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Lukas Reinken

CDU 10.11.2023 8:25 min Tagungsabschnitte 19/11

Berufsorientierung an allgemeinbildenden Schulen ausbauen

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich freue mich immer, wenn Schülerpraktikanten mich für ein paar Tage bei meiner Arbeit begleiten und einen Einblick in die Arbeit von mir und meinem Team bekommen können. Ich bin sicher, das geht vielen Kollegen hier im Haus ähnlich. Vor einigen Wochen hatte ich einen Schülerpraktikanten, den ich nach seinen Berufswünschen gefragt habe. Das mache ich jedes Mal, denn so kann ich manche Themen während das Praktikums näher auch auf den Berufswunsch oder auf den Traumberuf des Schülerpraktikanten ausrichten. Dieser Schüler sagte mir: „Ich habe wirklich überhaupt keine Ahnung. Es gibt so viele Möglichkeiten, und ich interessiere mich für so viele unterschiedliche Dinge. Und in der Schule sprechen wir irgendwie nie darüber. Vielleicht“, sagte er, „so wie du in die Politik. Aber vorher will ich einen richtigen Beruf lernen.“ Ich fand, das war erst mal sehr löblich. Meine Damen und Herren, es ist sicher keine Einzelmeinung, dass viele Schülerinnen und Schüler auch kurz vor dem Schulabschluss noch keine Ahnung haben, was sie danach beruflich machen wollen. Deshalb brauchen wir eine grundlegende, eine moderne und flächendeckende Stärkung der Berufsorientierung. Die brauchen wir ‑ um das ganz deutlich sagen ‑ in den Sekundarstufen I und II in allen weiterführenden Schulen. Dabei geht es eben nicht um eine einseitige Studien- oder Ausbildungsorientierung, sondern im wörtlichen Sinne um die Orientierung zu Berufsfeldern, zu zusätzlichen Bildungsangeboten, akademischen Graden und Ausbildungsplätzen. Dazu legen wir heute mit unserem Antrag eine Vielzahl von Vorschlägen vor. Ich muss sagen, ich bin da gespannt wie ein Flitzebogen. Werden Sie, liebe Regierungsfraktionen, auch dieses Mal wie bei jedem einzelnen Antrag der Opposition im Ausschuss die eingehende Beratung inklusive einer möglichen Anhörung von Experten und Praktikern ablehnen? Werden Sie den Menschen auch hier erzählen, dass dieses ganze Thema durch Regierungshandeln erledigt ist, obwohl sich eigentlich nichts verändert? Oder, liebe Regierungsfraktionen, wie steht es mit der oft angebotenen Hand, die Sie uns reichen wollen? - Wir haben zwei Hände, aber wenn Sie nie eine richtig ausstrecken, dann wird die eben auch nicht geschüttelt. Wir müssen ja nicht gleich Hand in Hand in den Sonnenuntergang spazieren. Aber gemeinsam mal etwas Sinnvolles für das Land tun, das wär’ doch mal was! - Herr Siebels sagt gerade: Fangen Sie doch mal an! - Wir können gerne mal die Anträge zählen, die wir vorgelegt haben, und was Sie im letzten Jahr im Kultusausschuss so vorgelegt haben. Wir können da ja klein anfangen, indem wir zum Beispiel Ihre Streichung der Anrechnungsstunden für den Berufsorientierungsbeauftragten an den Schulen zurücknehmen. Berufsorientierung braucht eben Zeit. Die Lehrkräfte müssen die Chance haben, sich einzuarbeiten und vor Ort Konzepte zu erarbeiten, die bei den Schülern auch wirklich sinnvoll ankommen. Das geht eben nicht mit einem vollen Stundenkontingent. Wir wollen außerdem in der 9. Jahrgangsstufe an allen weiterführenden Schulen für acht Wochen einen Berufsorientierungstag pro Woche einführen. So haben die Schülerinnen und Schüler genügend Zeit, um unterschiedliche Berufsbilder kennenzulernen, auszuprobieren, sich selbst zu reflektieren und so besser zu ersten Entscheidungen im Hinblick auf die Berufswahl zu kommen. Dazu brauchen wir auch eine stärkere Förderung von Kooperationsprojekten zwischen allen Akteuren in diesem Bereich. Die allgemeinbildenden Schulen müssen vernetzter werden mit den BBSen, um gemeinsame Projekte durchführen zu können. Auch eine Kooperation zum Beispiel mit den Kammern oder Verbänden wäre sinnvoll - zum Beispiel mit unseren Handwerkskammern und Kreishandwerkerschaften. Die wissen, wie Ausbildung geht. Die können auch Lust auf Berufe machen und Einblicke in die Praxis geben. Meine Damen und Herren, auch Hochschulen oder Unternehmen könnten so eine bessere Vernetzung in die Schulen bekommen, um im Rahmen dieser Berufsorientierungstage ihre Angebote vorzustellen. Eine informierte Wahl ist für jeden Schüler und für jede Schülerin eine bessere Wahl. Wir wollen zudem das Instrument von Potenzialanalysen in der Berufsorientierung etablieren. Zusammen mit Partnern wie beispielsweise den Berufsberatern soll diese Methode dafür sorgen, dass die jungen Menschen ihre eigenen Talente und Fähigkeiten besser verstehen und auch ihre Entwicklung über einen Zeitraum im Blick behalten können. Und diese Methode ist ja nun wirklich keine Raketentechnik. In der Personalentwicklung und in Weiterbildungseinrichtung wird schon seit Jahren damit gearbeitet, um zielgenau dort zu unterstützen, wo am Ende für jeden Einzelnen die Interessen und Fähigkeiten liegen. Und ja, das wird Zeit in den Schulen benötigen. Das bindet auch Unterrichtsstunden. Zu Recht sind wir oft kritisch, wenn wieder neue Inhalte in den Schulen verankert werden sollen. Aber trotzdem sollten wir an dieser Stelle daran denken, dass eine gute Berufsorientierung in der Schulzeit viele Benefits hat: Die Studien- und Ausbildungsabbrecherquote wird sinken. Eher unbekannte Berufszweige können sich besser präsentieren und mehr Nachwuchskräfte gewinnen. Der Prozess zum lebenslangen Lernen kann da wirkungsvoll angestoßen werden. Und wir verlieren weniger Menschen, die nach dem Schulabschluss gar nicht erst in eine Ausbildung oder ein Studium starten. Lassen Sie uns deshalb schauen, wie wir diese Themen in den Schulalltag verankern, welche Synergieeffekte wir gegebenenfalls mit anderen Inhalten schaffen können und wie wir dennoch auch den Lehrplan an anderer Stelle entlasten können. Dabei ‑ das ist mir ganz besonders wichtig ‑ bietet es besonders große Chancen, wenn wir die Berufsorientierung so ausgestalten, dass sie auch wirklich bei den jungen Menschen ankommt und als Bereicherung empfunden wird. Nur wenn die Schülerinnen und Schüler auch wirklich das Gefühl haben, dass man sie mit ihren Wünschen, Ideen und Sorgen abholt und sie ernst genommen werden, und sie selbstbestimmt diesen Berufsorientierungsprozess durchlaufen können, nur dann kann das System wirklich funktionieren. Deswegen brauchen wir insbesondere mehr digitale Angebote in der Berufsorientierung. Denn das bildet die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen ab. Es gibt tolle Berufsberatungs-Apps, auf denen interaktive Einblicke und gute Beratung gewährt werden können. Auch die Online-Berufsberatung können wir ausbauen. Durch gar nicht mehr so neue Technologien wie Virtual Reality wäre es zum Beispiel möglich, in jedem Klassenraum in jeden erdenklichen Beruf wirklich praktisch reinzuschnuppern. Ich glaube, da liegt ganz viel Potenzial, und auf diesen Weg sollten wir uns jetzt machen. Denn so erhalten die Schülerinnen und Schüler eine vollumfängliche Berufsorientierung, sind informiert und hoffentlich dann auch motiviert, eine Ausbildung oder ein Studium aufzunehmen, das wirklich zu ihnen passt, damit eben nicht das gilt, was schon der französische Physiker Blaise Pascal zur Berufswahl im 17. Jahrhundert gesagt hat. - Passen Sie auf, Herr Siebels! Der hat schon im 17. Jahrhundert gesagt: Das Wichtigste im Leben ist die Wahl des Berufes, und der Zufall entscheidet darüber. - Wir wollen nicht, dass der Zufall entscheidet. Herr Siebels, wenn Sie sich an Ihren Physikunterricht zurückerinnern, dann wird Ihnen der Physiker Pascal vielleicht noch in Erinnerung sein. Denn nach dem Physiker Pascal ist die physikalische Einheit des Drucks benannt. Ich glaube, wir brauchen jetzt dringend Druck beim Thema Berufsorientierung. Wir müssen hier zügig ein Stück weiterkommen. In dem Sinne: App statt Overhead-Projektor, KI statt Ankreuztests, Praktikum statt Orientierungslosigkeit, und vor allem Turbo statt Tempomat. Dann findet auch mein Schülerpraktikant seinen Traumberuf. Vielen Dank.

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