Anna Bauseneick
Gesunde Zähne von Anfang an - zahnärztliche Vorsorge für alle Kinder in Kitas stärken
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich ein kleines Kind vor: Es sitzt abends im Bett und weint, weil jeder Biss ins Brot wehtut. So fangen reale Geschichten im Alltag vieler Kinder in Niedersachsen an, die nie hätten wahr werden dürfen. Ich denke dabei an Karius und Baktus, zwei freche Kerlchen, die im Kindermund hämmern und klopfen, weil niemand richtig hinschaut, die feiern, weil Zähne nicht geputzt werden. Es ist eine Geschichte, die mir als Kind vorgelesen wurde und die ich heute vorlese, denn sie ist aktueller denn je. Karies ist keine Figur aus dem Buch. Am Ende der Kita-Zeit haben 11 von 25 Kindern in Niedersachsen massiv geschädigte Zähne. Das tut weh: den Kindern, ihren Familien und auch uns als Gesellschaft. Mit unserem Entschließungsantrag wollen wir genau das ändern. Alle Kinder sollen schon ab der Kita erreicht werden: zahnärztlich, frühzeitig, regelmäßig und vor allem flächendeckend, ohne unnötige Hürden und ohne Bürokratie. Das Sozialministerium hat in der Anhörung bestätigt, die Gruppenprophylaxe ist ein Erfolgsmodell. Die Karieszahlen sinken bundesweit. Aber bei den betroffenen Kindern wird die Karies intensiver. Immer mehr kaputte Zähne bei den Kindern, die ohnehin schon betroffen sind. Dabei ist der gesetzliche Auftrag längst klar. § 21 SGB V verpflichtet vor allem die Krankenkassen, Vorsorgemaßnahmen durchzuführen. Sie bieten Früherkennungsuntersuchungen an - aber nur, wenn Eltern aktiv einen Termin vereinbaren. Viele schaffen das nicht. Und: Die U-Untersuchungen beinhalten letztlich nur eine zahnärztliche Beratung. Für wirksame Vorsorge braucht es mehr. Fachleute sagen klar, das Kindergartenalter ist der entscheidende Zeitraum für Prävention. Da frage ich: Was passiert eigentlich dort, wo sich viele unserer Kinder jeden Tag aufhalten, in den Kitas? In Niedersachsen sind aktuell 170 Prophylaxe-Fachkräfte und 50 Zahnärztinnen und Zahnärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst aktiv. Sie leisten wertvolle Arbeit. Dafür möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich Danke sagen. Aber jetzt kommt's: Die Gruppenprophylaxe darf nur durchgeführt werden, wenn die schriftliche Einwilligung der Eltern vorliegt. Ohne Zettel keine Untersuchung. Das ist absurd, denn genau bei den Kindern, bei denen keine Einwilligung vorliegt, ist das Risiko oft am höchsten. Beim Sozialministerium heißt es, das betrifft mindestens jedes zehnte Kind, oft genau die, die eine Untersuchung am dringendsten brauchen würden. Diese Kinder bleiben außen vor - wegen eines Formulars. Das können und dürfen wir nicht akzeptieren. Dann hören wir vom Kultusministerium, Kinder könnten nach der Untersuchung nach Hause kommen und sagen: Mama, da war ein Mann, der hat mir wehgetan. Ich will hier noch mal deutlich sagen: Kein Kind wird und soll gezwungen werden. Hier wird mit dem Kind gehandelt, es wird gebastelt, gespielt und gesungen. Die eben schon erwähnte Handpuppe Gregor kennt, glaube ich, nun jeder aus dem Kultusausschuss und weiß, es wird tatsächlich kindgerecht gemacht. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Kinder müssen lernen, dass Zähneputzen zum Alltag gehört, dass der Zahnarztbesuch normal ist und das nicht erst, wenn es weh tut. Es beginnt mit der ersten Zahnbürste, mit Geschichten, mit Büchern. Es geht weiter mit regelmäßigen Zahnarztbesuchen, auch mal öfter, damit das Kind Vertrauen fasst, damit es Routine wird, genauso wie das tägliche Zähneputzen. Dann heißt es: Sanduhr umdrehen, Kauflächen, Innenflächen, Außenflächen. Klingt logisch, wird aber ganz oft nicht gemacht. Ich denke an die Erzieherinnen und Zahnärzte, die mir von Kindern mit Zahnschmerzen erzählen, von Kindern, die das Frühstück verweigern, von Kindern, die sich schämen, weil ihre Zähne kaputt sind. Das ist kein Einzelfall, das ist Realität - und das ist vermeidbar. Zahngesundheit beginnt nämlich nicht erst mit der Aufklärung, sondern auch mit Vertrauen und mit Prävention. Wer als Kind Karies hat, hat später ein höheres Risiko für Schäden an den bleibenden Zähnen. Das bleibt oft ein Leben lang: Schmerzen, Scham und auch hohe Kosten. Unser Antrag schließt eine Lücke. Wir wollen die zahnärztlichen Gruppenuntersuchungen verpflichtend machen - mit einer Widerspruchslösung. Das heißt, jedes Kind wird untersucht, es sei denn, die Eltern sagen ausdrücklich Nein. Das bringt Klarheit, weniger Bürokratie, mehr Gesundheit. Es entlastet die Kitas, hilft den Kindern und unterstützt die Familien. Wir wollen nicht, dass Kinder in Niedersachsen erst Hilfe bekommen, wenn es zu spät ist, wenn gebohrt, gezogen oder operiert werden muss. Wir wollen früh helfen: vorbeugend, alltagstauglich und mit gesundem Menschenverstand. Eines muss ich noch sagen. Als CDU-Fraktion hätten wir uns im Ausschuss ein ganz klares Ja zur Verpflichtung gewünscht, so wie es im Schulgesetz längst geregelt ist. Vom Sozialministerium kam dieses Ja. Aber dann kam wohl etwas, was man selten erlebt: Das Kultusministerium war etwas zögerlich, sprach von fehlendem Durchgriff mangels Kita-Pflicht, verwies auf die örtliche Ebene, Elternabende und Informationsmaterial. Immer wieder fiel der Begriff „Einwilligung" als Mittel für ein Miteinander. Trotzdem sei es möglich. Also frage ich: Warum nicht einfach machen? Denn mit Sorgen kommen wir an dieser Stelle nicht weiter. Ja, Eltern sollten in den Kita-Alltag eingebunden werden, aber nicht mit noch mehr Papier. Hier geht es um eine Chance auf eine bessere Gesundheit und gerade nicht um ein Bohren im Kindergarten. Eines ist auch klar: Wir erreichen nicht automatisch mehr Eltern, nur weil wir ihnen etwas zum Lesen geben oder Infotermine anbieten. Wir müssen den Einrichtungen vertrauen. Sie haben die Kinder und damit auch die Familien im Blick - vor, während und auch nach der Gruppenprophylaxe. Wir wollen mit dem Antrag Ressourcen bündeln und uns nicht verzetteln. Was wir jetzt brauchen, ist kein Zuständigkeitspingpong und kein Hoffen auf schnelle Umsetzung durch die Landesregierung. Was wir brauchen, ist gemeinsames und entschlossenes Handeln mit mehr Mut und Vertrauen. Deshalb treten wir gemeinsam mit den regierungstragenden Fraktionen an dieser Stelle für eine bessere Zahngesundheit, eine bessere Prävention und für mehr Chancen für alle Kinder ein. Und wir sagen: Karius und Baktus bleiben eine Kindergeschichte. Vielen Dank.
