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Dr. Martin Vincentz

AfD 24.11.2022 Sitzungen 18/15

Vielen Dank. – Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich habe heute ein diffiziles Thema mitgebracht, und insbesondere für einen konservativen Politiker ist es hier ein Stück weit wie beim Super-G: eine falsche Bewegung, und schon bricht die Hölle los. Dennoch haben wir uns dazu entschieden, an dieser Stelle über geschlechtsangleichende Eingriffe bei Kindern und Jugendlichen zu sprechen, weil wir der festen Überzeugung sind, dass hier vielen Menschen großes Unrecht angetan wird. Im frühen Jugendalter stehen viele zweifelnd vor dem Spiegel, und Gruppenzwang, ein oft zweifelhaftes gesellschaftliches Idealbild und Social Media verschärfen den normalen Selbstfindungsprozess in der Pubertät, also in einer sehr sensiblen Phase, in der vieles im Umbruch ist, oft bis ins Krankhafte. Dysmorphophobien oder körperdysmorphe Störungen sind in dieser Phase nicht selten. Dabei geht es nicht darum, das Selbstbild der jungen Menschen zu pathologisieren, wie das oft behauptet wird, sondern darum, den Leidensdruck, der oftmals dahintersteckt, ernst zu nehmen. Es kann ein Mädchen mit 35 kg treffen, das sich als zu dünn empfindet. Es kann aber auch den Bodybilder treffen, der sich immer noch als zu schmächtig sieht, oder eben auch die aktuell diskutierte Genderdysphorie. Noch einmal: Jeder soll tun und lassen, was immer er will. Insbesondere bei Kindern sind wir als Gesellschaft aber verpflichtet, einzuschreiten, sobald ein Verhalten absehbar großes Leid mit sich bringt. (Beifall von der AfD) Ich bin dabei der festen Überzeugung, dass die Menschen gut sind, so wie sie sind – egal, ob groß, klein, dünn, alles Normvarianten in unserer schönen Welt. Seit einiger Zeit ist eine neue Facette der Selbstfindung hinzugetreten und wird sehr offensiv promotet, nämlich die des Geschlechts. Dabei sitzen wir vielen Fehlannahmen auf. Biologische Geschlechter sind weder zwei starre Säulen, die klar definieren, was ein Mann oder eine Frau zu sein haben, noch ein unendliches Kontinuum, wie es die andere Seite behauptet, sondern wie so vieles in der Natur, in der Medizin, in der Welt zwei normverteilte Gaußkurven. Es gibt 24.11.2022 feminine Männer und burschikose Frauen. Warum auch nicht? Ob ein Rock oder langes Haar nun besonders männlich oder weiblich sind, ist doch eher sozial konstruiert, wie uns nicht zuletzt die Schotten zeigen. Wichtig zu wissen ist aber, dass vieles in der Pubertät – egal, ob es der Wunsch nach großen Tattoos, diffusen Ohrlöchern, Haarfarbe, skurriler Mode ist – Dinge sind, die sich zum großen Aufatmen vieler Eltern wieder auswachsen. Zum Glück gilt das für auch viele Dysmorphophobien – bei der Genderdysphorie sind es je nach Studie zwischen 80 % und weit über 90 %. Warum sage ich „zum Glück“? Das Fühlen im falschen Körper ist kein einfaches Schicksal. Ganz im Gegenteil: Damit geht ein sehr hoher sozialer und eigener Leidensdruck einher. Die Suizidraten sprechen Bände, und zwar übrigens auch – das ist besonders bemerkenswert – nach geschlechtsangleichenden Eingriffen. Umso mehr verdienen diese Menschen unsere Akzeptanz und unsere Hilfe. (Beifall von der AfD) Umso mehr muss dieses Thema aber auch besonders sensibel und vorsichtig insbesondere im Jugendalter besprochen werden. Die sicher gut gemeinten, aber oft überschwänglichen Aufklärungskampagnen werden dem im Ziel nicht gerecht. Nicht jedes Mädchen, das die Haare gerne kurz trägt und Jungen-Sachen macht – was auch immer das sein soll –, möchte ein Junge sein. Das Mädchen kann machen, was immer es will, und das ist auch gut so. Ihm aber im Überschwang einzureden, es könnte zum Beispiel einfach ein Junge im falschen Körper sein, ist an dieser Stelle schlicht fatal. Wenn man das bemerkt, und zwar in ehrlicher Sorge um diese jungen Menschen, sind allerdings allzu schnell Begriffe wie Transphobie zur Hand. Dabei wird wohl kaum jemand ernsthaft annehmen, dass Menschen, die sich gegenüber der aktuellen Transpolitik kritisch äußern, Angst vor Transpersonen haben, also Phobiker im engeren Sinne sind; die allermeisten sind vielleicht eher irritiert ob der Narzissten. Die meisten Transpersonen wollen einfach in Ruhe gelassen und nicht gemobbt werden. Eine kleine Subgruppe – die Transnarzissten, könnte man sagen –, die oft eine völlig überzeichnete, fast parodiehafte Variante dessen rekonstruiert, was unsere westliche Welt als weiblich definiert, diese anerkannt haben will und damit auf Mission ist, ist jedoch das, was viele Menschen irritiert. (Beifall von der AfD) Ausgerechnet hier gibt es den fast ironischen Zwist zwischen dem, was dieses Denken erst ausgelöst hat, und der modernen Interpretation. Denn woher kommt diese Idee, dass jemand, der sich in seinem Landtag Körper nicht wohlfühlt, sich selbst nicht wahrnimmt, sondern tatsächlich im falschen Körper geboren ist? Viele stehen einen Stein des Anstoßes in Simone de Beauvoir – nicht zu verwechseln mit Simón Bolívar; okay, das ist alles sehr kompliziert – und hier insbesondere ihr Buch „Das andere Geschlecht“. Richtig übersetzt müsste es übrigens „Das zweite Geschlecht“ heißen, aber auch das ist heute ein schwieriges Thema. Darin heißt der berühmteste Auszug: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Das ist eine Idee, die natürlich nicht im luftleeren Raum entstanden ist – niemand wird luftleer sozialisiert –, sondern die sehr auf die Philosophie insbesondere dreier ausgerechnet alter weißer Männer zurückgreift. So wurde zuerst bei Hegel und Kierkegaard im 19. Jahrhundert der Wille über die Vernunft gestellt, und Sartre bricht das dann knapp 100 Jahre später in dem Aphorismus nieder: Es gibt keine Natur des Menschen, die den Menschen festlegt, sondern der Mensch ist das, wozu er sich macht. Aus den feministischen Überlegungen de Beauvoirs, dass die soziale Rolle der Frau und viele ihrer sozial akzeptieren Verhaltensweisen durch Männer und männlichen Wunsch konstruiert sind, wurde im „Third-Wave-Woke-Feminism“, dass das Geschlecht an sich konstruiert ist. Nun soll also der Wille imstande sein, nicht soziale Normen, sondern biologische Realitäten außer Kraft zu setzen. Während also früher infrage stand, ob beispielsweise das züchtige Übereinanderschlagen der Beine einer Frau nicht eine oppressive männliche Norm darstellt, wird daraus heute, dass du vielleicht ein Mann bist, wenn du gerne so sitzt. Aus einer urfeministischen Überlegung, der von Männer oppressiv konstruierten Realität, wird geradezu der Gegensatz gemacht. Wenn ich mich also als das fühle, das die Gesellschaft als weiblich konstruiert, dann bin ich vielleicht eine Frau, oder andersherum. Damit wird das Geschlecht nicht mehr konstruiert, sondern zu einem voraufklärerischen, quasi göttlichen Istzustand – nur nicht physisch, sondern eben mental. Nicht mehr die Geschlechtsmerkmale und Chromosomen bestimmen abschließend das Geschlecht, sondern das Mindset. So stellt sich in der Tat abermals die Frage, so unangenehm das für viele sein mag: Wie viele dieser Geschlechter sind dieses Mal sozial konstruiert? Verstehen Sie mich nicht falsch. Vielleicht haben Judith Butler und andere recht, die das behaupten. Aber was ist, wenn das nicht so ist? Immerhin ist das eine wissenschaftlich sehr steile These und eine sehr neue Theorie. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht wie an anderen Stellen – Sie alle wissen genau, auf was ich anspiele – hierfür in 20 Jahren bei all denjenigen entschuldigen müssen, denen gesellschaftlich erneut Enormes angetan wird. Daher stelle ich heute, 24.11.2022 an diesem Tag, diese sehr unangenehme Frage. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)

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