Julia Willie Hamburg
Ergebnis IQB-Bildungstrend 2024 für Niedersachsen: Platz 13 vor NRW, Hessen und Bremen
Bitteschön! Vielen Dank. - Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bildung ist das Fundament unseres Zusammenlebens. Sie entscheidet über individuelle Chancen, aber auch über die Zukunft unseres Landes. Deshalb ist es wichtig, regelmäßig zu überprüfen, wo wir stehen. Hierfür ist der IQB-Bildungstrend ein zentrales Instrument des Bildungsmonitorings in Deutschland. Er zeigt uns auf, wo wir stehen. An welchen Stellen wir handeln müssen, ist dann die Frage, die wiederum wir uns stellen. Daher ist es wichtig, über die Herausforderungen zu sprechen und vor allem auch über Lösungen in den Austausch zu kommen. Die Ergebnisse des jüngsten Bildungstrends sind in der Tat nicht nur in Niedersachsen, sondern deutschlandweit alarmierend, denn in allen Ländern Deutschlands sind die Ergebnisse in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern im Vergleich zur letzten Erhebung schlechter geworden. Es geht also darum, eine gute Unterstützung für unsere Schülerinnen und Schüler zu gestalten und auch gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick zu nehmen. Zu Ihrer ersten Frage. Für Niedersachsen liefert der IQB-Bildungstrend folgende Ergebnisse: Sie haben es angesprochen, rund 37 % unserer Neuntklässlerinnen und Neuntklässler verfehlen derzeit die Mindeststandards im Fach Mathematik für den mittleren Schulabschluss. Auch in den Naturwissenschaften zeigt sich kein erfreuliches Bild, denn je nach Fach verfehlen zwischen 12 % und 26 % die Mindeststandards für den mittleren Schulabschluss. Diese Entwicklung das muss man dieser Stelle betonen, denn das ist interessant betrifft nicht nur bestimmte Schulformen, sondern alle Schulformen. Die Leistungsniveaus gehen zurück, die Regelstandards werden seltener erreicht, die Mindeststandards häufiger verfehlt. Diese Ergebnisse das muss man feststellen sind nicht nur Statistik. Sie bedeuten, dass zu viele junge Menschen unsere Schulen ohne ausreichende Kompetenzen verlassen, die sie für Ausbildung, Studium oder Beruf benötigen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das dürfen und werden wir nicht hinnehmen. Gleichzeitig muss man aber auch feststellen: Die IQB-Studie schaut sich allein die Entwicklungen an, sie gibt eben keinen Aufschluss darüber, worin die Ursachen und Unterschiede begründet liegen, weil der Fokus auf der Erreichung der Kompetenzniveaus liegt, nicht aber auf der Ursachsenforschung. Wir nehmen diesen Auftrag jetzt sehr ernst, wir handeln und haben bereits ein Bündel an Maßnahmen auf den Weg gebracht. Das bringt mich zu Ihrer zweiten Frage ‑ zu den Ursachen der Ergebnisse. Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends zeigen: Die Verringerung des Kompetenzniveaus ist weitgehend unabhängig von sozialen Verhältnissen und auch von einem Migrationshintergrund. Und sie betrifft, wie ich schon sagte, alle Schulformen. Das heißt: Wir haben es an dieser Stelle mit tieferliegenden Ursachen zu tun. Expertinnen und Experten vermuten mehrere Faktoren für diese Entwicklung, unter anderem pandemiebedingte Einschränkungen. Denn das sind Kinder, die in der Zeit der Corona-Pandemie einen Schulwechsel vollzogen haben. Das heißt: Das Ankommen war erschwert, das Teambuilding war erschwert, und auch die Beziehungsarbeit, die maßgeblich für Bildungserfolg ist, konnte in diesen Zeiten nur verzögert oder verringert erfolgen. Die motivationale und sozial-emotionale Entwicklung von Schülerinnen und Schülern, also sowohl das Fachinteresse als auch das Selbstkonzept der Jugendlichen das heißt das Zutrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, ist seit 2018 bei den Schülerinnen und Schülern deutlich gesunken und damit auch erkennbar die Bereitschaft, sich mit Inhalten im Bereich MINT auseinanderzusetzen. Wir haben in Niedersachsen einen Lehrkräftemangel, und er besteht besonders in den MINT-Fächern. Insofern ist naheliegend, dass eine der Ursachen darin liegt, dass Unterricht in Teilen verkürzt geplant oder fachfremd unterrichtet wird. Gesellschaftliche Krisen wie Kriege, Klimawandel und wirtschaftliche Unsicherheit belasten junge Menschen derzeit stark, und auch das wirkt sich auf ihre Lernleistung und Lernbereitschaft und auch ihre Lernmöglichkeiten aus. Gleichzeitig spielt auch die Frage eine Rolle, wie viel von den Elternhäusern eingebracht wird, um die Kinder während ihrer schulischen Entwicklung zu begleiten. Wir erleben, dass dies durch unterschiedliche gesellschaftliche Faktoren weniger geworden ist, und Schule die Aufgabe zukommt, das zu kompensieren, das aber in Teilen vielleicht nur bedingt leisten kann. Diese Faktoren wirken zusammen, sie erklären die negative Entwicklung, und sie zeigen uns, dass wir umfassend und in verschiedenen Bereichen ansetzen müssen. Das bringt mich zu Ihrer dritten Frage - den Maßnahmen der Landesregierung. Meine Damen und Herren, nicht erst seit diesem IQB-Bildungstrend handeln wir entschlossen in den Bereichen der Basiskompetenzen und bei der Frage der sozial-emotionalen Stärkung unserer Kinder und Jugendlichen. Hier beginnen wir bereits mit der frühkindlichen Bildung, die wir sehr systematisch in den Blick nehmen. Wir wissen, dass Bildung nicht erst in der Schule beginnt. Deswegen investieren wir in die frühe Förderung. Wir sind gerade im Zuge eines europäischen Modellprojekts dabei, ein Rahmenmodell für wirksamkeitsorientierte Förderung im Elementarbereich zu schaffen, welches wir dann mit Blick auf bessere Kompetenzen in den Bereichen Sprache, Mathematik und sozial-emotionale Fähigkeiten auf den Weg bringen wollen. Dies soll pädagogische Fachkräfte in die Lage versetzen, Bildungs- und Entwicklungsprozesse sehr zielgerichtet zu planen und den Kompetenzerwerb der einzelnen Kinder systematisch zu unterstützen. Sie wissen, dass wir die Grundschulbildung deutlich gestärkt haben. Wir haben die Stundenzahl an den Grundschulen um drei Unterrichtsstunden erhöht: die sogenannte „Sichere Basis", die das Ziel hat, Kinder und Jugendliche in den Bereichen Deutsch und Mathematik, aber auch in der sozialen Entwicklung sehr intensiv zu fördern, damit sie einen guten Grundstein für ihren weiteren Bildungsverlauf haben. Gleichzeitig haben wir die Kerncurricula für die Fächer Mathematik und Deutsch überarbeitet und insbesondere die Basiskompetenzen noch einmal viel stärker in den Blick genommen. Wir haben Programme wie „Lesen macht stark" und „Mathe macht stark" aufgelegt, die gerade auch die Lehrkräfte unter anderem dabei unterstützen sollen, die Vermittlung von Mathematik an Kinder und Jugendliche auf neue Füße zu stellen, um Kinder individueller und intensiver zu fördern. Im Bereich der Haupt-, Real- und Oberschulen sind wir gerade dabei, Grundsatzerlasse zu überarbeiten. Hier wird der Fokus darauf liegen, dass die Schulen über eine Kontingentstundentafel die Möglichkeit bekommen, Schülerinnen und Schüler bei Bedarf in Naturwissenschaften, Deutsch oder Mathematik zusätzlich zu fördern. Denn natürlich muss die Basis stimmen, damit man dann auch anderes andere lernen kann. Im Bereich der Unterrichtsqualität setzen wir auch, aber nicht ausschließlich auf das Thema digitale Bildung. Wir werden die Kerncurricula in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften überarbeiten und hier mehr Kompetenzorientierung sowie die Nutzung digitaler Medien vorsehen. Mit Apps wie Bettermarks und Binogi haben wir adaptive und mehrsprachige Lernangebote zur Verfügung gestellt, um Schülerinnen und Schüler sehr zielgerichtet zu fördern. Indem wir ab dem Schuljahr 2026/2027 allen Siebtklässlerinnen und Siebtklässlern in Niedersachsen digitale Endgeräte zur Verfügung stellen, schaffen wir die Grundlage für ein modernes und adaptives Lernen, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Gleichzeitig ist vollkommen klar: Schülerinnen und Schüler sagen, zum Teil ist das, was ich in der Schule lernen oder wie ich es lerne, sehr weit weg von meiner Lebensrealität. Einen großen Schwerpunkt legt die KultusministerInnenkonferenz hier auf die Lehrkräftefortbildung. Mit der Fortbildungsinitiative QuaMath zum Beispiel verbessern wir die Qualität des Mathematikunterrichts. Wir haben darüber hinaus, wie Sie wissen, Informatik als Pflichtfach in der Sekundarstufe I eingeführt, um weitergehendes Wissen zu vermitteln. Darüber hinaus fördern wir Schülerlabore, Forschungszentren und Exzellenz-MINT-Netzwerke, um Schulen, Hochschulen und Unternehmen miteinander zu verbinden und hier attraktive Angebote zu machen. Und das Startchancenprogramm Sie wissen es adressiert gerade die Schulen, an denen viele Kinder die Mindestkompetenzen nicht erreichen, damit mehr Schülerinnen und Schüler diese Mindestkompetenzen erreichen. Wir schauen auch auf die Lehramtsausbildung. Hier geht es darum, die Ausbildung durch verschiedene Maßnahmen attraktiver zu machen und damit die Zahl der Abschlüsse zu erhöhen. Gleichzeitig ist es entscheidend, Theorie und Praxis im Lehramtsstudium stärker zu verzahnen. Wir sind, wie Sie wissen, gerade dabei, einen Quereinstiegsmaster zu konzipieren. Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends sind das muss ich sagen ein klarer Arbeitsauftrag. Deswegen haben die anderen Länder und wir gemeinsam entschieden weil es uns alle betrifft, mit dem BMBFSFJ, wie es mittlerweile heißt, zusammenzuarbeiten, mit ihm in die Ursachenforschung und in eine gemeinsame Analyse zu gehen und im Anschluss daran Maßnahmen zu diskutieren. Mit der Professorin Stanat, die den IQB-Bildungstrend konzipiert und erstellt, werden wir noch einmal intensiv mit Blick auf Niedersachsen ins Gespräch gehen, um schlauer zu werden, was unsere Stärken und Schwächen sowie die niedersächsischen Herausforderungen angeht. Insofern danke ich Ihnen für die Aufmerksamkeit.
