Thore Güldner
Resolution des Niedersächsischen Landtages zum Evangelischen Kirchentag 2025 und zur besonderen Bedeutung der Kirchen und des interreligiösen Dialoges in Niedersachsen
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Mutig stark beherzt" unter diesem Motto wird Ende April und Anfang Mai Hannover und Niedersachsen mal wieder Gastgeber für den Evangelischen Kirchentag sein, Gastgeber für eine der größten zivilgesellschaftlichen Veranstaltungen unseres Landes, welche wieder viele Tausende Besucherinnen und Besucher hier zusammenbringt, um über ihren Glauben, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die großen welt- und kirchenpolitischen Herausforderungen dieser Tage zu diskutieren, zu sprechen und vor allem, um hier in Niedersachsen zusammenzukommen, um eine gute Zeit zu haben. Dass wir diesen Kirchentag nicht nur finanziell unterstützen, sondern auch mit einer gemeinsamen Resolution der demokratischen Fraktionen dieses Hauses begleiten, ist dabei ein starkes Zeichen ein starkes Zeichen nicht nur für die Organisatoren, nicht nur für die Teilnehmenden und die Gläubigen, sondern ein starkes Zeichen weit darüber hinaus. Ich freue mich sehr, dass wir heute auch Vertreter der Kirchen hier begrüßen dürfen, die an dieser Debatte mit teilnehmen. Auch das ist ein starkes Zeichen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Kirchen in unserem schönen Bundesland waren und sind immer dann besonders stark, wenn sie sich an die Seite der Schwachen stellen, wenn sie Unrecht benennen, gegen Ausgrenzung kämpfen und für eine solidarische Gesellschaft eintreten, wenn sie als ethischer Leitplankengeber Mitmenschlichkeit auch über Messen, Gottesdienste und Kirchentage hinaus leben und damit auch das demokratische Miteinander stärken. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung, in denen das Vertrauen in politische Institutionen schwindet und Extremismus sowie Populismus bedrohlich an Einfluss gewinnen, brauchen wir genau diese starken Stimmen Stimmen, die Orientierung bieten, die Brücken bauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt verteidigen. Beim Festakt zum 70-jährigen Jubiläum des Loccumer Vertrags und zum 60‑jährigen Jubiläum des Konkordats mit dem Heiligen Stuhl betonte der Oldenburger Bischof Adomeit am Dienstag eindrücklich, dass die Kirchen genau diese Rolle übernehmen können, übernehmen wollen und schon aus ihrer eigenen Geschichte heraus auch übernehmen müssen. Denn mit Blick auf die historischen Verfehlungen insbesondere im Umgang mit dem Nationalsozialismus tragen sie eine besondere Verantwortung, sich aktiv für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen. Ich begrüße es ausdrücklich, dass sie dieser Verantwortung in den vergangenen Monaten immer wieder auch in den tagespolitischen Debatten mit einer klaren Haltung nachgekommen sind. Diese klare Haltung von den Kirchen einzufordern, ist übrigens auch keine Belehrung, sondern Ausdruck unserer gemeinsamen Verantwortung für unsere Gesellschaft. Als Politik dürfen und müssen wir darauf bestehen, dass die Kirchen ihrer Rolle in einem starken, wertebasierten Miteinander gerecht werden und ihre Stimme für Demokratie und Menschenwürde erheben. Genau dieser Anspruch bringt auch eine Verpflichtung mit sich. Wer moralischer Kompass so wie die Kirche sein will, muss sich auch selbst an höchsten Maßstäben messen lassen. Deshalb gehört es ebenso zu unserem Auftrag, Missstände in den Kirchen nicht einfach hinzunehmen oder zu verschweigen, sondern sie auch klar zu benennen, und zwar gemeinsam. Das betrifft vor allem die in Teilen nicht konsequent genug aufgearbeiteten Missbrauchsfälle sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche. Diese Verfehlungen belasten das Vertrauen vieler Menschen zur Kirche. Es ist auch unsere Aufgabe, genauso wie die Pflicht der Kirchen, hier lückenlose Aufklärung und konsequente Aufarbeitung zu leisten. Wir fordern das in jedem Fall weiterhin ein. Aber genauso ist es unsere Aufgabe bei all der berechtigten Kritik, die man dann auch an Kirche äußern darf jederzeit übrigens, die immense gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen nicht aus dem Auge zu verlieren. Denn gerade in Niedersachsen gibt es nach wie vor eine historisch gewachsene und stark ausgeprägte Bindung zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und den Kirchen. Mit ihren Wohlfahrtsverbänden, Krankenhäusern, Schulen, Pflegeeinrichtungen, Kitas und zahlreichen weiteren Einrichtungen sind sie nicht nur ein großer Arbeitgeber nein, sie sind ein unverzichtbarer Stützpfeiler unserer Gesellschaft. Gleichzeitig stehen die Kirchen vor großen Herausforderungen. Sinkende Mitgliederzahlen wir haben es heute Mittag lesen können, gesellschaftliche Veränderungen und der wachsende Wunsch vieler Menschen nach flexibleren, moderneren Formen von Religiosität fordern neue Antworten. Gerade junge Menschen suchen zwar nach Werten und Orientierung, aber sie erwarten zu Recht eine Kirche, die offen, selbstkritisch und dialogbereit ist. Genau darum wird es auch beim diesjährigen Kirchentag gehen. Genauso wird beim Kirchentag der interreligiöse Dialog eine große Rolle spielen, und das auch zu Recht. Denn in einer Gesellschaft, die immer vielfältiger wird, brauchen wir Orte, an denen Verständigung gelingt und ein echtes Miteinander gelebt wird. Ein herausragendes Beispiel dafür ist das Haus der Religionen hier in Hannover. Wer die Arbeit dort kennt, der spürt sofort, wie sich Ehrenamtliche, aber auch Hauptamtliche mit Leidenschaft engagieren und Brücken zwischen den Glaubensgemeinschaften bauen. Sie schaffen Begegnungen, fördern gegenseitiges Verständnis und leisten einen unschätzbaren Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Solche Anlaufstellen braucht es noch viel mehr im Land. Ein weiteres wichtiges Signal für den interreligiösen Dialog wird auch die Einführung des gemeinsamen christlichen Religionsunterrichts sein. Dass evangelische und katholische Kirchen hier gemeinsam ein solches Bildungsprojekt auf den Weg bringen, ist deutschlandweit einmalig und wird stilprägend sein. Dieser Unterricht schafft dabei nicht nur ein Bewusstsein für den eigenen christlichen Glauben, sondern wird weit darüber hinausgehen, und das ist wirklich gut so. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Kirche und Staat sind organisatorisch getrennt und doch untrennbar durch unsere Geschichte, unsere Werte und unsere gemeinsame Verantwortung für das Gemeinwohl verbunden. Gerade hier in Niedersachsen ist diese Partnerschaft tief verwurzelt und prägend für das gesellschaftliche Miteinander. Es liegt an uns, diese Partnerschaft nun weiter mit Leben zu füllen: durch Dialog, durch das gemeinsame Ringen um Lösungen und durch den Mut, auch Fehler offen anzusprechen und aus ihnen zu lernen. Lassen Sie uns das gemeinsam mit den Kirchen machen, sowohl auf dem Kirchentag und gemeinsam auch mit dieser Resolution, und zwar ganz im Sinne des Mottos des diesjährigen Kirchentages: „Mutig stark beherzt"! Vielen Dank.
