Dr. Iryna Tybinka
Ansprache der Generalkonsulin der Ukraine Frau Dr. Iryna Tybinka
Ansprache der Generalkonsulin der Ukraine, Frau Dr. Iryna Tybinka Dr. Iryna Tybinka: Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin Naber! Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil! Sehr geehrte Mitglieder des niedersächsischen Parlaments und der Regierung! Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist mir eine große Ehre, mich heute an die gewählten Vertreterinnen und Vertreter Niedersachsens wenden zu dürfen und durch Sie, verehrte Abgeordnete, an alle Bürgerinnen und Bürger dieses herrlichen Landes. Ich bedanke mich für diese Gelegenheit. Diese Tribüne ist die Verkörperung der Demokratie und Freiheit Ihres Landes. Ich wende mich an Sie im Namen des Staates und der Menschen, welche seit fast einem Jahr für dieselben Werte kämpfen. Mehr als 100 000 meiner Landsleute haben Sicherheit und Schutz in Niedersachsen gefunden. Dafür danke ich Ihnen. Mehr als 20 000 ukrainische Kinder besuchen heute niedersächsische Schulen. Dafür danke ich Ihnen. Von hier aus sind mehrere Konvois mit humanitärer Hilfe in die Ukraine gefahren, um meinen Landsleuten Wärme und Licht zurückzugeben. Dafür danke ich Ihnen. Die Krankenhäuser in Niedersachsen behandeln unsere Verwundeten, und in diesem Land erlernen ukrainische Panzersoldaten den Umgang mit den sehnsüchtig erwarteten Leoparden. Dafür bedanke ich mich bei Ihnen allen aufrichtig. Ich danke den verantwortungsvollen Unternehmen, öffentlichen Initiativen, Tausenden Ehrenamtlichen. Ich danke Celle, Gifhorn, Barsinghausen, Walsrode, Schöningen und Oberndorf dafür, dass sie ihren alten ukrainischen Partnerstädten zu Hilfe gekommen sind. Ich danke der Landeshauptstadt Hannover für den Mut und den Aufbau einer solidarischen Partnerschaft mit der unbezwingbaren Heldenstadt Mykolajiw. Ich danke Braunschweig für die Hilfsbereitschaft und den Beginn der Zusammenarbeit mit Bila Zerkwa. Ich bin davon überzeugt, dass sich bald auch weitere Städte Niedersachsens ihrem Vorbild anschließen werden. Ich glaube daran, dass, wenn sich Ihr Land dafür entscheidet, eine Partnerschaft mit einer der Regionen der Ukraine einzugehen, dies als Grundlage für langfristige und vertrauensvolle Beziehungen dienen wird, sowohl auf interregionaler als auch auf zwischenmenschlicher Ebene. Danke für jede blau-gelbe Fahne auf Ihren Straßen, für jede Demonstration gegen die russische Aggression, für jede Frage „Wie kann ich helfen?“, für jede unterstützende Schulter und ausgestreckte Hand. Ihre Solidarität bildet die ukrainische Zuversicht, die Zuversicht, dass die Ukraine in diesem Kampf nicht allein ist, dass wir gemeinsam eine unüberwindliche Freiheitsstärke sind - wir alle: die Ukraine, Deutschland, Europa, die ganze freie Welt. Dies ist eine feste Siegeszuversicht. Verehrte Niedersächsinnen und Niedersachsen, am 24. Februar ist die Ukraine durch Explosionen russischer Raketen und das Dröhnen russischer Panzer aufgewacht. Seitdem weiß mein Land nicht, was friedliches Leben und ruhiger Schlaf sind. Luftalarme und Raketenangriffe sind für viele Ukrainerinnen und Ukrainer zu einem erschreckenden Alltag geworden. Dieser Alltag dauert nun schon 364 Tage an. Während dieser langen 364 Tage wurde die Ukraine verheerend zerstört, mit Tränen und Blut gefüllt. Die Ukrainerinnen und Ukrainer sind gezwungen, sich im Keller zu verstecken und ihre Söhne und Töchter zu begraben. Aber ihr Geist ist unbezwingbar. Ihr Siegeswille ist stärker denn je. Denn nichts kann den ukrainischen Freiheitswillen zerstören, und nichts kann die Entschlossenheit, unser Land zu verteidigen, brechen. Wir wollten nie eine Kriegspartei werden und hätten uns dies nie ausgesucht. Der Feind hat dies für uns getan und uns ohne Grund angegriffen. Darum haben Millionen von uns am 24. Februar eine Entscheidung getroffen: keine weiße Flagge, sondern eine blau-gelbe Fahne! Nicht eine Flucht, sondern ein Entgegentreten. Begegnung mit dem Feind. Widerstand und Kampf! Die Ukrainerinnen und Ukrainer haben die Panik überwunden. Sie haben sich nicht zerstreut, sondern versammelt. Sie haben Zweifel, Verzweiflung und Angst überwunden. Die Ukraine hat an sich selbst und an ihre Stärke geglaubt. Sie erweckt die Welt aus dem Schlaf der Illusionen und zeigt, dass der Teufel nicht so gruselig ist, wie er dargestellt wurde. Der russische Krieg wurde für viele zu einer Ernüchterung. Nach all den Katastrophen, die unser Kontinent im 20. Jahrhundert erlebt hat, war man in Europa fest davon überzeugt, dass die neue Ära von Frieden, Wohlstand und Stabilität geprägt sein würde. Seit zwölf Monaten leben wir jedoch in einer neuen Realität, diktiert von Russlands Aggression und seinem Durst nach Revanchismus. Russland hat Frieden und Stabilität zerstört - unverschämt, niederträchtig, in der Nacht. Als die ersten Raketen auf ukrainischen Boden fielen, verlor die Welt endgültig jegliches Vertrauen in die Worte der russischen Regierung. Seitdem ist jedes Gespräch zwischen den Anführern der freien Welt und Putin eine zusätzliche Bestätigung der Hinterlist und des Zynismus des russischen Regimes. Als die Vororte Kiews befreit wurden, war die Welt entsetzt über das Vorgehen der russischen Armee. Butscha, Irpin, Hostomel sowie später befreite Städte in den Regionen Charkiw, Mykolajiw und Cherson bezeugten: Dies ist eine Armee von Vergewaltigern, Henkern und Mördern der Zivilbevölkerung. Da gibt es weder Ehre noch Würde. Das bedeutet, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer, die immer noch unter russischer Besatzung stehen, jeden Tag in Angst leben, ein weiteres Opfer von Unmenschen zu werden. Und leider werden sie es, vor allem Kinder, die ihren Eltern weggenommen und massenhaft nach Russland deportiert werden. Ihnen wird jede Verbindung, die sie zur Ukraine haben, geraubt. Da Russland mit jedem Kriegsmonat die Eskalation stetig steigert und trotz taktischer Fehlschläge seine Pläne nicht ändert und anfing, Kälte und Dunkelheit gegen die Zivilbevölkerung einzusetzen, sollte die Welt endlich davon überzeugt sein, dass keine Verhandlungen mit einem Terroristen und Massenmörder möglich sind. Keine Verhandlungen zu den Bedingungen Russlands! Denn die Art und Weise, wie Russland meine Mitbürgerinnen und Mitbürger vernichtet, warum es sie vernichten will und mit welcher Beharrlichkeit es dies tut, bestätigt nur eines: den völkermörderischen Charakter dieses Krieges und die terroristischen Methoden der Kriegsführung. Russland kann diesen Wahnsinn jederzeit stoppen. Dazu genügt es, seine Truppen abzuziehen. Stattdessen sammelt es neue Kräfte und sucht nach neuen Angriffswegen. Der Angreifer setzt sein gesamtes Waffenarsenal ein - nicht nur militärische Waffen, nicht nur gegen die Ukraine. Lügen, Einschüchterung, Terror, Bestechung werden von Moskau seit Langem für Teile-und-herrsche-Taktiken eingesetzt. Diejenigen, die Verhandlungen mit Russland zu einer Zeit befürworten, in der es weiterhin aktiv Gefechte führt und die Besetzung ukrainischer Gebiete fortsetzt, diejenigen, die Zugeständnisse auf Rechnung der Ukraine machen wollen, diejenigen, die die Einstellung der Waffenlieferungen an die Ukraine als den einzigen Weg zum Frieden ansehen, sind mindestens unaufrichtig. Dies ist nicht der Weg zum Frieden. Dies ist ein direkter Weg in die Hölle, die Europa bedroht, wenn der russische Angriff nicht zurückgedrängt wird. Ich spreche zu Ihnen als die Vertreterin eines Landes, das vor allem danach strebt, den Krieg zu beenden und den Frieden so schnell wie möglich wiederherzustellen. Bittere Erfahrungen haben uns gelehrt, klar zu unterscheiden zwischen aufrichtigen Absichten und Lügen, gemischt mit Angst und Duldung des Aggressors. Die Ukrainerinnen und Ukrainer haben das Recht, die Dinge beim Namen zu nennen. In diesem blutigen Krieg der Tyrannei gegen die freie Welt zahlt die Ukraine den höchsten Preis. Das sind nicht nur zerstörte Städte und Dörfer, nicht nur eine geplünderte Wirtschaft und verbrannte Natur - das sind in erster Linie Menschen. Wie viele von ihnen starben und sterben werden, wie viele verwundet und verletzt wurden, werden wir erst nach dem Krieg berechnen können. Das sind nicht nur Zahlen. Das sind keine Statistiken. Hinter jedem Verlust stehen grenzenloser Schmerz, zerstörte Leben, zerbrochene Schicksale. Die Bitterkeit der Leere begleitet uns jetzt für immer. Aber die Zeit der wahren Trauer ist noch nicht gekommen. Erst nach dem Ende dieses Schreckens werden wir um die Kinder, Frauen und Männer angemessen trauern können, die jeden Tag durch russische Kugeln, Minen, Raketen sterben. Ihre Mörder aus dem ukrainischen Land zu vertreiben und einen gerechten Frieden zu erreichen, ist unsere Pflicht ihnen gegenüber und unser Ziel für die Zukunft unseres Kontinents. Meine Damen und Herren, im Gedenken an alle, die gestorben sind und leider weiterhin sterben, nur weil ihre Wahl Russland nicht zufriedenstellte, möchte ich Sie um eine Schweigeminute bitten. (Die Anwesenden erheben sich) Ich danke Ihnen. Sehr geehrte Damen und Herren, Russland hat bereits verloren. Seine strategische Niederlage begann, als der Kreml eine für ihn selbst desaströse Entscheidung traf. Das russische Regime hat sich verrechnet. Die Fehlkalkulation betraf die Fähigkeit der Ukraine, sich selbst zu verteidigen, und die Fähigkeit Europas, sich zu vereinen. Russland fürchtet die Einheit der demokratischen Welt, ihre Entschlossenheit und die Schnelligkeit ihrer Entscheidungen. Aber Russland hofft immer noch, den Sieg nachzuholen, weil es Schwächen in Demokratien verschiedener Positionen sieht, weil es ein radikal anderes Wertesystem hat, in dem das Recht auf Gewalt dominiert und Menschenleben wertlos sind, weil es glaubt, dass die Zeit oder besser die Verzögerung auf seiner Seite ist. Unsere Aufgabe, unsere gemeinsame Aufgabe ist es, der Tyrannei zu beweisen, dass sie keine Chance hat, und dadurch einen überzeugenden Sieg und einen gerechten Frieden zu erringen. Eines der Schlüsselwörter in der Rede meines Präsidenten auf der Münchner Sicherheitskonferenz war neben „Entschlossenheit“ und „Mut“ das Wort „Geschwindigkeit“. Ich zitiere: „Wir brauchen Geschwindigkeit, die Geschwindigkeit unserer Vereinbarungen, Liefergeschwindigkeit zur Stärkung unserer Reihen, die Geschwindigkeit der Entscheidung zur Begrenzung des russischen Potenzials. Zur Geschwindigkeit gibt es keine Alternative; denn Geschwindigkeit ist jetzt das, wovon das Leben abhängt.“ Meine Damen und Herren, das Niedersachsen-Ross steht für Stärke und Mut - Eigenschaften, die in Zeiten der Zeitenwende unabdingbar sind. Im Namen meiner tapferen Landsleute möchte ich Ihnen noch mehr Mut machen - Mut, sich der Realität zu stellen und die eigenen Ängste zu überwinden, Mut, die solidarische Haltung fortzusetzen, und Mut, Kompromisse mit dem Gewissen abzulehnen, Mut, auf der Seite der Wahrheit zu stehen und dem Regime, welches in Ihre Werte eingreift, eine würdige Absage zu erteilen. Bei der Unterstützung der Ukraine glauben Sie der Ukraine, und glauben Sie an die Ukraine! Ihr Glaube und Ihre Unterstützung sind der Schlüssel zum Sieg des Lichts über die Dunkelheit. Die Ukraine zählt auf Sie. Die Zukunft zählt auf Sie. Es lebe die Ukraine! Slawa Ukrajini! (Starker, lang anhaltender Beifall bei der SPD, bei der CDU und bei den GRÜNEN sowie Beifall bei der AfD - Die Anwesenden erheben sich)
