Tim Julian Wook
Niedersachsen verbindet Europa - europäisches Austausch- und Partnerschaftsprogramm
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lassen Sie mich mit einem konkreten Beispiel aus meiner Heimat Godshorn beginnen: Godshorn pflegt seit 60 Jahren eine Partnerschaft mit Le Trait in der Normandie. Seit sechs Jahrzehnten organisieren Ehrenamtliche diesen Austausch - verlässlich, herzlich und mit ganz enormem persönlichen Einsatz. Keine Behörde hat diese Partnerschaft am Leben gehalten - Menschen haben das getan, die daran glauben, dass Begegnung mehr bewirkt als jede politische Erklärung. In diesem Jahr feiern wir das 60-jährige Jubiläum. Das ist mehr als nur ein Jahrestag - das ist seit 60 Jahren gelebte europäische Verständigung. Genau für diese Menschen beschließen wir heute diesen Antrag. Denn der europäische Gedanke entsteht nicht allein durch Debatten in Parlamenten wie heute oder bei Gipfeltreffen wie in Brüssel. Er entsteht dann, wenn junge Menschen gemeinsam Sport treiben, wenn Chöre miteinander musizieren, wenn Schülerinnen und Schüler andere Kulturen kennenlernen oder wenn Städtepartnerschaften über Jahrzehnte hinweg Freundschaften über Ländergrenzen hinaus schaffen. Solche Begegnungen fördern Verständnis, bauen Vorurteile ab und stärken den Zusammenhalt in Europa. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir leben in keiner einfachen Zeit für Europa. Nationalismus und Populismus gewinnen wieder an Boden. Antieuropäische Kräfte leben davon, Menschen gegeneinander auszuspielen und Vertrauen zu zerstören. Gerade deshalb dürfen wir Europa nicht Populisten überlassen. Denn gegen Misstrauen helfen keine abstrakten Bekenntnisse. Dagegen hilft vor allem eines: persönliche Begegnung. Das ist nachhaltiger als jede Kampagne, die wir uns ausdenken können. Wer einmal erlebt hat, wie Menschen aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam diskutieren, gemeinsam feiern oder gemeinsam Probleme lösen, der versteht Europa nicht nur politisch, sondern menschlich. Besonders wichtig ist dabei die Rolle junger Menschen. Wer früh andere Kulturen kennenlernt, entwickelt Offenheit, Toleranz und demokratisches Verständnis. Deshalb ist es richtig, dass dieses Programm jetzt ausdrücklich Jugend-, Bildungs-, Sport- und Kulturprojekte stärkt. Ein besonderes Kapitel ist die Zusammenarbeit mit dem Vereinigten Königreich. Der Brexit hat vieles erschwert: Fördermöglichkeiten sind weggefallen, Kooperationen wurden komplizierter, und manche Partnerschaften und Freundschaften drohten auseinanderzubrechen. Aber eines darf nicht passieren: dass politische Entscheidungen auf Staatsebene dazu führen, dass gewachsene Freundschaften zwischen Menschen verloren gehen. Denn gerade die deutsch-britische Partnerschaft hat über Jahrzehnte geholfen, Brücken zu bauen und den europäischen Austausch lebendig zu halten. Viele Kommunen in Niedersachsen pflegen nach wie vor enge Kontakte nach Großbritannien - geprägt von Freundschaften, gemeinsamen Projekten und gegenseitigem Vertrauen. Auch wenn das Vereinigte Königreich die Europäische Union verlassen hat - kulturell, historisch und gesellschaftlich bleibt es Teil Europas. Diese Verbindung wollen wir jetzt wieder gezielt stärken. Liebe Kolleginnen und Kollegen, dieser Antrag ist nicht nur eine Absichtserklärung geblieben. Die Landesregierung hat richtig geliefert. 1 Million Euro stehen im Haushalt 2026 bereit, verbunden mit einem bewusst schlanken, unbürokratischen Verfahren: kein aufwendiges Antragswesen, kein bürokratischer Papierkrieg. Das ist genau der Ansatz, den wir gewollt haben: Vertrauen in die Kommunen statt Misstrauen durch Bürokratie. Das Programm startet zunächst mit den Mittel- und Oberzentren. Aber das Ziel ist klar: perspektivisch die Ausweitung auf weitere Kommunen und den ländlichen Raum. Denn gerade dort ich erlebe das bei mir im kleinen Godshorn jeden Tag brennen die Europaflammen am stärksten - trotz des kleinsten Budgets. Dieser Antrag ist deshalb auch unser Bekenntnis zu dieser Zivilgesellschaft. Europa lebt nicht allein durch Institutionen. Europa lebt durch die Menschen, die sich vor Ort engagieren: im Sportverein, in der Kulturarbeit, in Jugendinitiativen, eben in Städtepartnerschaften. Deshalb ist dieser Antrag nicht nur ein Antrag auf ein Förderprogramm. Er ist auch ein Ausdruck von Wertschätzung gegenüber den Ehrenamtlichen, die sich seit Jahrzehnten für die europäische Partnerschaft einsetzen. Diese Menschen investieren Zeit, Energie und Herzblut, um Begegnungen möglich zu machen. Sie organisieren Austauschfahrten, kümmern sich um Gäste, planen Veranstaltungen, halten Partnerschaften am Leben - und das oftmals neben dem Beruf und der Familie, genau wie die Menschen bei mir in Godshorn, die diese Freundschaft jetzt über 60 Jahre pflegen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich finde, bei diesem Thema sollte ein breiter demokratischer Konsens möglich sein. Denn europäische Partnerschaften stärken Verständigung, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das sind keine parteipolitischen Ziele, das ist eigentlich unsere gemeinsame Grundlage. Europa darf nicht abstrakt bleiben. Denn Europa muss nach wie vor im Alltag der Menschen spürbar sein - durch Begegnungen, durch Freundschaften, durch gelebte Partnerschaften. Wer Begegnungen fördert, stärkt Verständnis. Wer Austausch ermöglicht, stärkt die Demokratie. Wer Europa vor Ort erlebbar macht, stärkt Vertrauen in unsere gemeinschaftlichen Werte. Niedersachsen ist ein weltoffenes, vielfältiges und vor allem europäisches Bundesland. Mit diesem Programm machen wir das nicht nur in Sonntagsreden deutlich, sondern ganz konkret in den Städten, in den Kommunen, in den Gemeinden und bei den Menschen. Wir stärken hiermit Europa. Vielen Dank.
