Lukas Reinken
Für jeden eine Perspektive schaffen - Anteil der Jugendlichen ohne Schulabschluss minimieren!
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wir sprechen heute über junge Menschen, die unser Bildungssystem verlassen - ohne Abschluss, ohne klare Perspektive und oft ohne ausreichende Unterstützung. Wir sprechen damit über eine zentrale soziale und wirtschaftliche Zukunftsfrage unseres Landes. Die Zahlen sind alarmierend. Allein im Schuljahr 2022/2023 haben in Niedersachsen rund 5 900 Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Die Tendenz ist steigend. Das ist keine Randerscheinung, sondern leider ein deutlicher Trend in die falsche Richtung. Auch die jüngsten Zahlen von Eurostat machen deutlich, dass Niedersachsen hier besonders schlecht abschneidet. 15,4 % der Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen verlassen die Schule ohne Abschluss. Jeder einzelne dieser jungen Menschen steht vor erheblichen und erschwerten Startbedingungen in ein Berufsleben. Wer keinen Schulabschluss hat, der hat ein deutlich höheres Risiko, keinen Ausbildungsplatz zu finden und dann in prekären Beschäftigungsverhältnissen zu landen oder dauerhaft auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Gleichzeitig das ist ja die andere Seite der Medaille können wir es uns als Gesellschaft auch mit Blick auf den Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung schlicht nicht leisten, so viele junge Talente so frühzeitig zu verlieren. Die Zahlen zeigen auch, dass bestimmte Gruppen besonders betroffen sind. Es sind vor allem männliche Jugendliche sowie Jugendliche mit ausländischer Staatsangehörigkeit, die überproportional häufig die Schule ohne Abschluss verlassen. Das bedeutet: Wir dürfen nicht nur mit allgemeinen Programmen reagieren, die für alle ein bisschen, aber für niemanden so richtig zielgenau wirken, sondern wir brauchen ganz gezielte Konzepte zum Beispiel für Jungen mit anderen Zugängen, vielleicht einem anderen Praxisbezug und einer stärkeren, individuelleren Begleitung. Genauso brauchen wir einen klaren Fokus im gesamten Schulleben auf Sprachförderung und Integration im schulischen Alltag. Denn auch das sorgt dafür, dass mehr junge Menschen einen Schulabschluss erreichen können. Sprache das wissen wir alle ist der Schlüssel für Bildung, für Ausbildung und für gesellschaftliche Teilhabe. Denn wer sprachlich nicht mitkommt, der wird auch fachlich kaum mithalten können. Deshalb muss Sprachförderung verbindlich, systematisch und über alle Schuljahre hinweg gedacht werden, und zwar nicht als Zusatz, sondern als Grundvoraussetzung für Teilhabe in der Bildung. Ein Kernproblem in unserem Schulsystem ist doch: Wir reagieren oft erst, wenn es zu spät ist, wenn sich Fehlzeiten schon gehäuft haben, wenn Leistungen schon eingebrochen sind, wenn die Motivation schon gesunken ist. Das System schaut viel zu oft viel zu lange zu. Deshalb brauchen wir zum Beispiel den Ausbau digital gestützter Lern- und Kompetenzdiagnostik, insbesondere in unseren Grund-, Haupt- und Realschulen. Digitale Instrumente können Lehrkräften helfen, Lernrückstände bei ihren Schülerinnen und Schülern viel frühzeitiger zu erkennen, auch Entwicklungsverläufe über Schulwechsel hinweg nachzuvollziehen und Fördermaßnahmen gezielter einzusetzen. Das ist für mich der sinnvolle Einsatz von Schuldigitalisierung - nicht als Spielerei oder als bloßes Ausstatten mit Tablets, sondern ganz pädagogisch als Werkzeug für die Förderung einzelner Schülerinnen und Schüler. Ihre Schwerpunkte dort sind einfach unüberlegt und realitätsfremd. Damit verbunden ist übrigens eine größere Leitidee. Wir brauchen, finde ich, ein viel stärker datengestütztes Schulsystem. Daten sind kein Selbstzweck, sondern sie ermöglichen uns, Muster zu erkennen, die in bestimmten Schulen, in bestimmten Klassen oder bei bestimmten Schülern auftreten. Ohne diese Daten erkennen wir diese Muster nicht. Wir verstehen nicht wirklich, welche Konzepte an unseren Schulen eigentlich wirklich zu einem Lernerfolg führen oder welche sich vielleicht auch nur so anfühlen oder so aussehen. Wir können die Wirkung dann überprüfen und machen nicht mehr so viele Schulkonzepte und Projekte aus dem Bauchgefühl heraus. Zahlen und Diagnostik sind dabei nicht alles, das ist klar. Sie können nicht das ersetzen, was junge Menschen oft am dringendsten brauchen auch das ist aus der Praxis ganz klar: eine verlässliche Bezugsperson, die an sie glaubt, die sie motiviert und fördert. Es gibt viele gute Projekte in der Fläche. Auch in meinem Landkreis gibt es das Projekt Pfiffikus. Wir wollen, dass diese und ähnliche Projekte weiter ausgebaut werden können. Wir wollen solche Talentscouts in der Fläche auch unterstützen. Das sind Projekte, in denen Jugendliche ganz konkret in und neben der Schule von Mentoren begleitet werden. Wir glauben, dass solche Talentscouts, auch unter Einbindung der Hochschulen, jungen Menschen Orientierung geben können, damit sie ihre Stärken erkennen und Perspektiven entwickeln. Es reicht am Ende nicht, dass wir einfach Förderstunden anbieten, die irgendwo im Stundenplan untergehen, sondern das Ganze muss verbindlich, kontinuierlich und vor allem eng an den individuellen Lernstand gekoppelt sein. In Hamburg gibt es zum Beispiel seit vielen Jahren ein mutiges Konzept: Schülerinnen und Schüler mit schlechten Noten werden hier verpflichtet, in Lernförderungsgruppen innerhalb der Schule eingegliedert zu werden. Das funktioniert. Eingeführt hat das übrigens die dortige SPD-geführte Landesregierung. Hier können auch Kooperationen funktionieren, zum Beispiel mit Hochschulen, da in Hamburg die Lehramtsstudierenden diese Lernförderungsgruppen praxisnah begleiten. Das zeigt, dass wir mutige Entscheidungen treffen müssen, um den jungen Menschen Perspektiven zu bieten. Ein ganz entscheidender Punkt darüber werden wir im Ausschuss sicherlich auch beim Thema Schulgesetz noch sprechen ist die Datenübermittlung an die Bundesagentur für Arbeit, an die Jugendberufsagenturen. Die bereits beschlossene Schülerdatennorm muss so umgesetzt werden, dass die Daten von Jugendlichen tatsächlich an Jugendberufsagenturen übermittelt werden können und die jungen Menschen, die keine berufliche Anschlussperspektive haben, dann auch in der Berufsberatung angesprochen werden können. Wir haben dieses Thema auch hier schon häufiger diskutiert. Dabei geht es ja nicht um Bürokratie, sondern darum, dass keiner durchs Raster fallen darf und dass diejenigen, die Unterstützung brauchen, diese auch erhalten. Leider ist im aktuell vorliegenden Entwurf zum Schulgesetz weiterhin keine verpflichtende Weitergabe dieser Daten vorgesehen, sondern es bleibt auf freiwilliger Basis. Damit wird es auch weiterhin so bleiben, dass Schüler aus dem Blick geraten und verloren gehen. Übrigens gilt für eine kluge Schulabbruchsverhinderung auch, eine starke und gut ausgestattete Erwachsenenbildung zu haben, die dafür sorgt, dass viele Menschen ihre Schulabschlüsse nachholen können. Denn was in diesem Bereich durch die Verbände in der Fläche geleistet wird, das ist wirklich beeindruckend und sollte von uns noch mehr Wertschätzung erfahren. Ich möchte Ihnen ein letztes aktuelles Beispiel für mutige Entscheidungen geben, und zwar aus Berlin, wo seit Kurzem durch eine CDU-geführte Regierung das 11. Pflichtschuljahr für die Schülerinnen und Schüler eingeführt worden ist, die keine Perspektive haben. In diesem Jahr wird ein besonderer Fokus auf Praktika und Berufsberatung gelegt. Das zeigt: Es gibt Konzepte. Wir müssen sie angehen. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass aus Schulabbrüchen keine Lebensbrüche werden! Wir haben dafür erste Konzepte vorgelegt. Wir werden heute unserem Antrag selbstverständlich zustimmen. Sie sollten das auch tun. Herzlichen Dank.
