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Julia Kahle-Hausmann

SPD 08.12.2022 Sitzungen 18/17

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauer! Ehrlich gesagt finde ich das Thema „Wald in Nordrhein-Westfalen“ zu ernst und zu wichtig, als dass wir uns hier in parteipolitisches Gezänk begeben. (Beifall von der SPD und der FDP) Insofern, Herr Ritter, vielen Dank, dass Sie mich gerade benannt haben, ohne dass ich heute schon etwas dazu gesagt hätte. Danke schön. Vielleicht können wir uns beim nächsten Mal im Ausschuss – da habe ich Sie bis jetzt noch nicht wahrgenommen – konstruktiv darüber unterhalten. (Beifall und Zurufe von der SPD) Ich gebe offen zu: Als ich gesehen habe, dass wir die Aktuelle Stunde nutzen, um über den Wald zu debattieren, habe ich mich echt gefreut. In der Politik gibt es immer die Frage: Für wen machen wir das? Für unsere Wähler? Für bestimmte Interessengruppen? Für die Medien? Das Schöne ist, bei Wald kann ich ganz klar sagen: Wir machen es wirklich für alle, für die Kleinst- und die Großwaldbesitzer, die ein wirtschaftliches Auskommen haben, für die Naturschützer, für die über 160.000 Arbeitskräfte, die insgesamt von der Wertschöpfung des Waldes abhängig sind, für den Rentner oder die Familien mit Kindern aus Köln, Düsseldorf oder Aachen, die im Urlaub den Wald als Sportund Erholungsort nutzen, sowie für die Menschen, die in ihrem Leben nie im Sauerland sein werden, denn auch sie profitieren über unser Klima von einem gesunden Wald. All diese Interessen gilt es zu vereinen. Wir brauchen eine Waldpolitik für die vielen, nicht für die wenigen. Es gibt, glaube ich, kaum ein anderes politisches Thema, an dem wir so klar und deutlich die Schnittstellen und die multiplen Probleme des Klimawandels sehen können. Wir haben einen immensen Nutzungsdruck auf dem Wald. Dieser Nutzungsdruck wird in den kommenden Jahren noch weiter steigen. 08.12.2022 Die FAO der Vereinten Nationen sieht ein Plus von 37 % beim Holzbedarf. Weltweit bräuchten wir demnach 33 Millionen Hektar mehr Wald, um den Bedarf der holzverarbeitenden Industrie zu erfüllen, allerdings nur, wenn die Produktion aus natürlich verjüngten Wäldern stabil bleibt. Gerade das stellt der Waldzustandsbericht infrage. Die vielen Zahlen, Daten und Fakten möchte ich hier gar nicht nennen. Der aktuelle Bericht zeichnet das Bild des fortschreitenden Klimawandels in Deutschland. Der Titel des FDP-Antrags lautet „Waldzustandsbericht 2022 skizziert ein alarmierendes Bild“. Alarmiert sind wir schon seit Jahren. Wer mit offenen Augen durch die Wälder geht, sieht nicht nur Kalamitätsflächen, sondern viele weitere verheerende Auswirkungen des Klimawandels: die Kronenverlichtung, ausgetrocknete Bachläufe, Waldbrände. Ich erinnere nur an den zweiten Platz des Pressefotos, das am Dienstagabend prämiert wurde: Ein Förster steht auf einem verbrannten Baumstumpf. In Festmetern gerechnet haben wir in diesem Jahr weniger Kalamitätsholz. Das liegt vor allem daran, dass die meisten Fichten bereits im letzten Jahr abgeholzt werden mussten. Klar, der Borkenkäfer ist eine Plage, aber wir befinden uns in einer katastrophalen Spirale. Die Dürre der letzten Jahre heißt Trockenstress, und zwar nicht nur in den flachen Bodenschichten, in denen die Fichte wurzelt. Auch in den tieferen Bodenschichten, in denen Pfahlwurzeln der Eichen oder Kiefern zu finden sind, herrscht schon länger Dürre. Trockenstress heißt vermehrte Anfälligkeit für Krankheiten, heißt absterbende Bestände, heißt wachsende Kalamitätsflächen, heißt auch weniger Wurzelwerk, um Wasser in die oberen Schichten zu ziehen bzw. Wasser im Boden zu halten, was weitere Folgen für Pilzgeflechte, Moose, Flechten und den Verlust von Biodiversität und Humusschicht nach sich zieht. Fakt ist – und das wissen wir nicht nur hier in Düsseldorf, das wissen auch viele Waldbauern aus Südwestfalen, im Sauerland und in der Eifel –: Wir werden uns von der Fichte als Brotbaum verabschieden müssen, wahrscheinlich auch von einem Großteil der Buchen. Wie viele Eichen werden wir halten können? Vermutlich nicht sehr viele. Wahrscheinliche Szenarien gehen für die Zukunft von einem mediterranen Wald mit Küstentannen als zukünftigem Lieferanten von Stammholz aus. Das hofft man zumindest, denn niemand kann mit absoluter Sicherheit sagen, welche Baumarten die nächsten Jahre überstehen werden. Wenn wir uns die RCP-Szenarien des IPCC anschauen, ist höchste Eile zum Handeln geboten; denn das RCP8,5-Szenario sieht zwischen 10 und Landtag 30 Gigatonnen CO im Jahr, eine Bevölkerung von 12 Milliarden und eine Erwärmung von 4,8 Grad vor. Ich bin noch halbwegs optimistisch, dass es nicht ganz so schlimm wird, aber Sharm El-Sheikh hat uns möglicherweise schon eines Besseren belehrt. Meine Damen und Herren, ich stimme der FDP zu: Nachhaltige Holznutzung treibt auch den Waldumbau an. Wir brauchen das Holz in der Kaskadennutzung als Baustoff mit Blick auf die CO -Senke, für Möbel und vieles mehr. Aber – jetzt kommt der Widerspruch – Naturverjüngung ist sehr wichtig, und Waldstilllegung ist auch wichtig. Die Ausweisung von Wildnisgebieten und Stilllegungen können einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität leisten. Da sind wir als Bundesland Schlusslicht. Hier könnte zum Beispiel ein zweiter Nationalpark helfen. Vielleicht kann das ja noch im nächsten Haushalt stattfinden. Außerdem müssen wir die positive CO -Bilanz der Wälder als Leistung für unser Ökosystem honorieren. Vor allen Dingen müssen wir uns als Land endlich stärker auf den Weg machen, den Waldumbau aktiver mitzugestalten. Hier, und das muss ich ehrlich sagen, sehe ich zu wenig Bewegung bei der Landesregierung. Dem Landesbetrieb Wald und Holz steht das Wasser bis zum Hals, und reihenweise sind die Förster im Burn-out. Aber der von Ihnen veranschlagte Stellenaufwuchs ist nur ein Bruchteil dessen, was der Landesbetrieb bräuchte. Das ist spannend, weil Wald und Holz laut Ihrem Koalitionsvertrag mit den Bürgerwaldgenossenschaften und deren Beratung wieder mehr Aufgaben bekommt. Was brauchen wir also? Wald und Holz muss gestärkt werden. Wir verlieren beim jetzigen Ansatz Fachkräfte und damit auch Zugriff auf die Fläche. Wir brauchen mehr Investment in Ausbildung und Forschung. Wie wäre es mit einem Studiengang „Forstwirtschaft“ in NRW? (Beifall von der SPD) Wo ist der Lehrstuhl für Waldökonomie, der im Koalitionsvertrag steht, aber nicht im Haushalt zu finden ist? Wofür es einen Haushaltsansatz gibt, sind neue Verbissgutachten. Hier müssen wir schnell tätig werden, wenn denn die Naturverjüngung funktionieren soll. Dazu brauchen wir unter Umständen mehr Jagd im Wald. Dazu müssen wir zügig die notwendigen Untersuchungen durchführen und daraus Konsequenzen ziehen. Wir brauchen den Einbezug aller Akteure im Wald. Privatwaldbesitzer sagen uns, dass Förderprogramme in großen Teilen als Fesselung der individuellen betriebswirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten abgelehnt werden. 08.12.2022 Aber Sie haben auch gute Ideen wie das Baum-Scheck-Programm, an dem wir uns beteiligt haben. Wir brauchen weitere gute Vorschlägen, denen wir uns dann auch nicht verwehren werden. Wir hoffen, dass wir im Ausschuss in Zukunft konstruktiv an weiteren Programmen arbeiten können. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)

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