Zacharias Schalley
Herr Präsident! Werte Damen und Herren! Es sind Zahlen, die erschrecken: Mehr als eines von vier Kindern erlebt ein signifikantes traumatisches Ereignis vor Erreichen des Erwachsenenalters. Solche Erfahrungen können unter anderem sexueller Kindesmissbrauch, aber auch Gewalterfahrungen im häuslichen Umfeld oder in der Schule – wie von der FDP richtig konstatiert – sein, aber eben auch die monatelange Zwangsisolierung von der sozialen Außenwelt. Obwohl die meisten Kinder ein traumatisches Ereignis psychisch ohne Störungsentwicklung kompensieren könnten, entwickelt eine immer größer werdende Gruppe anhaltende und schwerwiegende Beeinträchtigungen ihrer psychischen Gesundheit. Denn für Kinder und Jugendliche besteht hierbei ein erhöhtes Risiko, weil sie in einer Abhängigkeit und in einem Machtgefälle zu Erwachsenen stehen, und zwar je jünger, desto mehr. Besonders, wenn Gewalt in der eigenen Familie oder im Umfeld erlebt wird, können Kinder und Jugendliche nicht ohne Weiteres aus den möglicherweise traumatisierenden Verhältnissen fliehen. Verschärft wurde das zu Zeiten von Corona, in denen ganze Familien über Wochen hinweg zu Hause eingesperrt waren; im schlimmsten Fall haben Sie durch Ihre Lockdowns die Kinder mit ihren Peinigern zusammen eingekerkert. Das Ausmaß der psychischen Folgen eines Traumas für Kinder und Jugendliche wurde lange Zeit unterschätzt. So ging man noch vor 30 Jahren davon aus, dass Kinder solche Erlebnisse kaum mitbekommen oder einfach schnell wieder vergessen würden, was vermutlich auch ein Grund dafür ist, warum das System mittlerweile so überlaufen ist. Heute weiß man, dass das nicht stimmt, und versucht, den Kindern eine angemessene Behandlung zu ermöglichen. Leider bleibt es für einen Großteil der Betroffenen beim Versuch, denn Therapeuten werden jetzt nach drei Jahren Corona an ihre äußersten Grenzen getrieben. So sind Kinder und Jugendliche weiterhin psychisch deutlich stärker belastet als noch vor der Pandemie. Auch wenn die Zahl in den letzten Monaten leicht gesunken ist, muss noch immer jedes zweite Kind mehr als ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz warten, denn die Anfragen liegen immer noch 48 % über dem Niveau vor der Pandemie. Weiter hat die Erhebung der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung aus diesem Jahr ergeben, dass nur etwa jeder vierte Patient überhaupt ein Erstgespräch in der jeweils angefragten Praxis erhält. Mehr als die Hälfte wartet mehr als einen Monat. Drei Viertel der Patienten müssen weitere Praxen kontaktieren, um überhaupt einen Termin zu bekommen. 8 % der Patienten warten rund einen Monat auf den Beginn der Therapie, und knapp ein Drittel wartet bis zu einem halben Jahr darauf. Fast die Hälfte der 20.12.2022 Patienten muss mehr als ein halbes Jahr auf den Therapiebeginn warten. Bei den Wartezeiten ist NRW im bundesweiten Vergleich an der traurigen Spitze. Trotzdem muss offen und ehrlich gesagt werden, dass die angespannte Situation auch in der Kinderund Jugendpsychiatrie kein neues Phänomen ist und wir bereits Anfang des Jahres auf die dramatische Situation in den Einrichtungen und auf den eklatanten Mangel an Therapieplätzen hier im Plenum hingewiesen haben. Der dramatische Zuwachs an psychischen Erkrankungen als Reaktion auf die restriktiven Coronamaßnahmen verschärft die Lage noch zusätzlich, wodurch Kinder und Jugendliche abgewiesen oder früher als geplant entlassen werden müssen. Wer kein akuter Notfall ist, kann das Pech haben, nicht einmal mehr auf eine Warteliste oder auf die Warteliste zur Warteliste aufgenommen zu werden, da bereits Wartezeiten von mehr als einem Jahr bestehen. Wie Sie in Ihrem Antrag also richtigerweise schreiben, liegt das Problem dabei nicht etwa darin, dass es in Deutschland zu wenig Psychotherapeuten gibt. Problematisch ist, dass es zu wenig Kassensitze gibt, sprich: zu wenig Psychotherapeuten, die eine Kassenzulassung bekommen, um ihre Leistung mit den Krankenkassen abrechnen zu können. Die aktuelle Grundlage dafür ist 30 Jahre alt. Wir sehen daher auch hier dringenden Handlungsbedarf. Das Thema der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und der Ausbau von Therapieplätzen, vor allem hervorgerufen durch die vergangenen drei Jahre, muss jedoch ganzheitlich betrachtet werden. Die sexualisierte Gewalt ist dabei ein Aspekt von besonderer Brisanz. Aber auch wenn dieser Bereich einer der häufigsten und natürlich auch einer der dramatischsten Auslöser für traumatische Erfahrungen ist, sollte unseres Erachtens die gesamte therapeutische Infrastruktur insbesondere für die Kinder und Jugendlichen mit sämtlichen traumatischen Erfahrungen auf den Prüfstand gestellt werden. Wir freuen uns auf die Debatte im Ausschuss und hoffen, dass das Seelenheil unserer Kinder auch dann eine hohe Priorität genießt, wenn nicht gerade ein medialer Anlass Sie zu Schaufensteranträgen verleitet. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
