Andreas Keith
Wären der Wald und der Mensch ein Ehepaar, hätten die beiden dringend eine Eheberatung nötig. – Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich reinige das Wasser, das du verunreinigst, und speichere es für deine Versorgung. Ich nehme CO auf, reinige es und wandle es in Sauerstoff um, welchen du zum Atmen brauchst. Ich stelle dir Holz zum Bauen, zum Heizen und für Möbel zur Verfügung, damit du nicht in einer Höhle hausen musst. Ich biete vielen Tieren eine Heimat, an denen du dich erfreuen kannst und die dich ernähren. Ich schütze vor Bodenerosion und gebe der Erde in steilem Gelände Halt. Damit schütze ich Menschen und den Verkehr. Ich schenke dir Ruhe und Erholung, damit du Kraft und Energie für dein Leben und für die Arbeit tanken kannst. Ich spende dir in der Hitze des Sommers Schatten und sorge für Kühlung. Als Dank bekomme ich von dir immer mehr und größere überfüllte und vermüllte Waldparkplätze, Mountainbiketrails und Wanderwege, eine immer stärkere maschinelle Nutzung durch Großgeräte mit damit einhergehender Bodenverdichtung, Lärm und Umweltbelastungen für Mensch und Tier sowie Windindustrieanlagen, die Vögel und Insekten milliardenfach schreddern und für die du Tausende Tonnen Beton je Anlage in meine Erde gießt. Als wäre das alles nicht genug, muss ich Politiker ertragen, die ihre Ideologie und Klientelpolitik vor sachliche und vernünftige Entscheidungen stellen. (Zuruf von Tim Achtermeyer [GRÜNE]) Dabei spielen meine Vitalität und mein Wohlbefinden oft keine Rolle. Ich sage dir ehrlich, wie es ist: Ich kann nicht mehr. Ich habe keine Lust mehr. Ich lasse mich scheiden. Sicherlich gibt es einen verständnisvollen Blick des Paartherapeuten für diese Entscheidung und leise dahingehauchtes „hoffnungslos“. Der Ehepartner würde sehr wahrscheinlich nach der Beratung aufstehen und gehen; die Grundlage für die Ehe ist in 08.12.2022 den letzten Jahrzehnten zerstört worden, sie ist einfach nicht mehr vorhanden. Leider funktioniert das in dieser Ehe nicht. Denn wir brauchen den Wald mehr denn je, und der Wald braucht uns. (Beifall von der AfD) In Deutschland sind 1,1 Millionen Menschen in der Forst- und Holzindustrie beschäftigt. Damit arbeiten 300.000 Menschen mehr im Cluster „Forst und Holz“ als in der Automobilindustrie und erwirtschaften dort einen Jahresumsatz von 180 Milliarden Euro. Die Forst- und Holzwirtschaft in NRW beschäftigt ca. 200.000 Menschen in etwa 160.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen und erzielt dabei einen Umsatz von 40 Milliarden Euro. Der Wald ist aber weit mehr als nur ein Wirtschaftsfaktor. Gerade in den letzten zwei Jahren, als Sie die Menschen für Monate vom sozialen Leben ausgesperrt haben, wurde der Wald für viele Menschen zum Sehnsuchts- und Freiheitsort und zum Kraftspender. Er ist Teil unseres Heimatgefühls; wir leben mit und von ihm. Es gilt, ihn zu erhalten und gesund an die uns nachfolgenden Generationen weiterzugeben. In den letzten Jahren haben klimatische Veränderungen – lange, trockene Sommer und kurze Winter – sowie weitere ungünstige Bedingungen zu Waldschäden dramatischen Ausmaßes in Europa, Deutschland und Nordrhein-Westfalen geführt. Durch diese Verkettung ungünstiger Umstände konnte sich der Borkenkäfer explosionsartig in den geschwächten Wäldern vermehren. Machen wir uns ehrlich, sehen wir der Realität ins Auge: Auf absehbare Zeit wird es in Nordrhein-Westfalen kaum noch nennenswerte Fichtenbestände geben. Wir müssen daher unsere Waldbauern und die Forstbetriebsgemeinschaften bei der Pflanzung von widerstandsfähigen Baumarten noch stärker unterstützen. Diese Unterstützung darf sich aber nicht nur auf die Pflanzungen beschränken, sondern sie muss auch den Verbissschutz, einen eventuellen Ausfall der Pflanzungen und sonstige anfallende Kosten abdecken. Bei dieser Herkulesaufgabe dürfen wir die wichtigsten Partner beim Waldumbau – unsere Waldbauern und Forstbetriebsgemeinschaften – nicht alleine lassen. Weiterhin muss eine konsequente und nachhaltige Schädlingsbekämpfung aufgebaut werden; denn nicht nur der Borkenkäfer, sondern fast alle Laubholzschädlinge wie der Buchenprachtkäfer, der Buchenborkenkäfer, der Eichenwickler oder der Eichenprozessionsspinner gedeihen besonders gut bei Wärme und Trockenheit und befallen in der Regel die Bäume, die genau dadurch geschwächt wurden. Landtag Damit sich eine Katastrophe wie bei der Fichte bei den Laubbäumen nicht wiederholt, müssen wir jetzt sowohl in die Entwicklung von wirksamen und umweltverträglichen Schädlingsbekämpfungsmitteln als auch in die Forstgenetik investieren. Ich weiß, dass die Grünen jetzt wieder Schnappatmung bekommen, (Zuruf von der CDU und von Tim Achtermeyer [GRÜNE]) aber mit den gängigen Methoden, die Sie zahlreich beschrieben haben, werden wir diese Herausforderungen des Waldumbaus nicht bewältigen. Nur mit einem Mix aus Maßnahmen können wir unseren Wald schützen und für nachfolgende Generationen erhalten. Auch in diesem Jahr erlebten wir eine Trockenperiode in Europa mit Temperaturrekorden. In der Folge kam es in diesem Jahr zu zahlreichen Wald- und Flurbränden in Deutschland. Uns allen sind sicher noch die Bilder des Waldbrandes in der Sächsischen Schweiz und in Altena-Hegenscheid gut in Erinnerung. Tagelang kämpften Feuerwehrleute gegen die Brände. Um den Wald vor dieser Bedrohung zu schützen, müssen die Waldbrandbekämpfung gestärkt und die dafür benötigten Mittel deutlich erhöht und zielgenau eingesetzt werden. Auch wenn sich die erschreckenden Bilder der massenhaft abgestorbenen Bäume und der Kahlflächen, die sich über ganze Hügelketten ziehen, in unser kollektives Gedächtnis gebrannt haben, so liegt aber auch eine Chance in der Katastrophe. Der Wald hat sich immer verändert. Entweder waren es klimatische Einflüsse, von denen er sich durch Wanderung oder Anpassung stets selbst erholt hat, oder der massive Eingriff des Menschen in den Waldhaushalt. Von diesen Eingriffen allerdings kann sich der Wald selbst nicht erholen. Er ist auf die Unterstützung des Menschen angewiesen. Diese Erkenntnis haben wir dem Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz zu verdanken – Zitat –: Die Natur braucht für menschliche Maßstäbe zu lange. Es muss gepflanzt werden, einmal weil der Entnahmebedarf so groß ist und andererseits, weil der Waldumbau aktiv mitgestaltet werden muss. Was von Carlowitz 1713 in seinem Standardwerk der Forstwirtschaft mit dem Begriff der Nachhaltigkeit prägte, (Zuruf von Tim Achtermeyer [GRÜNE]) ist heute aktueller denn je. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
