Alfred Dannenberg
Für Artenschutz und Biodiversität: Einführung eines "Bodenbrüterbonus" zur Intensivierung des Prädatorenmanagements
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! In unserer Kulturlandschaft gibt es Gewinner und Verlierer. Auf der Gewinnerseite stehen die Tierarten, die gut damit klarkommen, dass der Mensch in der Fläche wirkt und gestaltet. Man denke an den Waschbären, der im Garten auftaucht, an den Fuchs, der sich auch mal bis an die Mülltonne vor dem Haus wagt, oder den Steinmarder, der den Menschen sogar sprichwörtlich aufs Dach steigt. Mit dem gleichen Elan sind sie auch in unserer Kulturlandschaft unterwegs. Insbesondere die Nacht ist lang, da kann man viele Vogelnester aufspüren und sich an ihnen gütlich tun. Verursacht zum einen durch die einheimischen Arten wie Fuchs, Dachs, Stein- und Baummarder, Hermelin und Iltis, verursacht zum anderen durch invasive Arten wie Waschbär und Marderhund. Die Bestände dieser Prädatoren sind hoch. Die Verlierer sind unsere heimischen Bodenbrüter: Rebhuhn, Kiebitz, Bekassine, Feldlerche und Fasan zum Beispiel. Sie haben es schwer im Angesicht des enormen Prädationsdrucks. Wie kann man ihnen helfen? Nun, es gibt zwei Stellschrauben. Kurz gesagt: a) Habitat verbessern, b) Fressfeinde kurzhalten. Zur ersten Stellschraube, das Habitat verbessern: Natürlich haben die Flurbereinigungen der Vergangenheit oder der immer höhere Mechanisierungsgrad in der Landwirtschaft einen erheblichen Tribut bei den Bodenbrütern gefordert. Allerdings, meine Damen und Herren, die großen Entwicklungen werden wir nicht zurückdrehen können. Niemand wird ernsthaft Flurbereinigungsmaßnahmen wieder rückabwickeln wollen. Und nur die wenigsten Landwirte werden wohl wieder mit der Sense oder dem Balkenmähwerk arbeiten. Bleiben die vielfältigen kleineren Maßnahmen zur Habitatverbesserung: Strukturen und wertvolle Übergangszonen schaffen, also zum Beispiel Hecken, Gehölzstreifen, Wasserstellen und Blühstreifen anlegen, wechselnde Feldkulturen sowohl räumlich als auch zeitlich. Das kann man alles machen. Das wird auch vielerorts gemacht, und das ist ganz wunderbar. Aber und das ist der entscheidende Punkt der enorme Prädationsdruck entfällt dabei nicht, sondern er bleibt bestehen. Denn auch Fuchs, Waschbär, Marderhund und auch der Dachs finden die tollen Nischen, die da entstehen, ganz wunderbar. Wer also ernsthaft und wirksam den Bodenbrütern in unserer gewachsenen Kulturlandschaft helfen möchte, also Artenschutz und Biodiversität fördern möchte, der wird nicht umhinkommen, auch die zweite Stellschraube etwas fester anzuziehen, und zwar die Prädatoren weiter einzuregulieren. Mein Dank gilt außerordentlich den niedersächsischen Jägern, die bereits ordentlich dabei sind. Rund 114 000 Stück Haarraubwild streckten sie zuletzt pro Jahr. Ich kann hier den Landesjagdbericht nur empfehlen, der die Zahlen sehr übersichtlich und eindrücklich präsentiert. „Das reicht doch", mag ein Außenstehender einwenden. Nein, reicht nicht, weil die Besätze bestes Beispiel der Waschbär immer weiter ansteigen. Nächster denkbarer Einwand: Müssen die Jäger die Raubwildbejagung nicht sowieso beim Haarraubwild machen? Ja, im Rahmen ihres Hegeauftrages tun sie das auch. Aber wie viele Füchse, Dachse, Marderhunde oder Waschbären in einem Revier zur Strecke kommen sollten, dazu gibt es keine Vorschriften. Das gestaltet jeder Revierinhaber nach eigener Einschätzung und vor allem auch nach eigenen Ressourcen. Irgendwann in der kalten Winternacht möchte man vom Hochsitz auch mal wieder abbauen. Das ist nur menschlich, und nicht jeder kann es zeitlich einrichten, Fallen ständig neu zu beködern. Manchmal fehlt auch einfach der Impuls, der letzte Fingerschnipp, sich mit anderen Jägern des Hegerings mal zu einer konzertierten Jagdaktion zu verabreden, wie sie vielerorts bereits als sogenannte Raubwildwoche bevorzugt im Februar stattfindet. Genau an dieser Stelle setzt die Schaffung eines Anreizes an. Klar könnte man jetzt einwenden: Was soll das? 10 Euro Bonus für jeden erlegten Bodenbrüter-Fressfeind? Haben die Jäger das nötig? Nüchtern betrachtet: Nein. Aber der Mensch ist nun mal so. Er reagiert auf Anreiz, und Angebote locken nahezu jeden - jeden, auch hier in diesem Raum. Außerdem sendet der, der einen solchen Bodenbrüter-Bonus auslobt, ein starkes Signal des akuten Bedarfes und der Wertschätzung an den Adressaten: Es ist wichtig, dass hier noch mehr getan wird! Zeigt, was ihr könnt! Legt euch ins Zeug! Ihr kriegt auch eine Prämie! Dieses Anreizprinzip ist übrigens nichts Neues, meine Damen und Herren. Ich hörte, das wird sogar in Form von Prämien für E‑Autos und Wärmepumpen so gemacht. Aber zurück zu den Anreizen im jagdlichen Bereich. Beim Nutria vor ein paar Jahren: Für meinen Vater und mich war es ein klares Signal: Da bringt dir ein staatlich Beauftragter eine moderne Falle mit Mobilfunkmelder kostenlos auf den Hof, kundschaftet mit dir noch die besten Plätze aus, und zu allem Überfluss gibt es dann auch noch eine Schwanzprämie von 6 Euro. Also für den Nutria. Eines sage ich Ihnen: Mein Vater ist mittlerweile über 80, aber beim Nutria ist er gut dabei, mit Falle und mit Flinte. Nächste Erfolgsgeschichte: die Schwarzwildprämie, als die ASP-Gefahr heraufzog. Für jede gestreckte Sau über das Dreijahresmittel eines Revieres gab es 50 Euro. Schauen Sie die sprunghaft gestiegene Schwarzwildstrecke im betreffenden Zeitfenster von 2018 bis 2022 an! Beeindruckend! Und genauso, wie das Sponsern der Nutria-Jagd uns vor löchrigen Deichen bewahrt hat, genauso wie die Schwarzwildprämie ihren Beitrag gegen die Ausbreitung von ASP geleistet hat, genauso kann der Bodenbrüter-Bonus Rebhuhn, Kiebitz und Co. zu einem spürbar höheren Besatz verhelfen. Falls Sie noch skeptisch sind: Die Erfolgsmeldungen aus der Wirklichkeit sind da. Im Antragstext habe ich beispielhaft auf ein Projekt aus dem Landkreis Verden verwiesen. Das engagierte Management der Prädatoren führt nach wenigen Jahren zu einem deutlichen Anstieg der Bodenbrüter. Weiteres Beispiel: Vor ein paar Tagen sprach ich noch mit einem Berufsjäger, der ein großes Stiftungsrevier hinter der Elbe betreut und ebenfalls mit Elan Fuchs, Waschbär etc. bejagt. Er ärgert sich, dass er vormals keine Dezibelmessungen in seinem Revier gemacht hat, um einen Beweis zu haben, wie still es damals war. Denn jetzt: ein enormes Vogelkonzert. Meine Damen und Herren, die letzte Frage wie immer zum Schluss: Was kostet das Ganze? Mein erster grober Überschlag betrug rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr, ein vergleichsweise überschaubarer Betrag a) gemessen daran, was so manch andere Projekte kosten, und b) gemessen am enormen Hebel, den man zeitnah niedersachsenweit an die Hand bekommt. Wir brauchen nicht mal ein extra Monitoring, denn der Jagdbericht wird es dokumentieren. Es bedarf auch keiner großen neuen Bürokratie, weil wir mit dieser Prämie an bestehende Strukturen und Auszahlungsmodalitäten ankoppeln könnten. Also: Es wäre toll, wenn wir diesen Weg zu mehr Artenschutz und mehr Biodiversität beschreiten könnten. Vielen Dank.
