Kirsikka Lansmann
Machtmissbrauch und sexueller Belästigung in der Filmbranche entgegentreten
Bitteschön! Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir am Feierabend einen Film genießen, stellen wir uns wahrscheinlich selten die Frage, wie dieser Film entstanden ist, wie die Arbeitsbedingungen am Set waren und welche Schattenseiten hinter den Kulissen lauern können. Es ist jedoch entscheidend, nicht nur auf das Endprodukt, sondern auch auf die Produktion zu schauen. Trotz des großen Aufschreis im Jahr 2017 durch die #MeToo-Bewegung kommt es weiterhin zu Machtmissbrauch und sexueller Belästigung, ja, sogar zu sexuellen Übergriffen in der Filmbranche. Die Filmbranche, oft als ein Ort der Kreativität und Inspiration gefeiert, hat auch eine dunkle Seite. In den letzten Jahren haben wir vermehrt von Übergriffen und belästigendem Verhalten gehört. Wir dürfen nicht länger wegschauen. Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt dürfen bei uns keinen Platz haben - weder in der Filmbranche noch sonst wo. Wer glaubt, dass dies nur ein Phänomen à la Hollywood ist, der täuscht sich. Der Fall des Filmproduzenten Harvey Weinstein, einer der bekanntesten Täter, ist zwar besonders widerwärtig, dennoch kommen auch in Deutschland am Filmset Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung vor. Der Kollege Schulz-Hendel hatte ja gerade das Beispiel von Til Schweiger genannt. Aber die Liste der Namen ist leider lang. Die Kultur des Schweigens ist nicht nur gefährlich für die Betroffenen, sondern schadet der gesamten Branche. Und es geht auch nicht heute hier darum, jede Einzelperson an den Pranger zu stellen. Es geht darum, deutlich zu machen, dass das System dahinter dies möglich macht, man zusieht und zu selten dagegen vorgeht. Auffällig ist, dass es sich dabei häufig um sehr bekannte Schauspieler, Produzenten und Regisseure handelt, die ihre Stellung und ihren Einfluss missbrauchen. Wir haben gerade schon viele Zahlen gehört, aber es ist wichtig, sich diese noch einmal vor Augen zu führen. Denn der Bericht der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien macht deutlich, dass in 89 % der Fälle der Täter männlich ist und häufig in höheren Hierarchiestufen agiert. Die Opfer sind daher in den meisten Fällen Frauen. Die Umfrage „Vielfalt im Film" hat ermittelt, dass acht von zehn der befragten Frauen demnach sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt hat, ein Großteil sogar mehrfach. Dies verdeutlicht, dass sexuelle Belästigungen oft nicht nur individuelle Vergehen sind, sondern Teil eines größeren, organisationsinternen Problems. Und das ist nicht nur alarmierend, sondern inakzeptabel, liebe Kolleginnen und Kollegen. Wenn wir über Machtmissbrauch sprechen, müssen wir die Dynamik der Filmbranche genau betrachten. In dieser Branche sind die Machtverhältnisse häufig unausgewogen. Produzenten, Regisseure und andere Entscheidungsträger haben oft das letzte Wort über Karrieren, und diese Macht kann leicht missbraucht werden. Das führt dazu, dass vor allem viele Frauen, aber natürlich auch Männer, in einer extrem verletzlichen Position sind, in der sie Angst haben, ihre Stimme zu erheben. Wir müssen sicherstellen, dass die Filmindustrie ein sicherer Ort für alle wird - für Frauen, Männer und für alle, die sich kreativ ausdrücken möchten. Es gibt bereits Selbstverpflichtungen gegen sexuelle Übergriffe in der Filmbranche. Aber die Wirksamkeit ist verbesserungswürdig. Wir müssen als Gesellschaft und als Politik Verantwortung übernehmen. Es ist an der Zeit, dass wir klare Strukturen schaffen, um Missbrauch zu verhindern und Opfer zu unterstützen. Maßnahmen zur Sensibilisierung für Machtverhältnisse und ein respektvoller Umgang müssen in der Branche zur Pflicht werden. Wir brauchen mehr Anlaufstellen, bei denen Betroffene ohne Angst um ihre Karriere Hilfe und Unterstützung finden können. Viele Filmschaffende sind dort schon auf einem guten Weg, auch in Niedersachsen. Aber wir als Land tragen auch Verantwortung. Es ist wichtig, dass wir als Land Niedersachsen die niedersächsische Filmbranche weiterhin finanziell unterstützen. Ebenfalls ist es aber auch wichtig, dass wir mit den Geldern für Förderung verantwortungsbewusst umgehen. Daher darf es nicht sein, dass Starschauspieler und ‑regisseure sich alles erlauben dürfen, nur weil ihre Filme viel Ruhm und Geld einbringen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass wir Frauen in der Filmbranche fördern und ihre Stimme sichtbar machen. Nur wenn Frauen in Führungspositionen vertreten sind, können wir sicherstellen, dass ihre Perspektive und Erfahrungen gehört werden. Es ist unsere Aufgabe, eine Kultur des Respekts und der Gleichberechtigung zu etablieren, die es jeder Person ermöglicht, in der Filmindustrie zu arbeiten, ohne Angst vor Übergriffen oder Belästigung haben zu müssen. Mit dem vorliegenden Antrag wollen wir präventive Maßnahmen etablieren, sodass nicht immer erst der große Aufschrei erfolgen muss. Denn es wird immer Menschen geben, die ihre Macht ausnutzen. Die Frage ist, ob es ein System gibt, das ihnen genau das ermöglicht. Lassen Sie uns daher gemeinsam dafür sorgen, dass die Filmbranche ein Ort ist, an dem Kreativität gedeihen kann, ohne durch Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung erstickt zu werden. Wir müssen den Mut haben, diese Probleme offen anzusprechen und eine Kultur des Hinsehens und Handelns zu fördern. Ich freue mich daher auf die Beratungen im Ausschuss. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Vielen Dank, Frau Kollegin Lansmann.
