Pascal Mennen
Gute Bildung fängt ganz früh an - IQB-Studie legt Defizite bei Lesen, Schreiben, Rechnen offen - jetzt Trendwende einleiten, soziales Lernen und Basiskompetenzen zusammen fördern
Das trifft auch für die Kollegin Sophie Ramdor von der CDU-Fraktion zu, der ich jetzt das Wort erteile. (Beifall bei der CDU) Sophie Ramdor (CDU): Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Zahlen sind erschreckend. In Orthografie, also in der Rechtschreibung, verfehlen 36,7 % der Kinder in Niedersachsen laut der neuesten IQB-Studie den Mindeststandard. Diese Zahl ist besonders erschreckend vor dem Hintergrund, dass der Mindeststandard die Trennlinie zum Analphabeten ist. 39 % erreichen zudem nur den Regelstandard und 5,6 % den Optimalstandard. In den Bereichen Lesen, Zuhören und Mathematik sieht es nicht viel besser aus. Liebe Kolleginnen und Kollegen, nicht einmal 10 % der Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen schaffen den Optimalstandard. Alle fünf Jahre werden die Zahlen schlechter. Dazu muss die Frage gestellt werden, wer eigentlich in den letzten zehn Jahren für die Bildungspolitik in unserem Niedersachsen verantwortlich war. (Beifall bei der CDU - Grant Hendrik Tonne [SPD] verlässt seinen Platz im Plenarsaal - Jörn Schepelmann [CDU]: Er geht gerade weg!) Sehr geehrte Damen und Herren, wir werden zu dieser Thematik wahrscheinlich häufig den Zusammenhang zwischen der Studie und der Corona-Pandemie hören und das schlechte Abschneiden in den Fächern Deutsch und Mathematik auf die Corona-Pandemie schieben. Die Untersuchung zeigt, dass Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache haben und während der Pandemie zu Hause weniger Deutsch gesprochen haben, bei den Tests besonders schlecht abschneiden. Dieser Aspekt ist nicht von der Hand zu weisen. Er erklärt aber nicht, wieso Bayern und Sachsen im Verhältnis relativ gut dastehen und wir als Niedersachsen in den meisten Punkten nur noch vor Berlin, Bremen und Nordrhein-Westfalen liegen. Bei diesen Zahlen sollte man denken, dass der zukünftige Schwerpunkt jeder Regierung auf der Vermittlung der Sprache im frühkindlichen Bereich liegt. Denn ohne genügend Sprachkenntnis ist keine Teilhabe an dem Bildungssystem und der Gesellschaft möglich. Ich konnte aber leider den großen Schwerpunkt auch der Sprachförderung im frühkindlichen Bereich im neuen rot-grünen Regierungsprogramm nicht finden, sondern die Sprache ist dort eingebettet neben Demokratiebildung, Gesundheit, Ernährung, Umweltbildung, Mehrsprachigkeit, Diversität, Wertevermittlung, Sport und Bewegung sowie Musik. Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir können sehr gerne über diese ganzen Themenbereiche sprechen. Bei den vorhin vorgestellten Zahlen sollten, nein müssen wir den Schwerpunkt doch ganz klar benennen. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse wird es keinen Austausch über Diversität oder Demokratiebildung geben können. (Beifall bei der CDU) Vielleicht sollten wir bei diesen schlechten Zahlen endlich den Fokus auf Lesen, Schreiben und Rechnen legen und uns darauf konzentrieren. Es kann und darf nicht sein, dass Kinder, bevor sie den ersten Schritt durch eine Schultür gemacht haben, aufgrund ihrer Sprachfähigkeit gravierende Nachteile gegenüber den Muttersprachlern haben. Diese Nachteile holen die meisten kaum auf. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe bis zum Sommer an einer solchen Schule gearbeitet. In jeder 1. Klasse sitzen dort Kinder, die kein einziges Wort Deutsch können. Der größte Teil der anderen Kinder hat einen solch geringen Wortschatz, dass sie den Lehrkräften die banalsten Dinge - wo sie sich verletzt haben, dass sie einen Stift brauchen oder auf die Toilette müssen - nicht mitteilen können. Wenn man Glück hat, spricht eines der Kinder genügend Deutsch, kann die Sprache der anderen Kinder und kann bei akuten Schwierigkeiten die Verständigung herstellen. Diese Schwierigkeiten beziehen sich nicht auf das Fach Deutsch, sondern liegen viel niedrigschwelliger im ganz normalen Schulalltag. Der Aspekt, dass kleine Kinder Unterricht für die Lehrkräfte dolmetschen müssen, damit eine Kommunikation überhaupt möglich ist, dürfte nirgends Alltag sein. Meine sehr geehrten Damen und Herren, dies ist aber leider an vielen Grundschulen in Niedersachsen Realität. Deshalb sollten wir frühzeitig flächendeckende Diagnostik bei den Kindern im Alter von drei bis vier Jahren durchführen und bei Auffälligkeiten mit den Eltern ins Gespräch kommen. Wir müssen endlich ein einheitliches Vorschulprogramm für die Kindergärten schaffen und die Schulkindergärten vor allem an den Schulorten, wo der Anteil an sozial benachteiligten Kindern hoch ist, ausbauen. Wenn die Kinder dann in die Grundschule kommen, müssen wir die Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen ausbauen und dort unsere Schwerpunkte setzen. Grundschulen mit vielen Kindern aus sozial schlechtergestellten Familien benötigen kleinere Klassen. Ich weiß: Aktuell haben wir nicht genügend Lehrkräfte. Trotzdem können dort vermehrt Stellen ausgeschrieben, können sie finanziell bessergestellt und Gelder für Schulsozialarbeiter und Dolmetscher an diese Schulen vergeben werden. Hören wir auf, uns an allzu vielen thematischen Bereichen in den Kindergärten und Schulen zu verbrennen! Legen wir vielmehr den Schwerpunkt unserer zukünftigen Arbeit in den Ausbau der Sprache und in den frühkindlichen Bereich! Die besten Konzepte und Ideen werden nicht funktionieren, wenn den Kindern der Wortschatz zum Verstehen fehlt. Vielen Dank. (Starker, anhaltender Beifall bei der CDU und Zustimmung von Harm Rykena [AfD]) Präsidentin Hanna Naber: Vielen Dank. Für die Fraktion der SPD erteile ich der Abgeordneten Kirsikka Lansmann das Wort. Bitte! (Beifall bei der SPD) Kirsikka Lansmann (SPD): Sehr geehrte Präsidentin! Meine verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das bundesweite Absinken der Kompetenzen in den Fächern Deutsch und Mathematik in den vierten Klassen ist alarmierend. Gerade für Niedersachsen hätten wir uns auch ein besseres Abschneiden beim IQB-Bildungstrend gewünscht. Allerdings muss dazu gesagt sein, dass das Ergebnis nicht sehr überraschend ist. Denn seit 2020 befinden wir uns in einer Sondersituation. Die Corona-Pandemie hat den Schulalltag bestimmt und die Präsenz an Schulen stark eingeschränkt. Was das vor allem für unsere Grundschülerinnen und -schüler bedeutet hat, muss ich Ihnen nicht erklären. Zudem hat sich die Zuwanderung von Geflüchteten in den letzten Jahren verstärkt und unsere Schulen vor große Herausforderungen gestellt. Diese Fakten ordnen den Bericht ein, ändern aber nichts an seiner Signalwirkung. Wir haben großen Handlungsbedarf. Hierfür haben wir die Weichen bereits in der vergangenen Legislaturperiode gestellt. Unser ehemaliger Kultusminister, Grant Tonne, hat den Fokus richtigerweise auf die Förderung der Kernkompetenzen in den Grundschulen gelegt. (Harm Rykena [AfD]: Hat er das? Er hat gar keinen Fokus gelegt!) Auch das von ihm initiierte Modellprojekt der Zukunftsschulen mit innovativen Lehr- und Lernformaten wird ein wichtiges Instrument sein, um unsere Kinder bestmöglich auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen. Dieses Projekt werden wir weiter vorantreiben. (Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN) Damit werden wir auch die Basiskompetenzen an Grundschulen stärken. Doch nicht nur das: Zusammen mit unserer Sozialministerin Daniela Behrens hat Herr Tonne das Programm „Startklar in die Zukunft“ mit einem Volumen von 222 Millionen Euro beschlossen - Mittel, mit denen z. B. bereits das Personal verstärkt werden konnte. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das sind wichtige Investitionen. Hier müssen wir weitermachen. Wir dürfen unsere Schulen nicht alleine lassen! (Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN) Liebe Kollegin Ramdor, dass Sie mit dem Finger auf andere zeigen und sich selbst keiner Schuld bewusst sind, kennen wir ja von Ihrer Partei auf der Bundesebene. (Zustimmung bei der SPD - Zuruf von der SPD: Hört, hört! - Zurufe von der CDU: Oh!) Ja, hört, hört! Aber wie wäre es, einmal zu benennen, was unter Finanzminister Hilbers alles nicht möglich war! (Zurufe von der CDU: Oh! Carina Hermann [CDU]: So langsam können wir das nicht mehr hören! Sie können das als Standard in jede Rede schreiben!) - Das ist euch neu, oder? Vor allem an Grundschulen haben wir einen großen Fachkräftemangel. Grund dafür ist u. a. die Bezahlung. Wir von der SPD wollten bereits in der letzten Legislaturperiode A 13 für alle einführen. Aber wer war dagegen? - Ihr Finanzminister! (Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN) Ebenso wollten wir den Ausbau multiprofessioneller Teams durch pädagogische Mitarbeiter beschleunigen, sodass dadurch die Lehrkräfte entlastet worden wären. Wer war wieder dagegen? - Ihr Finanzminister! (Zustimmung bei der SPD - Stephan Bothe [AfD]: Er schon wieder!) Daher bin ich froh, dass wir in dieser Legislaturperiode nun A 13 für alle einführen werden. Das wird die Attraktivität dieses Berufszweiges deutlich erhöhen und es uns möglich machen, die Unterrichtsversorgung deutlich zu verbessern - vor allem an Grundschulen. (Beifall bei der SPD und Zustimmung bei den GRÜNEN) Was zeigt uns der Bildungstrend noch auf? - Mangelnde Chancengleichheit. Der Lernerfolg der Kinder ist oftmals vom Elternhaus abhängig. Kinder mit Zuwanderungshintergrund sowie aus sozioökonomisch benachteiligten Familien haben deutlich größere Kompetenzdefizite als Kinder aus privilegierteren Familien. Das darf nicht sein. Jedes Kind sollte die gleichen Chancen auf gute Bildung haben, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN) Diese soziale Disparität hat sich deutschlandweit leider verstärkt, wobei in Niedersachsen in Teilbereichen auch leichte Verbesserungen erkennbar sind. Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir müssen dranbleiben und nachlegen. (Jörg Hillmer [CDU]: Nein, Sie sind auf dem falschen Weg!) Vor allem müssen wir auf eine gute Sprachförderung achten. Deshalb bin ich froh, dass unsere Kulturministerin Hamburg die Weiterfinanzierung der Sprach-Kitas unterstützt. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. (Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN) Die Sprach-Kitas ermöglichen allen Kindern einen guten Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. So können Sprachkompetenzen bereits frühzeitig gefördert und gleiche Bildungschancen gewährleistet werden. Aber auch das Thema der Klassenassistenz kann auf dem Weg zu einer besseren Bildung unserer Kinder eine wichtige Rolle spielen. Wir müssen und werden Verantwortung für unsere Kinder übernehmen. Der Bericht hat uns gezeigt, dass wir noch viel zu tun haben. Doch wir sind auf dem richtigen Weg. Wir werden uns gemeinsam mit unserem Koalitionspartner dafür einsetzen, dass alle Kinder die gute Bildung erhalten, die sie auch verdienen. Ich bin mir sicher, dass unsere bereits angeschobenen und geplanten Maßnahmen dafür sorgen werden, dass der nächste IQB-Bildungstrend ein besseres Ergebnis darstellen wird. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Starker, anhaltender Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN) Präsidentin Hanna Naber: Herzlichen Dank. Für die Fraktion der AfD erteile ich Harm Rykena das Wort. (Beifall bei der AfD) Harm Rykena (AfD): Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrte Damen und Herren! Das ist ja ein dickes Ding, dass ausgerechnet die Grünen die Ergebnisse der aktuellen IQB-Studie als Anlass für eine Aktuelle Stunde nehmen! Die IQB-Ergebnisse sind eine einzige große schallende Ohrfeige für das Versagen rot-grüner Bildungspolitik - einer Politik, die mit der neuen Regierung in Niedersachsen erst so richtig Fahrt aufnehmen will. Genau das mussten wir uns gerade auch anhören: noch mehr von der Medizin, die uns das aktuelle Leiden erst eingebrockt hat. Schauen wir einmal in den Koalitionsvertrag: Noch mehr soziales Lernen - obwohl die Studie zeigt, dass nicht genug in die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten investiert wurde. Noch mehr LBTQ, schon in der Kita - obwohl hier erst mal ganz kindgerecht andere Basisfähigkeiten erlernt werden sollten. Noch mehr Mehrsprachigkeit - obwohl die Mängel in der Beherrschung der deutschen Sprache immer deutlicher zutage treten und längst schon als größter Hemmschuh in der Bildung erkannt worden sind. Noch mehr Schwächung der Elternhäuser! Noch mehr Migration! Noch mehr Vielfalt! Das kann nicht gutgehen. Schauen wir uns den Titel dieser Aktuellen Stunde einmal an: „Gute Bildung fängt ganz früh an“ - ja, das ist wahr! „IQB-Studie legt Defizite bei Lesen, Schreiben, Rechnen offen“ ganz genau, sehr richtig! „Jetzt Trendwende einleiten“ - hm, indem man so weitermachen will wie bisher, nur noch stärker? Und schließlich: „soziales Lernen und Basiskompetenzen zusammen fördern“. Gerade dieser letzte Punkt ist ein Konstrukt, das Hilflosigkeit ausstrahlt. Soziales Lernen und Basiskompetenzen gemeinsam stärken - das ist nichts weiter als ein untauglicher Versuch, eine untaugliche Bildungspolitik zu retten. (Beifall bei der AfD) Soziales Lernen ist schon seit Jahrzehnten der Heilige Gral der Bildungspolitik. Trotzdem kommt die Kindergesundheitsstudie - KiGGS - des Robert Koch-Instituts zu einem vernichtenden Ergebnis. Mittlerweile sind mehr als 23 % der Sieben- bis Zehnjährigen psychisch so auffällig, dass sie als Risikogruppe gelten. Woran wird beim sozialen Lernen mit unseren Kindern gearbeitet? - Selbstfindung, Selbstverwirklichung, Selbstwahrnehmung, Selbstvertrauen. Wie wäre es damit, einfach mal sein Ego im Sinne der Gruppe zu zügeln, sich selbst mal zurückzunehmen? Wird das noch gelehrt? Darf man „etwas lernen“ überhaupt noch sagen? Was ist denn mit den durch die 68er in Verruf geratenen Sekundärtugenden Disziplin, Fleiß und Ordnungssinn, Sauberkeit und Höflichkeit? Wird das noch in nennenswertem Umfang vermittelt? Die Ergebnisse der IQB-Studie sind ein Warnschuss. Der Schluss daraus kann eigentlich nur lauten: Wir haben uns geirrt. Vieles von dem, was früher normal war, hat eigentlich besser funktioniert. (Beifall bei der AfD) Nehmen wir z. B. die Vorschule. Sie war früher mal obligatorisch. Gezieltes Vorbereiten auf den Stoff der ersten Klasse, Zählen bis 10, automatisches Erfassen von Mengen bis 5, Beherrschung der deutschen Sprache, Erweiterung auf einen altersangemessenen Wortschatz all das verstand man früher unter „Schulreife“. Heute gibt es Brennpunktschulen, an denen 90 % der angehenden Erstklässler – 90 %! - bei der Einschulungsuntersuchung vom Amtsarzt als nicht oder nur eingeschränkt einschulungsreif klassifiziert werden. Und eingeschult werden sie in der Regel trotzdem. Ich fasse zusammen: Entweder hat die jetzige Pädagogik vollständig versagt, oder ein anderer belastender Effekt überlagert alles, darf aber nicht genannt werden, weil uns ja Migration und Vielfalt angeblich so bereichern. (Djenabou Diallo-Hartmann [GRÜNE]: Meine Kinder bereichern die Schule und diese Gesellschaft!) Aber vielleicht reden wir ja heute nicht nur, vielleicht findet wirklich langsam ein Umdenken statt. Hoffen darf man ja wohl noch. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der AfD) Präsidentin Hanna Naber: Vielen Dank. Für die Landesregierung erteile ich das Wort Frau Ministerin Julia Willie Hamburg. (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Julia Willie Hamburg, Kultusministerin: Vielen Dank, Frau Präsidentin. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte Ihnen herzlich für diese Debatte danken. Denn wie Sie gerade deutlich gemacht haben, weist der IQB-Bildungstrend alarmierende Zahlen auf. Ein Fünftel aller Schülerinnen und Schüler verlässt die vierte Klasse ohne ausreichende Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen; und das, liebe Kolleginnen und Kollegen, obwohl gerade die Grundschule hier Kinder und Jugendliche für ihren weiteren Lebensweg prägt. Genau deshalb dürfen wir solche Zahlen nicht akzeptieren. (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Sie haben es alle miteinander ausgeführt: Das ist ein Trend, der natürlich auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun hat, der mit schulischen Entwicklungen zu tun hat. Sie haben es deutlich gemacht: Die IQB-Studie zeigt an dieser Stelle ganz, ganz deutlich, dass der Bildungserfolg in Deutschland - das wissen wir aber schon lange - immer noch viel zu sehr von dem sozioökonomischen Hintergrund der Kinder abhängt. Genau das wird eine der Ursachen sein, die wir an der Wurzel packen müssen. Aber darüber hinaus, liebe Kolleginnen und Kollegen: Im Elternhaus wird immer weniger gelesen. Es wird immer weniger gesprochen. Sprachvorbilder gibt es kaum noch. Gleichzeitig steigt der Medienkonsum deutlich. Vielsprachigkeit an Schule ist ein häufig vorkommendes Phänomen. Es ist ein Mehrwert für Schulen. Ich stimme Ihnen überhaupt nicht zu, Herr Rykena. Das ist völlig falsch. (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Gerade kulturelle Vielfalt bereichert unsere Schulen. Gerade Mehrsprachigkeit hat einen riesigen Mehrwert, kommen doch Kinder an unsere Schulen, die bereits eine Sprache sprechen und diese nutzen können, die deswegen einfach einen neuen Aspekt in Schule bringen. Aber natürlich müssen sich unsere Konzepte so weiterentwickeln, dass wir diese Mehrsprachigkeit als Schatz nutzen. Dazu, Frau Ramdor, finden Sie im Koalitionsvertrag tatsächlich viele Aussagen. Wenn ein Kind die Herkunftssprache richtig sprechen lernt, lernt es auch leichter Deutsch. (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Wenn wir das in Schulen vernünftig abbilden, tun wir viel für die Sprachförderung. (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Über die Corona-Pandemie wurde bereits gesprochen. Ich möchte Ihnen aber auch deutlich sagen: Natürlich hat die Corona-Pandemie Auswirkungen gehabt. Das hat mein Vorgänger, Herr Tonne, immer wieder deutlich gemacht. Er hat auch aktiv gegengesteuert. Das ist richtig so. Wir brauchen mehr Multiprofessionalität an Schulen. Wir brauchen auch mehr Unterstützung, um die Folgen der Corona-Pandemie zu lindern. Trotzdem möchte ich deutlich sagen: Wir können diesen Trend nicht allein mit der Corona-Pandemie erklären. Deswegen müssen wir an dieser Stelle andere Antworten geben. Ich bin der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission sehr, sehr dankbar. Ich möchte deutlich sagen: Ich finde es gut, dass die Kultusministerkonferenz diese Kommission mittlerweile hat. Denn sie bietet sehr konkrete Maßnahmen, wie wir gegensteuern können. Die KMK wird diese sehr ernst nehmen und schauen, dass wir bundesweit ähnliche Maßnahmen ergreifen, um eine Trendwende einzuleiten. Besonders wichtig finde ich es, an dieser Stelle festzuhalten: Wir müssen bereits in den Kindertagesstätten beginnen. In Niedersachsen sind wir uns alle einig: Kitas sind Bildungseinrichtungen, in Kitas findet Sprachförderung statt. Und wir brauchen entsprechend auch Sprachstandsfeststellungen in den Einrichtungen. Darüber werden wir mit Expertinnen und Experten intensiv reden. Denn wenn die Kinder in der Grundschule ankommen - Frau Ramdor, das haben Sie deutlich gemacht -, ist es vielfach bereits zu spät, um vernünftig aufzusatteln. Insofern werden wir auch auf der Jugendministerkonferenz intensiv reden müssen, um Kitas den Stellenwert im Bildungsportfolio zu geben, den sie verdienen. (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Gleichzeitig müssen wir natürlich aber auch schauen, was wir an unseren Grundschulen machen. Niedersachsen hat bereits angekündigt, dass wir die Stundentafel ausweiten wollen und mehr Raum für Mathematik und Deutsch bieten wollen. Gleichzeitig müssen wir aber auch schauen, wie wir grundlegend Fortbildungen weiterentwickeln und neu denken können, damit die Auswirkungen der IQB-Bildungsstudie an den Grundschulen wirklich gelebt und umgesetzt werden können, damit wir den Kolleginnen und Kollegen etwas an die Hand geben können, um der Trendwende besser begegnen zu können. Das geht am Ende nur durch zusätzliches Personal. Denn wir müssen Lehrkräfte und Schulleitungen an dieser Stelle entlasten, damit sie eine vernünftige Qualitätsentwicklung betreiben und damit sie durch Multiprofessionalität Schule breiter denken können. Denn - wir haben darüber gesprochen - Schülerinnen und Schüler sind sehr unterschiedlich. An Schulen gibt es sehr unterschiedliche Szenarien. Wir brauchen einfach zusätzliches Personal, multiprofessionelle Teams an Schulen, damit Schule vernünftig arbeiten kann. Darüber hinaus wollen wir natürlich auch prüfen, inwiefern wir die curricularen Vorgaben verändern müssen und wie wir Lernstandserhebungen und Schulentwicklung so implementieren können, dass Schulen einen Mehrwert davon haben, dass wir aber auch durch ein Bildungsmonitoring in Niedersachsen vernünftig steuern können. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission macht deutlich, dass wir genau diese Zahlen, Daten und Fakten brauchen. Herr Rykena, die Ständige Wissenschaftliche Kommission hat explizit betont, dass man basale Kompetenzen mit sozialem Lernen zusammen denken muss. Die Kommission hat gesagt, das sind zwei Seiten einer Medaille und gehört untrennbar zusammen. Deswegen werden wir schauen, wie wir hier weiterentwickeln können, um diese Dinge besser miteinander zu vereinen. (Beifall bei den GRÜNEN bei der SPD) Dazu zählt am Ende auch die Frage, in welchem Lernumfeld Schülerinnen und Schüler eigentlich gut lernen können. Denn Kinder gerade in der Grundschule brauchen mehr als das klassische Pauken. Das wissen Grundschul-Lehrkräfte. Das wissen Sie, Frau Ramdor, am allerbesten, dass ein Bewegungsdrang vorhanden ist, dass es das Bedürfnis gibt, die Motorik weiterzuentwickeln, dass haptische Erfahrungen ganz besonders wichtig sind. Auch diese Bereiche kommen durch den Fachkräftemangel vielfach zu kurz. Deswegen möchte ich gern noch einmal betonen, dass die Ständige Wissenschaftliche Kommission auch deutlich macht, dass wir künftig stärker nach sozialen Indikatoren steuern müssen. Und vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müssen wir schauen, wie wir die wenigen Ressourcen, die wir haben, sinnvoll einsetzen, um dann sowohl die basalen Kompetenzen gut zu unterstützen als auch gleichzeitig die Entwicklung der Kinder zu befördern. Wir werden im Februar 2023 einen großen Kongress mit der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission in Niedersachsen machen. Dieser findet leider am Rande des Plenums statt, weil das terminlich nicht anders möglich war. Trotzdem erhoffe ich mir auch von dort noch mal viele Erkenntnisse, die wir bei der Implementierung berücksichtigen können. In diesem Sinne freue ich mich, mit Ihnen und den Praktikerinnen und Praktikern in Niedersachsen intensiv zu erörtern, wie wir die Trendwende gemeinsam angehen können. Dass wir die Basiskompetenzen stärken wollen, um Kinder für ihre Zukunft gut zu rüsten, ist - das weiß ich - ein Ziel aller hier im Haus Anwesenden. Vielen Dank. (Lebhafter Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Präsidentin Hanna Naber: Vielen Dank, Frau Ministerin. Ich schließe damit die Besprechung zu dem Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Damit ist der erste Teil unserer Aktuellen Stunde beendet.
