Lena Nzume
Nie wieder ist jetzt! Angriffen auf Gedenkstätten entschieden entgegentreten, Gedenkstätten als Orte der Demokratiebildung und Erinnerung an finstere Zeiten stärken
Sehr geehrter Herr Landtagspräsident! Liebe Kolleg*innen! Deutschlandweit und auch in Niedersachsen nehmen rechtsextremistische Angriffe auf Gedenkstätten zu. Zu nennen sind hier zum Beispiel der Anschlag auf die Geschäftsstelle der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten in Celle, das Bekleben der Gedenkstätte in Ahlem mit volksverhetzenden Stickern oder auch Hakenkreuzschmierereien in Oldenburg. Die Dunkelziffer ist aber noch viel höher. Das alles sind Warnsignale. Durch die Verschiebung der öffentlichen Diskussion und die Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen fühlen sich Teile unserer Gesellschaft gestärkt und ermutigt, Gedenkstätten zu schänden. Was vor Kurzem gedacht wurde, wird jetzt offen ausgesprochen, und aus Worten werden Taten. Das lassen wir nicht zu. Gedenkstätten sind Orte, die uns wichtige historische Ereignisse vor Augen führen. Sie helfen uns bei der Erinnerung, sie sorgen für eine kritische Reflexion, und allein ihre Existenz ermöglicht einen Diskurs. Der Besuch eines Gedenkortes löst in Menschen vieles aus, bewusst oder unbewusst. Indem wir mittrauern, Empathie entwickeln, uns bestimmter Realitäten und Fakten bewusst werden, werden wir aufgefordert, uns zu positionieren und uns auseinanderzusetzen. Selbst eine Abwehrreaktion kann zu späten Denk- und Lernprozessen führen. Menschen aber, die Erinnerungsorte schänden, verweigern die Erinnerung. Nun kann man sagen, Vergessen gehört zum Erinnern dazu. Aber es ist uns wichtig, Verleugnen von Vergessen zu unterscheiden. Verleugnen bedeutet die Vermeidung von selbstkritischer Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Gegenwart. Liebe Kolleg*innen, Demokratie lebt vom Diskurs, und wir müssen uns zu gesellschaftlichen Themen verhalten. Dazu zählen natürlich auch historische Ereignisse, die nicht einfach vergangen sind, sondern ihre Wirkmächtigkeit bis in die Gegenwart, in die jetzige Zeit, haben. Dazu benötigen wir Wissen, und Wissensvermittlung spielt eine Rolle. Dafür brauchen wir Gedenkorte und Erinnerungsorte. Sie machen Geschichte erlebbar und erfahrbar. Das kann schmerzhaft oder mit Scham behaftet sein. Wie gesagt, der Besuch von Gedenkstätten, insbesondere von Gedenkstätten, die sich mit den Gräueltaten des Nationalsozialismus auseinandersetzen, ist eine emotionale und tief bewegende Angelegenheit. Historische Ereignisse können nicht einfach ausradiert oder geändert werden; denn unsere Welt ist heute so, wie sie ist, weil die historischen Ereignisse sie dazu gemacht haben. Die Taten der Vergangenheit bringen eine Verantwortung für unsere Gegenwart und für unsere Zukunft mit sich. Erinnerungsorte machen uns diese Verantwortung bewusst und zeigen gleichzeitig, wie zerbrechlich unsere Gesellschaft und unsere demokratischen Werte sind. Zugleich eröffnen sie Räume für eine kritische Auseinandersetzung, eine multiperspektivische Auseinandersetzung. Sie fördern unsere Urteilsfähigkeit, unsere Kritikfähigkeit, unsere Handlungsfähigkeit und letztlich unsere Demokratiefähigkeit. Lange ließ sich die Erinnerungskultur als eine Verdrängungskultur bezeichnen, und es war ein Kampf von vielen gesellschaftlich und zivilgesellschaftlich Engagierten, der dazu führte, jetzt eine kritische Form der Erinnerung zu verankern, die handlungsorientiert ist und die eine Auseinandersetzung mit der Geschichte ermöglicht. Genau diese kritisch-reflexive Erinnerungskultur ist jetzt wieder in Gefahr. Rechtsextreme intensivieren ihre Angriffe auf die Erinnerungskultur. Ich meine hier zum Beispiel auch Björn Höcke, der eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad fordert. Menschen, die sich an Gedenkstätten vergehen, wollen die Geschichte nicht verstehen. Sie wollen sie umdeuten. Sie pfeifen auf Fakten, auf Forschung und Wissenschaft. Angriffe auf Gedenkstätten sind Angriffe auf unsere Erinnerungskultur und somit Angriffe auf unsere Demokratie. Liebe Kolleg*innen, lassen Sie uns unser kollektives Gedächtnis nicht umdeuten lassen! Erinnerungskultur verändert sich natürlich, und wir brauchen eine multiperspektivische, vielfältige Erinnerungskultur. Deshalb möchten wir auch die Strategie erweitern und Demokratiegeschichte, Kolonialgeschichte und alle anderen genozidalen Verbrechen in einer kritischen Erinnerungskultur mit umfassen. Dafür braucht es eine gute Förderung, eine nachhaltige Förderung unserer Gedenkstätten, damit unser Blick auf die Geschichte, auf die Gegenwart und auf die Zukunft weiterhin scharf bleibt. Vielen Dank.
