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Daniela Behrens

SPD 27.03.2025 10:31 min Tagungsabschnitte 19/24

Verrohung und Gewalt im Kinder- und Jugendsport?

Frau Behrens. Bitteschön! Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete! Kriminalprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eine erfolgreiche Präventionsarbeit ist die Grundlage dafür, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung auf allen Ebenen zu stärken. Prävention und frühe Intervention sind entscheidend, um insbesondere junge Menschen vor kriminellen Karrieren zu bewahren und unsere Gesellschaft nachhaltig zu schützen. Vor diesem Hintergrund stehen die Präventionsarbeit und damit insbesondere auch die Gewaltprävention im besonderen Fokus dieser Landesregierung. Mit Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik des Jahres 2024, die ich vor wenigen Wochen vorgestellt habe, ist festzustellen: Die Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit haben im Vergleich der Jahre 2023 und 2024 geringfügig um 2,96 % zugenommen. Ein Blick in die Details macht deutlich, dass Bedrohungen, Nötigungen und einfache Körperverletzungen zugenommen haben. Im Bereich der gefährlichen und schweren Körperverletzung ist der Anstieg marginal und bewegt sich deutlich unterhalb einer Zuwachsrate von 1 %. Im Bereich des Raubes sind die Fallzahlen deutlich zurückgegangen. Diese Tendenzen zeigen sich im Übrigen nicht nur mit Blick auf die Gesamtkriminalität, sondern auch mit Blick auf die Kriminalität durch junge Menschen. Die Gesamtzahl der Kriminalität junger Menschen ist im Vergleich zum Vorjahr im Übrigen gesunken. Dennoch ist natürlich jeder Einzelfall von Gewaltanwendung einer zu viel. Das gilt auch für Gewalttaten im Bereich des Sports. Als Landesregierung stehen wir dafür ein, dass Gewalt gerade im Sport nichts zu suchen hat und dass jeder Einzelfall konsequent verfolgt wird. Dies gewährleisten unsere niedersächsischen Sicherheitsbehörden. Dies vorausgeschickt, beantworte ich die Fragen wie folgt: Zur Frage 1: Es existiert keine flächendeckende Statistik über Gewaltvorfälle im Kinder- und Jugendsport in Niedersachsen. Der Niedersächsische Fußballverband führt durch seine zentrale Anlaufstelle „Geballt gegen Diskriminierung und Gewalt" eine Statistik für den Amateurfußball in Niedersachsen. Von dieser Statistik sind alle Altersgruppen umfasst. Anhand dieser Statistik ist keine Zunahme von Gewaltvorfällen im niedersächsischen Amateurfußball in den vergangenen Jahren festzustellen. Beispielhaft kann ich die Zahlen der letzten drei Saisons nach den Corona-bedingten Einschränkungen kurz nennen: In der Saison 2023/2024 ist es in rund 170 000 Spielen zu 360 Gewaltvorfällen gekommen. In der Spielzeit 2022/2023 waren es rund 143 000 Spiele und 388 Gewaltvorfälle. In der Saison 2021/2022 waren es in rund 135 000 Spielen 342 Gewaltvorfälle. In der letzten Saison 2018/2019 vor den Corona-Einschränkungen waren es übrigens 447 Gewaltvorfälle in rund 148 000 Spielen, also eine deutlich höhere Zahl. Eine „zunehmende Verrohung und Gewalt" zeichnet sich somit nicht ab. Problemlagen, die gesamtgesellschaftlich wirken, dürften sich aber vermutlich auch im Bereich des Sports bzw. Fußballsports widerspiegeln. Dies gilt für Vereine ebenso wie für die Schulen und alle anderen Orte des öffentlichen Lebens, an denen Menschen und insbesondere junge Menschen zusammenkommen. Die Entwicklungen, die wir im Bereich der Gewaltkriminalität feststellen, untermauern aber gerade die besondere Bedeutung des Sports und des Vereinslebens. Der Kinder- und Jugendsport und die Vereinsarbeit sind wichtiger Bestandteil von Erziehung, gesellschaftlicher Teilhabe und Prävention. Die grundsätzlich positive Wirkung von Vereins- und auch Jugendsport ist daher überhaupt nicht infrage zu stellen Zu Frage 2: Es wird auf die Antwort zu Frage 1 verwiesen. Zu Frage 3: Der weit überwiegende Teil der im Landessportbund Niedersachsen organisierten sportlichen Betätigungen und Wettkämpfe findet friedlich und ohne jegliche Gewaltvorfälle statt. Der gemeinnützig organisierte Vereinssport fördert vielmehr das Miteinander, den Austausch und gemeinsame Erlebnisse von Menschen aller Altersgruppen und unterschiedlicher sozialer, kultureller und religiöser Zugehörigkeit. Der organisierte Sport ist bei einer Anzahl von in Niedersachsen rund 2,5 Millionen Mitgliedschaften immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft mit all ihren Phänomenen und Herausforderungen. So sind auch im organisierten Sport Fälle von Gewalt und Diskriminierung zu beklagen. Es ist daher Aufgabe und Auftrag des Landessportbundes und seiner Mitgliedsorganisationen, zielgerichtet Maßnahmen und Angebote vorzuhalten und umzusetzen, um diesen Vorfällen zu begegnen. Diese Maßnahmen und Angebote sind nur dann wirksam, wenn sie hinsichtlich der Zielgruppe, der Sportart und der Art der Gewaltausprägung passend ausgerichtet sind. Beispielhaft zu nennen sind hier Programme und Projekte wie „Schutz vor sexualisierter Gewalt im Sport" seit 2010, „Sport mit Courage" seit 2012, aber auch Programme der Landesfachverbände wie „Geballt gegen Diskriminierung und Gewalt" des Niedersächsischen Fußballverbandes seit 2020. Im Jahr 2022 wurde darüber hinaus auf Bundesebene eine Ansprechstelle für Betroffene von sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt im Sport gegründet. Das Land Niedersachsen ist im Rahmen der 46. Sportministerkonferenz dem Trägerverein der unabhängigen Ansprechstelle beigetreten. Seit Beginn des Jahres 2024 beteiligt sich das Land Niedersachsen an der Finanzierung dieser unabhängigen Ansprechstelle. Auf den Fußballsport bezogen, ist der Aspekt der Prävention seit mehr als zehn Jahren ein elementarer Bestandteil der seitens des Niedersächsischen Fußballverbandes angebotenen Lehrarbeit. Die Behandlung von Deeskalationsstrategien im Bereich des Schiedsrichterwesens oder auch die explizite Thematisierung der Vorbildfunktion von Trainerinnen und Trainern sind Themen, die sich im Qualifizierungsangebot des Niedersächsischen Fußballverbandes für unterschiedliche Zielgruppen wiederfinden. Konkret bedeutet dies eine bereits seit mehreren Jahren existierende Berücksichtigung der vorgenannten Themen sowohl in den für Trainerinnen und Trainern sowie Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern bereitgestellten Ausbildungsmaßnahmen als auch im Fortbildungssegment. Dabei werden unter anderem mit der „Fortbildung Fair Play" entsprechende Angebote für die betreffenden Zielgruppen vorgehalten. In Kooperation zwischen dem Landessportbund und dem Niedersächsischen Fußballverband ist im Jahr 2020 mithilfe der Förderung aus dem Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe" die zentrale Anlaufstelle „Geballt gegen Diskriminierung und Gewalt" entstanden. Das Aufgabenprofil der zentralen Anlaufstelle umfasst die systematische Meldungserfassung, die Kontaktherstellung zu den Konfliktbeteiligten, die Koordinierung von Beratungs- und Unterstützungsangeboten sowie die Nachbereitung eines Vorfalls. Dabei ist die Anlaufstelle ausdrücklich nicht nur für Vorkommnisse im direkten Spielumfeld auf und neben dem Platz zuständig. Sie befasst sich auch mit Vorfällen während des Trainings, in den sozialen Medien bei direktem Mannschafts- und Vereinsbezug und bei proaktiven Beratungsanfragen von jeglichen Akteurinnen und Akteuren aufgrund von gewaltbereiten, diskriminierenden oder extremistischen Tendenzen im Verein. Um ein nachhaltiges Beratungsangebot für Meldungen zu schaffen, sind Konfliktlotsinnen und ‑lotsen ausgebildet worden. Diese sind als regionale Ansprechpartnerinnen und ‑partner für die Themen Antidiskriminierung und Gewaltprävention im niedersächsischen Amateurfußball im Einsatz, um Vereine und Mitglieder des Niedersächsischen Fußballverbandes im Zusammenhang mit Gewalt- und Diskriminierungsvorfällen flächendeckend zu beraten und präventiv zu unterstützen. Zu den Fortbildungsinhalten zählen die Sensibilisierung für Diskriminierung, Extremismus und Gewalt im Amateurfußball ebenso wie die Vermittlung niedrigschwelliger Beratungs- und Moderationskompetenz oder auch die Stärkung persönlicher Handlungssicherheit im Umgang mit Gewalt- und Diskriminierungsvorfällen. Diese Kompetenzen versetzen Konfliktlotsinnen und ‑lotsen des Niedersächsischen Fußballverbands in die Lage, im regionalen Amateurfußball für die Themen Antidiskriminierung und Gewaltprävention ansprechbar zu sein und Kontakt zu den Beteiligten nach entsprechenden Vorfällen aufzunehmen. Nach einer Ersterfassung der Situation erörtern sie gemeinsam mit den Beteiligten Handlungsoptionen zur Aufarbeitung bzw. Deeskalation und vermitteln gegebenenfalls präventive und interventive Angebote durch Experten. Die Bekämpfung insbesondere von Jugenddelinquenz egal ob im Sport oder woanders ist komplex. Sie gelingt nur gesamtgesellschaftlich im Zusammenspiel aller Akteure. Eine intensive Zusammenarbeit insbesondere von Schulen, von Jugendämtern, von Jugendhäusern, von Polizei und anderen ist für eine flexible Gestaltung von Präventionsprogrammen notwendig. Für eine effiziente Gewaltprävention im Jugendsport und im Jugendfußball ist gemeinsames Engagement aller Beteiligten erforderlich. Neben den Vereinsverantwortlichen und Verbänden sind Spieler, Trainer und Eltern die Adressaten für einen respektvollen und gewaltfreien Umgang miteinander. Damit die positiven Werte des Sports weiter im Vordergrund stehen, ist ein konsequentes Eintreten für respektvollen und fairen Umgang erforderlich. Ebenso wichtig sind erzieherische Maßnahmen sowie Sanktionen bei Fehlverhalten. Abschließend möchte ich auf die umfangreichen, von der Polizei initiierten oder polizeilich unterstützten Projekte im Bereich der Gewaltprävention verweisen. Diese zielen grundsätzlich auf generalpräventive Aspekte wie die Stärkung von Schutzmaßnahmen und die Minimierung von Risikofaktoren. Meine Damen und Herren, zusammenfassend wird deutlich, dass sich Niedersachsen sowohl im staatlichen als auch im nicht staatlichen Bereich bzw. im ehrenamtlichen Bereich in den vergangenen Jahren sehr stark aufgestellt hat, um effektiv Gewaltprävention zu betreiben und Gewalt im Sport, insbesondere im Kinder- und Jugendsport einzudämmen. Diese Initiativen werden wir fortsetzen; denn sie wirken sehr gut. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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