Lena Nzume
Lehrkräfteausbildung praktisch und vernetzt denken - Qualität stärken, Fachkräftemangel bekämpfen!
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Abgeordnete! Wir reden viel über den Lehrkräftemangel, aber zu selten reden wir darüber, was Lehrkräfte leisten müssen und was sie dafür brauchen. Heute beraten wir nicht irgendein bildungspolitisches Fachthema. Wir beraten eine zentrale Gerechtigkeitsfrage: Wie stärken wir diejenigen, die Tag für Tag Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder übernehmen? Die Realität der Schulen sieht schon längst ganz anders aus; sie ist schon längst im Wandel. Der Wandel ist angekommen. Ganztag, Inklusion, Digitalität, Heterogenität - das alles ist keine Zukunftsmusik, das ist Gegenwart. Die Lehrkräfte sollen Lernprozesse individuell gestalten, mit Vielfalt professionell umgehen, inklusiv unterrichten, diskriminierungsarm agieren und Chancengerechtigkeit befördern. Multiprofessionalität ist längst Alltag, und das ist auch gut so. Aber all das verändert das Berufsbild der Lehrkräfte und natürlich auch ihr Selbstverständnis. Genau dafür braucht es eine angemessene Ausbildung, die diesen Wandel ernst nimmt und darauf reagiert. Die Wahrheit ist: Unsere Lehrkräfteausbildung ist noch nicht auf diese Realität ausgerichtet. Der Lehrkräftetrichter des Stifterverbandes zeigt: Rund 47 000 Menschen beginnen jährlich das Lehramtsstudium, doch nur ein Drittel schließt es ab. Auch im Referendariat gehen viele Menschen verloren. 84 % der LehramtsanwärterInnen fühlen sich unzureichend vorbereitet. Das ist aber kein individuelles Problem, das ist ein strukturelles Versagen. Deshalb sagen wir ganz klar: Wer gute Bildung will, muss endlich die Lehrkräftebildung reformieren - gründlich, mutig. Mit unserem Antrag starten wir damit. Wir brauchen gut ausgebildete Lehrkräfte. Deshalb öffnen wir die Wege ins Lehramt. Mit einem Quereinstiegs-Masterstudiengang geben wir vielen Menschen, die andere Bildungsbiografien hatten, die Chance, Lehrerin zu werden. Gleichzeitig müssen wir natürlich auch das Thema Anerkennung der ausländischen Abschlüsse ansehen und entbürokratisieren. Es ist Zeit, bürokratische Hürden abzubauen, denn der Weg ins Lehramt darf nicht durch Bürokratie versperrt werden. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Zusammenlegung zu einem einheitlichen Lehramt der Sekundarstufe I. Das ermöglicht Flexibilität und bildet die Realität ab, gerade an Gesamtschulen. Die bisher bestehende Trennung in Haupt- und Realschule ist ein Fossil. Spätestens seit der Einführung der Oberschulen durch Bernd Althusmann ist klar: Die Inhalte sind gleich, die Seminare sind gleich, aber wir zwingen die Menschen zu Schwerpunkten, und das ist künstlich. Das hat mit einer modernen Schule nichts zu tun. Natürlich wollen wir auch den Praxisbezug stärken. Wie viele Studiengänge gibt es, in denen man fünf Jahre lang ausgebildet wird und dann am ersten Tag merkt: „Das ist vielleicht doch nichts für mich"? Genau das passiert. Diesen Praxisschock gehen wir an. Wir stärken, was im GHR-Bereich schon gut läuft, nämlich reflektierte, verpflichtende und begleitete Praxisphasen - danke -, und zwar in allen Bereichen. Theorie und Praxis müssen verzahnt werden. Das gelingt nur mit echter Zusammenarbeit von Hochschulen, Studienseminaren und natürlich Schulen. Wir müssen Lehrkräfte ausbilden, die Vielfalt als Stärke begreifen, die inklusiv, diskriminierungskritisch und individuell fördern können. Deshalb setzen wir auf mehr bildungswissenschaftliche Anteile, auf die Förderung der sogenannten 21st-Century Skills und Soft Skills und natürlich auf digitale, hochschulübergreifende Lehre. - Das steht alles im Antrag. - Doch, schauen Sie gerne rein. Natürlich wollen wir als Nächstes auch die Reform des Vorbereitungsdienstes angehen. Gleichzeitig wissen wir: Wir müssen die Bildungsforschung stärken. Wir brauchen eine vorausschauende Bedarfsplanung. Wir brauchen forschungsbasierte Evaluation. - Wenn Sie eine Frage haben, freue ich mich darüber. Liebe KollegInnen, wir wollen dem Fachkräftemangel begegnen und die Ausbildungsqualität erhöhen. Deswegen brauchen wir jetzt eine Neustrukturierung hin zum Stufenlehramt, hin zu einer offenen, flexiblen zweiten Phase. Ich begrüße ausdrücklich die Ziele, die wir verfolgen: nämlich, die Lehramtsstudiengänge auf eine heterogene und inklusive Gesellschaft auszurichten, die Fachlichkeit und pädagogische Professionalität zu stärken und Praxisorientierung auszubauen. Ich möchte in diesem Zusammenhang ganz vielen Menschen danken, die sich ganz engagiert darangemacht haben, diesen Antrag gemeinsam zu entwickeln, die Konzepte entwickelt und mitgedacht haben. Mein Dank gilt dem Verbund der lehrkräftebildenden Universitäten, die seit Jahren kluge Konzepte entwickeln und umsetzen. Ich danke besonders auch unserer Kultusministerin und dem Wirtschaftsminister, die diesen Antrag gemeinsam vorangetrieben haben, gemeinsam die Zusammenarbeit der Ministerien mit verschiedenen Arbeitsgruppen gestärkt haben. Diese Zusammenarbeit zeigt: Wir können Schule verändern, wenn wir gemeinsam anpacken. Liebe KollegInnen, diese Reform ist überfällig, sie ist machbar, und sie braucht politischen Mut, aber auch Entschlossenheit. Gute Lehre und gute Ausbildung machen wir jetzt. Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem. Das packen wir jetzt an. Lassen Sie uns gemeinsam agieren - für die Lehrkräfte, für die Zukunft und natürlich für unsere Kinder! Ich freue mich auf die weitere Beratung. Vielen Dank.
