Anke Fuchs-Dreisbach
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Uh, Herr Dr. Vincentz, nicht die Redegeschwindigkeit erhöht die Qualität, (Beifall von der CDU, der SPD und den GRÜNEN) sondern wir hätten es uns etwas langsamer und mit besserer Qualität gewünscht. (Rodion Bakum [SPD]: Haben Sie das wirklich erwartet?) Sich im eigenen Körper mit dem eigenen Geschlecht unwohl zu fühlen, ist für Betroffene eine unglaublich belastende und ernstzunehmende Situation. Vertraute und Familien sind gerade in dieser Zeit sehr gefordert, unterstützend zur Seite zu stehen, und werden mit dieser Aufgabe sicherlich auch an ihre Belastungsgrenzen geführt. Das ist für niemanden, der involviert ist, einfach. Jetzt könnte man sagen, es sei aus unserer Wahrnehmung eine nur sehr geringe Anzahl von Betroffenen. Aber diesen Kindern und Jugendlichen möchte ich sagen: Wir hören euch, und wir nehmen euch mit euren Bedürfnissen ernst. (Beifall von der CDU und der SPD) Die Pubertät ist eine wichtige Entwicklungsphase des Lebens, in der tiefgreifende körperliche, kognitive und psychosoziale Veränderungen erfolgen. Für alle jungen Menschen ist dies eine sehr besondere Zeit. Junge Menschen, die ein unklares Körpergefühl haben, brauchen in dieser Lebensphase besondere Aufmerksamkeit und oftmals auch etwas mehr Zeit für Orientierung. Dieser Prozess kann große psychische Belastungen für die Mädchen und Jungen zur Folge haben. In diesen Fällen können Pubertätsblocker vorschnelle Reifungs- und Wachstumsprozesse stoppen und so für die Betroffenen eine Hilfe sein. (Zurufe von der AfD) Der Einsatz von Pubertätsblockern wird aktuell in drei Anwendungsgebiete eingeteilt: bei der Genderdysphorie, bei der Krankheit Pubertas praecox sowie bei bestimmten Tumorerkrankungen. (Dr. Martin Vincentz [AfD]: Und bei der chemi- schen Kastration!) Landtag Bei Kindern mit der Krankheit Pubertas praecox, also der vorzeitigen Pubertät, machen Pubertätsblocker Sinn. Die betroffenen Kinder kommen schon extrem früh – teilweise deutlich vor dem achten Lebensjahr – in die Pubertät. Und Kinder und Jugendliche, die unter einer Genderdysphorie leiden, sich also im eigenen Geschlecht unwohl fühlen, haben durch die Einnahme von Pubertätsblockern die Möglichkeit, die Pubertät nicht in einem Geschlecht durchleben zu müssen, dem sie sich nicht zugehörig fühlen. Die Behandlung mit Pubertätsblockern ist immer im Einzelfall – und ich betone noch mal: immer im Einzelfall – zu betrachten und zu bewerten. Wie bei allen Medikamenten muss auch bei Pubertätsblockern eine medizinische Abwägung zwischen Notwendigkeit, Nutzen und möglichen Nebenwirkungen erfolgen, und diese Abwägung geschieht in enger Abstimmung zwischen dem Kind oder Jugendlichen, den Eltern und den behandelnden Ärzten. Eine leichtfertige oder zu unkritische Verschreibung von Pubertätsblockern durch Ärzte lässt sich aktuell für mich nicht erkennen. Jedes Kind, jeder Jugendliche bekommt eine individuelle Beratung von Beginn an und wird im Anschluss, also nach der Therapie, engmaschig betreut. Für uns als CDU steht außer Frage, dass die derzeit zur Anwendung kommenden Richtlinien und Gesetze einer ständigen Überprüfung und gegebenenfalls Anpassung unter Berücksichtigung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse unterliegen müssen. Der Zugang zu Informationen ist heute niederschwelliger als früher. Umso wichtiger ist daher die richtige Vermittlung von Informationen. Die verständliche und ausführliche medizinische Aufklärung von Kindern und Jugendlichen ist hierbei essenziell. (Vereinzelt Beifall von der CDU) Aus unserer Sicht muss eine Aufklärung zu Pubertätsblockern in einer altersgerechten Sprache, politisch neutral und unter Berücksichtigung möglicher Nebenwirkungen und Spätfolgen durch die Einnahme dieser Medikamente erfolgen. Der Bundesgesetzgeber muss dies sicherstellen. Es darf zu keinem Zeitpunkt der Eindruck erweckt werden, dass die Einnahme von Medikamenten unbedenklich oder das Mittel der Wahl sei. Neben der vollumfänglichen Aufklärung dürfen wir im gesamtgesellschaftlichen Kontext nicht aus dem Blick verlieren, dass sich unsere Gesellschaft im Hinblick auf mehr Akzeptanz und Aufklärung sowie die Sichtbarkeit von Transsexualität weiterentwickelt hat. Und genau in dieser gesellschaftlichen Weiterentwicklung liegt für Sie, liebe AfD-Kollegen, das eigentliche Problem. (Beifall von der CDU) 24.11.2022 Der Überweisung stimmen wir zu und setzen auf konstruktive Beratungen im Ausschuss. – Vielen Dank. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN)
