Kirsikka Lansmann
Entwicklungsmöglichkeiten durch mehr Freiräume - Schulen zukunftsfähig aufstellen, Beteiligte entlasten
Sehr geehrter Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Schulen sind mehr als nur Lernorte. Sie prägen die persönliche Entwicklung und stärken das soziale Miteinander. Das ist besonders während der Corona-Pandemie deutlich geworden. Doch inzwischen befinden sich viele Schulen wieder in einem durchgetakteten Schulalltag mit zahlreichen Prüfungen und Tests, der nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern, sondern auch bei den Lehrkräften oftmals zu Stress und Überforderung führt. Wenn die Freude am Lernen und individuelle Entfaltung in unserem Schulalltag verlorengehen, dann müssen wir etwas tun, liebe Kolleginnen und Kollegen. Und genau darum geht es heute. Wir brauchen mehr Freiräume für unsere Schulen - Freiräume, die nicht nur die individuelle Entwicklung der Schülerinnen und Schüler fördern, sondern auch die Qualität unserer Bildungseinrichtungen weiter verbessern. Mit dem vorliegenden Antrag werden wir den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Schulen gerecht und stellen sie zukunftsfähig auf. Dafür gibt es bereits viele positive Beispiele. Es wird erfolgreich auf fächerübergreifende Projekte gesetzt, bei denen verschiedene Kompetenzen miteinander verknüpft werden können. Liebe Kolleginnen und Kollegen, so unterschiedlich, wie wir alle hier im Plenum sind, so unterschiedlich sind auch unsere Schulen, die wir jeweils besucht haben. Damit meine ich nicht nur die verschiedenen Schulformen. Ob in der Stadt oder auf dem Land, ob viele oder wenige Schülerinnen und Schüler, ob neue oder alte Schule - alle diese Faktoren beeinflussen unsere Schulen und machen sie einzigartig. Das gilt besonders in einem so heterogenen Flächenland wie Niedersachsen. Das bedeutet eben auch, dass jede Schule ihre eigenen Herausforderungen und Stärken hat. Dies wird mir immer wieder bei meinen regelmäßigen Schulbesuchen bewusst. Die Schulleitungen und Lehrkräfte signalisieren mir in den zahlreichen Gesprächen, dass sie sich mehr Freiräume, mehr Gestaltungsspielraum wünschen. Wir trauen ihnen auch zu, dass sie ihre pädagogischen Konzepte passend zu den jeweiligen Bedürfnissen vor Ort gestalten. Deshalb möchten wir diesem Wunsch nun nachkommen. Bereits in der letzten Wahlperiode haben wir unter unserem damaligen Kultusminister Grant Hendrik Tonne den Prozess „Bildung 2040“ gestartet und Zukunftsschulen an den Start gebracht. Auch die Handreichung des Kultusministeriums in diesem Jahr war ein wichtiges Signal für unsere Schulen. An dieser positiven Entwicklung wollen wir nun mit dem Freiräume-Prozess anknüpfen. Selbstständiges Lernen und neue Lernmethoden haben spätestens seit der Corona-Pandemie an Bedeutung gewonnen. Schule ist nicht starr, sondern dynamisch. Daher müssen wir den veränderten Bedürfnissen gerecht werden und Schulen mehr Raum für Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der eigenverantwortlichen Schule geben. Diese Möglichkeiten möchten wir anbieten. Das genau ist das Stichwort, Herr Rykena. Es ist ein Angebot und kein Zwang. Keine Schule wird gezwungen, Veränderungen vorzunehmen. Wenn die bestehenden Strukturen und Verfahren für die jeweilige Bildungseinrichtung funktionieren, dann begrüßen wir das natürlich. Doch es gibt eben auch viele Schulen, die Veränderungen wollen und brauchen. Sie wollen beispielsweise weg von der klassischen Notenvergabe und hin zur alternativen Leistungsbeurteilung. Diese Bedürfnisse brauchen Freiräume. Wie eingangs erwähnt, profitieren alle Beteiligten von mehr Gestaltungsmöglichkeiten, in erster Linie natürlich die Schülerinnen und Schüler, aber eben auch die Schulleitungen und Lehrkräfte. Gerade in der aktuellen Situation ist es wichtiger denn je, unsere Lehrkräfte zu unterstützen und nicht auszubremsen. Sie sind die eigentlichen Expertinnen und Experten und können daher am besten auf die spezifischen Herausforderungen vor Ort reagieren. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wie in vielen Lebensbereichen ist es besonders im Schulkontext wichtig, vom Schwarz-weiß-Denken wegzukommen und mehr auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen. Dazu zählt auch die klassische Notenvergabe, die eben nicht immer eine gerechte Vergleichbarkeit ermöglicht und per se zu mehr Leistung motiviert. Die alternative Leistungsbeurteilung, wie beispielsweise ein wertschätzendes Berichtszeugnis, kann daher durchaus eine sinnvolle Möglichkeit sein. Doch diese Diskussion möchte ich eigentlich gar nicht aufmachen. Denn ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: Es handelt sich lediglich um ein Angebot, das Schulen nutzen können, wenn sie es für sinnvoll erachten. Wie mein Kollege Pascal Mennen schon erwähnt hat, gibt es viele Möglichkeiten, um den unterschiedlichen Anforderungen vor Ort gerecht zu werden und so für bestmögliche Lernbedingungen zu sorgen. Dazu gehören neben Lernspielen und sinnvoller Verknüpfung verschiedener Fächer auch das jahrgangsübergreifende Lernen. Damit ist das altersgemischte Lernen gemeint, also zum Beispiel, dass die Klassenstufen 1 und 4 zusammen lernen. Dadurch können die individuelle Entwicklungsmöglichkeit und die sozialen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler gestärkt werden. Denn eines steht fest: Kinder und Jugendliche sind genauso verschieden wie wir hier im Plenum. Jede und jeder hat ganz eigene Stärken und Schwächen. Das zu erkennen und darauf mit entsprechenden Entfaltungsmöglichkeiten zu reagieren, fördert nicht nur den Lernerfolg, sondern auch die Begeisterung für das Lernen. Vor allem aber hilft es den Schülerinnen und Schülern beim Erlernen sozialer Kompetenzen, die in unserer heterogenen Gesellschaft immer wichtiger werden. Empathie, Toleranz und die Fähigkeit des Zuhörens, um Konflikte konstruktiv zu lösen, sind in Zeiten von Populismus und Angstmacherei wichtiger denn je. Wir können und müssen Rahmenbedingungen schaffen, damit die Schulen mehr Sicherheit haben und ihre Potenziale voll ausschöpfen können. Nur so können unsere Schülerinnen und Schüler bestmöglich gefördert werden. Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Freiräume-Prozess ist keineswegs ein nebensächliches, ein sogenanntes Sahnethema. Freiräume ermöglichen eine starke Gesellschaft. Freiräume bedeuten Demokratie. Sie sind wichtiger als die sprichwörtliche Butter auf dem Brot. Daher bin ich sehr froh, dass wir uns in den folgenden Beratungen weiter intensiv mit dem Thema beschäftigen werden. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
