern die Reibungswärme vom Über-den-Tisch-Ziehen noch als Nestwärme verkaufen. Das ist wirklich an Respektlosigkeit kaum zu überbieten. (Beifall von Enxhi Seli-Zacharias [AfD]) Deshalb appelliere ich noch einmal an Sie: Seien Sie nicht so stur wie die Kleinkinder, deren Betreuung wir hier sicherstellen wollen. Schaffen Sie endlich weitere Betreuungsmodelle zum Wohle der Kinder und ihrer Eltern. Kommen wir zum Schluss noch zu dem Antrag zum Fachkräftemangel im ASD. Ja, die Situation in den Allgemeinen Sozialen Diensten ist dramatisch. Das ist keine Frage. Aber auch hier müssen Sie sich eingestehen, dass die eklatanten Zustände hausgemacht sind. Insofern treffen Sie auch hier sehr wohl richtige Feststellungen. Doch wir bezweifeln, dass zum Beispiel eine Kampagne, die die Arbeit im ASD und in der Jugendhilfe positiv darstellen soll, auch nur ansatzweise die Verfehlung der letzten Jahre wettmachen würde. Generell muss man sich vor Augen führen, wer überhaupt im ASD sitzt. Die Kollegen, die in der letzten Legislaturperiode im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Kindesmissbrauch in Lügde mitgewirkt haben, werden die Antwort kennen. Es sind vor allen Dingen diejenigen, die frisch von der Uni kommen. So sieht es aus. Während man also vorher im warmen und kuscheligen Hörsaal noch über Theodor Adorno, Genderund Queertheorie gesprochen hat, wird man im ASD direkt in die harte und brutale Realität der Kinder- und Jugendhilfe geworfen. Dort trifft man dann auf Kinder in prekären oder gewalttätigen Verhältnissen und findet sich im schlimmsten Fall in einem vermüllten Wohnwagen in Lügde mit Menschen vom Schlage eines Andreas V. wieder. Es ist kein Wunder, dass durch die besondere Belastung in jungen Jahren die Fluktuation noch einmal Landtag stärker ausgeprägt ist. Der ASD ist nur etwas für Hartgesottene. In Ihrer Vorstellungswelt scheint die Realität im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe doch etwas zu rosig zu sein. Diese ist durch Werbekampagnen nicht wegzureden. Vielmehr besteht die Gefahr, dass ein falsches Bild vom Beruf vermittelt wird, was dann den gegenteiligen Effekt hat. Wie so häufig enthält Ihr Antrag schöne Problemdarstellungen, doch substanziierte Lösungsansätze lassen Sie erneut schmerzlich vermissen. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
