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Antonia Hillberg

SPD 09.10.2025 5:18 min Tagungsabschnitte 19/28

Klare Kante gegen Gewalt an Frauen

Bitteschön, Frau Hillberg! Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wo beginnt eigentlich Gewalt gegen Frauen und Mädchen? Ab wann ist es ein Übergriff, ist es ein Femizid, ist es eine Vergewaltigung? Sind es wiederholte Schläge und das Klima der Angst im eigenen Zuhause? Ist es der „einmalige" gewaltvolle Ausrutscher, weil getrunken wurde oder auf der Arbeit gerade so viel Stress sei? Sind es der Entzug des Gehaltes und die Kontrolle über das Haushaltseinkommen? Sind es Demütigungen, Isolation, Beleidigungen und Drohungen? Sind es Stalking, die Kontrolle des Aufenthaltsortes, die Kontrolle darüber, mit wem sich die Partnerin trifft? Ist es das Erstellen von Revenge Porn mit Deepfakes? Ist es das Weiterleiten von Nacktbildern, die doch „nur fürein­ander" gemacht wurden? Ist es, wenn eine Polizistin während ihrer Dienstausübung gegen ihren Willen geküsst wird? Ist es, wenn die Hände des Kollegen plötzlich an den Hintern wandern und dort bleiben? Sind es Hassnachrichten im Postfach? Oder sind es auch Sprüche wie „Hey, bleib stehen, ich will dir an die ... fassen!", die herabwürdigen und gezielt eingesetzt werden? Sie sehen, Gewalt, insbesondere gegen Frauen und Mädchen, ist eine Spirale. Sie ist Ausdruck vom Verlangen nach Macht - Macht über die Frauen. Um diese Spirale zu brechen, müssen wir möglichst früh beginnen. Gerade deshalb ist die Forderung durch unsere Justizministerin Dr. Wahlmann nach der Strafbarkeit von verbaler sexueller Belästigung auch bekannt und verharmlost als „Catcalling" das absolut richtige Zeichen, das klare Kante gegen Gewalt an Frauen zeigt. Denn solche gezielten, erheblichen sexuell-mündlichen Belästigungen sind bisher nicht strafbar, sodass es eine Lücke im Strafrecht gibt, wie auch der BGH festgestellt hat. Die angeblich und scheinbar doch so kleinen Kommentare sind Belästigungen. Sie sind Herabwürdigungen, die eine klare Haltung zum Ausdruck bringen: Frauen sind minderwertig, Frauen sind Objekte, Frauen gehören mir. Und um hier einer möglichen Kleidungsdebatte direkt vorwegzugreifen: Nein, die Länge des Rocks und die Art der Kleidung sind niemals eine Rechtfertigung für Gewalt und Übergriffe. Der Wert einer Frau, eines Menschen, ist absolut unabhängig davon, welche Kleidung sie trägt. Der Respekt ihr gegenüber darf sich nicht proportional zu ihrer Rocklänge verändern. Respekt ist nicht verhandelbar. Wenn selbst eine Polizistin während ihrer Dienstausübung in Uniform nicht respektiert und gegen ihren Willen geküsst wird, dann ist es offensichtlich, dass die Kleidung nie das Problem war, sondern der Täter. Ein Verweis auf die Kleidung, die das Opfer trug, ist immer ein trauriger und lausiger Versuch, das Verhalten des Täters zu entschuldigen. Genauso lausig ist es übrigens auch, die Tötung einer Frau im Beziehungs- oder Trennungskontext nicht als solche zu benennen, sondern als „Beziehungstat" oder gar „Beziehungstragödie" zu verschleiern. Femizide sind Morde, und dementsprechend muss der Mordparagraf im Strafgesetzbuch geändert werden. Meine Damen und Herren, bei verbaler sexueller Belästigung handelt es sich um relevante Übergriffe, die nicht geduldet werden dürfen. Sie versetzen die Opfer in Angst. Ekel und Scham werden empfunden. Häufig ziehen sich die Opfer aus dem öffentlichen Leben zurück und werden so in ihrer freien Persönlichkeitsentfaltung eingeschränkt. Das darf nicht sein! Man darf alles sagen, selbstverständlich. Man muss für das Gesagte nur auch die Verantwortung tragen, und zwar als Täter und nicht, wie bisher, nur als Opfer. Und, bei aller Liebe: Wer sich jetzt in seinen Flirttaktiken bedroht sieht, der hat vielleicht grundsätzlich ein größeres Problem oder ist möglicherweise auch Teil des ganz großen Problems und sollte sich damit einmal beschäftigen. Denn Frauen und Mädchen sind keine fragilen, schützenswerten Blumen oder Ähnliches. Sie sind Menschen. Sie verdienen Respekt und Achtung. Sie verdienen es, als vollwertige Personen gesehen zu werden und nicht als Objekte. Das ist übrigens auch die Basis für eine gute und gewaltfreie Beziehung. Meine Damen und Herren, eines ist klar: Übergriffe sind kein Kavaliersdelikt. Herabwürdigungen eines anderen Menschen sind niemals in Ordnung. Täter müssen ihr Verhalten ändern - und nicht die Opfer. Eine Änderung des Strafgesetzbuches, die dem Rechnung trägt, ist daher sinnvoll und ein guter Ausdruck dieser Haltung. Vielen Dank.

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