Pascal Mennen
Das Ende der schriftlichen Division in der Grundschule
Vielen Dank. - Frau Präsidentin! Sehr geehrte Abgeordnete! Mit der AfD muss man nicht zwangsläufig rechnen - das hat uns gestern Michel Friedman in der Gedenkstunde zu den im Nationalsozialismus Ermordeten gelehrt und uns aufgefordert, für unsere Demokratie und unsere Verfassung leidenschaftlich einzustehen. Ich mache das nun, indem auch ich mit Ihnen rechne. Dass eine Nachhilfestunde im Dividieren und zu den Umständen drumherum nötig ist, hat Ihre Rede eben deutlich bewiesen. Also, willkommen zu Lehrer Mennens Nachhilfestunde: schriftliches Dividieren für AfD-Anfänger! Sie wollen nicht hier sein - ich möchte nicht hier sein. - Hören Sie gut zu, dann haben wir es schnell hinter uns gebracht! Zunächst einmal: Dividieren ist das alte Teilen. So kennen Sie es wahrscheinlich noch aus Ihrer Grundschulzeit. Wir unterscheiden zwischen dem schriftlichen und dem halbschriftlichen Verfahren. Herr Güldner hat gerade ein gutes Beispiel gebracht. Ich habe dabei bei Ihnen einige ratlose Gesichter gesehen. Deswegen verwende ich ein etwas einfacheres Beispiel. Nehmen wir 88 geteilt durch 8. Die Teilschritte: Erstens zerlegen wir den Dividenden das ist in diesem Beispiel die erste Zahl in leicht teilbare Teile. Verehrte Kolleginnen und Kollegen, der Redner hat das Wort, und über die Inhalte entscheidet er. Der Redner spricht jetzt, und ich bitte alle anderen Abgeordneten im Saal, ihm jetzt zuzuhören. - Vielen Dank. Herr Mennen, Sie beginnen erst, wenn hier Ruhe eingekehrt ist. - Danke schön. Erster Teilschritt: den Dividenden das ist die erste Zahl in leicht teilbare Teile zerlegen. Das sind hier 80 und 8. Zweiter Schritt beim halbschriftlichen Verfahren: das Teilen. Jede Teilaufgabe einzeln lösen: ergibt 10 und 1. Drittens: Zusammenfassen, in diesem Fall die Ergebnisse addieren: Das Ergebnis ist 11. Kommen wir zum schriftlichen Verfahren: per Definition ein strenger algorithmischer Prozess, der das schriftliche Addieren und Subtrahieren sowie das Einmaleins erfordert, um auch große Zahlen mit diesem Verfahren bewältigen zu können. Aber wir haben für Sie ja ein einfaches Beispiel 88 durch 8 und kommen wieder zu den Teilschritten. Beim schriftlichen Verfahren ist das erstens: von vorne beginnen. Wie oft passt 8 in 8? Einmal. Schreibe die 1 auf. Zweiter Schritt: zurückrechnen, einmal 8 gleich 8. Schreibe die 8 unter die 8. Dritter Schritt: subtrahieren, 8 minus 8 gleich 0. Schreibe 0 auf. Vierter Schritt: nächste Ziffer holen. Die 8 von der 88 nach unten ziehen. Ergibt wieder 1 als Abkürzung. Man wiederholt das Ganze. Wie oft passt die 8 in die 8? Ein Mal. Das Ergebnis ist wieder 11. Was man sieht: Es werden deutlich mehr Teilschritte benötigt und deutlich mehr Verfahren der Mathematik. Der Vorteil des schriftlichen Dividierens liegt also auf der Hand. Dank des strengen Algorithmus sind auch schwierige Zahlen lösbar. Das halbschriftliche Verfahren fördert hingegen das Verständnis für den Divisionsprozess, anstatt nur einen Algorithmus auszuführen. Im Sinne eines tieferen Verständnisses und eines Kompetenzaufbaus ist es somit ein logischer Aufbau, zunächst das halbschriftliche und dann das schriftliche Dividieren zu vermitteln. Dieser Aufbau wird übrigens auch schon länger von Grundschullehrkräften so praktiziert und wurde von allen Bundesländern gemeinsam in der KultusministerInnenkonferenz beschlossen und auch schon von verschiedenen Parteifarben umgesetzt. Ja, es stimmt, es gibt jetzt einige Bundesländer, die entgegen der üblichen Vereinbarung, dass sich alle Bundesländer an ihre gemeinsamen Beschlüsse - in diesem Fall sogar ein einstimmiger Beschluss halten, jetzt wieder ausscheren. Aber dass sie das tun, ist eher das Unübliche. Ich denke übrigens, dass Sie verstanden haben, was Herr Güldner und ich gerade versucht haben, Ihnen zu erklären. Das ist vielleicht genau das Problem: Sie wollen hier nämlich ganz bewusst einen Punkt setzen, von dem Sie wissen, dass er falsch ist. Sie haben sich überlegt: Das Thema ist eigentlich schon durch, und eigentlich ist es auch geklärt, aber wir können hier einer grünen Ministerin noch mal eben Leistungsfeindlichkeit unterstellen. Das passt so schön in unsere eigene Erzählung und übrigens auch zu unserer eigenen Ideenlosigkeit im Kultusbereich. Für die Fortgeschrittenen in diesem Parlament möchte ich einmal kurz erklären: Wir haben uns einer klaren Kompetenzorientierung im Bildungsbereich verschrieben, wir haben verlässliche Absprachen mit anderen Bundesländern, die uns wichtig sind, und scheren nicht aus einstimmigen Beschlüssen aus. Wir haben die sichere Basis und damit drei zusätzliche Stunden an der Grundschule für Lesen, Schreiben, Rechnen eingeführt, also genau diese Grundkompetenzen. Und wir haben viele neue Lehrkräftestellen geschaffen. Abschließend möchte ich Ihnen eine übergeordnete Frage stellen, die uns allen gestern auch Michel Friedman gestellt hat: In was für einer Welt wollen Sie leben? In einer Welt des Hasses, in der wir uns gegenseitig misstrauen, uns Böses unterstellen und pessimistisch in die Zukunft schauen? Dann machen Sie genau so weiter - während wir unsere Utopien von einer guten, funktionierenden Bildungslandschaft umsetzen. Danke schön.
