Antonia Hillberg
Bildbasierte sexualisierte Gewalt
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich bin sehr froh, dass wir in diesem Parlament heute nicht zum ersten Mal über das Thema bildbasierte sexualisierte Gewalt sprechen. Denn wie von Ministerin Dr. Wahlmann vorgetragen, gibt es eine Reihe sinnvoller Initiativen der Landesregierung, die auch im parlamentarischen Raum entwickelt wurden. Ebenso bin ich sehr froh, dass unsere Ministerin Dr. Wa hlmann das Thema bildbasierte sexualisierte Gewalt auf Bundesebene gepusht hat, sie Vorreiterin ist und so natürlich auch die Vorhaben von Ministerin Dr. Hubig unterstützt. Aber selbstverständlich schaue ich auch mit einer gewissen Besorgnis in die Zukunft, da uns dieses Thema vermutlich noch lange begleiten wird und das eben nicht nur aus weiter Ferne. Denn Gewalt gegen Frauen ist mindestens so alt wie das Patriarchat und damit unsere vielgerühmte westliche Zivilisation selbst. Bei bildbasierter sexualisierter Gewalt handelt es sich zwar um eine Neuheit, aber vielmehr um einen neuen Modus Operandi eines alten Vergehens bzw. Verbrechens, einer alten Tradition der Herabwürdigung von Frauen. Denn bei sexualisierter Gewalt geht es immer auch um Macht - Macht, die auf unterdrückende, kontrollierende und herabwürdigende Weise dem Opfer gegenüber ausgeübt wird. Wir haben in dieser Fragestunde viel darüber gesprochen, um was für ein schlimmes Phänomen es sich handelt und was dagegen unternommen wird und, ja, dass es strafrechtlich bewehrt sein muss und verfolgt werden muss. Aber ich möchte noch auf einen besonders wichtigen Aspekt eingehen, nämlich das Thema Mittäterschaft, und zwar keine Sorge nicht im streng juristischen Sinne, sondern vielmehr im moralischen, ethischen Sinne. Selbstverständlich wäre es das Beste, wenn es gar nicht zu den Taten käme, Täter nicht zu Tätern und Opfer nicht zu Opfern herabgewürdigt werden würden. Das ist wohl unstrittig. Aber was passiert, wenn es passiert ist? Was passiert, wenn es am Passieren ist? In den meisten Fällen sexualisierter Gewalt stammen die Täter aus dem nahen Umfeld der Opfer. Wie kann es sein, dass beinahe alle Frauen mindestens ein weibliches Opfer kennen, das sexualisierte Gewalt durch einen männlichen Täter erfahren hat, aber kaum ein Mann einen Täter kennt? Also: Was passiert, wenn es passiert ist? Was passiert, wenn es am Passieren ist? Was passiert, wenn der Bekannte erzählt, dass es neue Programme gibt, mit denen man auch wirklich ganz einfach eigene Pornos erstellen kann? Was passiert, wenn der Kumpel erzählt, dass er überlegt, auch mal solch ein Bild zu erstellen? Was passiert, wenn der Kollege einen bittet, diese angeblich doch so geilen Bilder, von denen er gehört hat, weitergeleitet zu bekommen? Was passiert, wenn man in einer Chatgruppe ist, in der man plötzlich solche Aufnahmen erhält? Was passiert, wenn immer mehr Leute darüber lachen, dass sie Bilder oder Videos von einer Bekannten, der Partnerin eines Freundes, der Kollegin, der Ex-Freundin oder oder erhalten haben? Was passiert dann, liebe Kolleginnen? Was passiert dann, liebe Kollegen? Vermutlich zumeist erst mal nichts. Stille. Ein unangenehmes Gefühl vielleicht, ein Augenrollen oder ein „Ach, der schon wieder", aber genauso gut wahrscheinlich auch ein Like, ein „Daumen hoch", ein lachendes Emoji, einen Schenkelklopfer. Das gehört wohl auch zur Wahrheit dazu. Aber wissen Sie, was dann passieren muss? Sie müssen den Mund aufmachen! Wir alle müssen den Mund aufmachen! Wir müssen etwas sagen! Solche Handlungen müssen deutlich für falsch erklärt und verurteilt werden. Unangenehm berührt zu sein reicht nicht aus. Schweigen und ignorieren macht nichts besser, es macht alles nur schlimmer. Dass die Tat als etwas Neutrales hingenommen wird, das passiert dadurch, als ein Handeln, das nicht verurteilt gehört. Das bestätigt nicht nur den Täter, sondern auch diejenigen, die es abfeiern. Denken Sie daran! Egal, wie unangenehm solche vielleicht Gespräche sein mögen es ist nichts gegenüber dem, was dem Opfer widerfährt. Und noch etwas: Was auch nicht passieren darf, ist, dass die Person, die etwas anspricht, dann zum Problem gemacht wird, um das tatsächlich schlimme Vorgehen unter den Teppich zu kehren, dass die Person, die das abscheuliche Verhalten problematisiert und offenlegt, am Ende wie der oder die Schuldige behandelt wird, als habe er oder sie womöglich sogar Verrat am guten Gruppengefühl begangen oder Ähnliches. Das erzeugt den Eindruck, man würde die Tat vertuschen und den Täter schützen wollen. Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, der Kampf gegen bildbasierte sexualisierte Gewalt ist keine Frauensache. Er ist gerade die Aufgabe von Männern. Verdammt noch mal, es ist die Aufgabe von Männern, den Rücken gerade zu machen, zu widersprechen, Grenzen aufzuzeigen, Taten zu verhindern und zu verurteilen! Vielen Dank.
