Sophie Ramdor
Für jeden eine Perspektive schaffen - Anteil der Jugendlichen ohne Schulabschluss minimieren!
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Unsere wichtigste Ressource ist die Bildung. Jedes Jahr verlassen Tausende von jungen Menschen in Deutschland die Schule, ohne einen Abschluss erreicht zu haben. 2021 waren es ca. 47 500 Jugendliche. In Niedersachsen haben im Schuljahr 2022/2023 5 859 junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies eine Steigerung um knapp 800 Personen. Jeder dieser jungen Leute ohne Schulabschluss ist aus sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten einer zu viel. Ich glaube, da sind wir uns in diesem Haus auch alle einig. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt aber auf, dass die Zahlen der Jugendlichen ohne Abschluss seit 2011 stagnieren und bei knapp 6 % liegen. Auffällig an den Zahlen ist, dass knapp 60 % der Jugendlichen männlich sind und der Anteil der Personen mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft dreimal so hoch ist wie der Anteil mit einer deutschen Staatsbürgerschaft. Auch zu dieser Bildungsthematik gibt es nicht die eine große, schnelle Lösung. Aber es gibt viele kleine Schritte, die getan werden können, damit weniger junge Menschen durch das Raster fallen, in prekäre Beschäftigungsverhältnisse oder in den Sozialleistungsbezug rutschen. Ein wichtiger Baustein ist dabei die Berufsorientierung. Wir müssen dafür sorgen, dass die Talente der jungen Menschen erkannt und gefördert werden und ihnen geholfen wird, sich auf dem Arbeitsmarkt zurechtzufinden. Eine verstärkte Berufsorientierung führt zudem zu einer höheren Lernmotivation. Wenn Schülerinnen und Schüler erkennen, welche Schulinhalte sie für ihr späteres Berufsleben benötigen, wird die Leistungsbereitschaft auch erhöht. Wir als CDU-Fraktion haben deshalb im November einen Antrag zur Stärkung der Berufsorientierung vorgelegt, der 15 konkrete Maßnahmen enthält. In diesem Antrag verankern wir die Berufsorientierung stärker im Schulleben, schaffen die Beratungsangebote und Phasen der Orientierung. Dass unsere Anregungen Früchte tragen, zeigt sich auch daran, dass Frau Hamburg und die Landesregierung das Thema seit einigen Wochen aufgegriffen haben. Mit unserem heutigen Antrag bieten wir Ihnen von der Landesregierung nun erneut die Möglichkeit, die für das Land und die zukünftige Bildung wichtigen Themen anzupacken. Der größte Teil der vorhin genannten jungen Menschen bricht die Schule nicht ab, sondern erreicht die gesetzlich vorgeschriebene Schulpflicht. Diese Jugendlichen gehen uns aktuell verloren. Sie fallen durch das Raster und sind auf sich allein gestellt. Wir wissen nicht erst seit den neuesten Studien, dass junge Menschen ohne Schulabschluss kaum Chancen auf dem Ausbildungsmarkt haben. Wir wissen auch, dass die Arbeitslosenquote bei ungelerntem Personal fast sechsmal so hoch ist wie bei Personen mit Berufsausbildung. Insgesamt zeigen alle Studien und Berichte, dass unsere bisherigen Bemühungen nicht genügend Wirkung erzielen und wir mehr tun müssen, damit junge Menschen ohne Schulabschluss nach dem Verlassen der Schule nicht alleingelassen werden. Obwohl bereits seit 2020 die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen wurden, dass alle Bundesländer die Daten der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss an die Behörden weitergeben können, tun dies nur die Bundesländer Bremen und Hamburg und seit dem letzten Jahr auch Bayern. Deshalb fordern wir von der CDU-Fraktion in unserem Antrag, die rechtlichen Möglichkeiten zu nutzen und die sogenannte Schülerdatennorm auch in Niedersachsen umzusetzen. Nur wenn die Berufsberatung der Arbeitsagentur weiß, wer ohne Abschluss die Schule verlässt, kann sie Kontakt aufnehmen und Unterstützungsangebote für den Übergang in die berufsbildenden Maßnahmen anbieten. Der Datenaustausch mit den Schulen ist auch noch aus einem anderen Grund wichtig: Melden sich die jungen Leute bei der Agentur nicht zurück, kann auch dies an die Schulen gemeldet werden, und Vertrauenspersonen können dem nachgehen. Die Umsetzung der gegebenen Möglichkeiten ist ein wirksamer Schritt, damit wir mehr Menschen erreichen. Dies ist nicht nur eine Forderung der CDU. Anfang des Jahres hat die SPD-Politikerin und Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Frau Andrea Nahles, die Länder dazu aufgefordert, die Voraussetzungen zu schaffen, damit die Schulen die Daten der Schulabbrecher endlich an die Behörden weiterreichen können. Wir wollen uns aber nicht erst dann um die Jugendlichen kümmern, wenn ihre Schulpflicht vorbei ist, sondern wir zielen mit unserem Antrag auf ein Gesamtkonzept ab, das bereits in der Schulzeit einsetzt. Dieses Konzept muss den Fokus auf Jugendliche mit Migrationshintergrund und leistungsschwache Schülerinnen und Schüler legen. Um einen Schulabbruch verhindern zu können, ist ein frühzeitiges Intervenieren notwendig. Lehrkräfte haben aufgrund der hohen Arbeitsbelastung oft nicht die Zeit, individuell auf ihre Schülerschaft einzugehen und zum Beispiel bei regelmäßigen Fehlzeiten Hausbesuche durchzuführen. Ein wichtiger Aspekt ist für uns deshalb der Aufbau von Talentscouts, die auffällig werdende junge Menschen während der Schulzeit unterstützen. Das Land Niedersachsen muss dabei keine neuen Programme entwickeln, sondern wir können Erfahrungen aus bereits bestehenden und funktionierenden Programmen wie zum Beispiel aus Cloppenburg einbinden. In Cloppenburg gibt es den Pfiffikus e. V., bei dem Ehrenamtliche außerhalb der Schule das Lernen unterstützen und durch regelmäßige Treffen mit den Jugendlichen eine nachhaltige Beziehung aufbauen. Die Schülerschaft hat somit außerhalb der Lehrkräfte und ihrer Eltern Ansprechpartner, die sie auf dem Weg in ihre Zukunft unterstützen können. Diese enge Bindung und die Lernunterstützung verhindern, dass junge Menschen alleingelassen werden, anfangen die Schule zu schwänzen und sich zurückziehen. Wir benötigen zudem die Entwicklung modernster Diagnostik ab dem Grundschulbereich, um Lernrückstände zu erkennen und Schüler gezielt zu fördern. Wir müssen darüber hinaus individuelle Kompetenzen außerhalb des klassischen Lehrplans erkennen, dokumentieren und sichtbar machen, damit sowohl die jungen Menschen als auch die zukünftigen Arbeitgeber auf diese Stärken aufbauen können. Ich nehme den regierungstragenden Fraktionen einmal vorweg, dass sie sicherlich auf die bereits von mir erwähnte berufliche Orientierung, auf den Sozialindex, die Ausbildungsgarantie des Bundes oder das Startchancen-Programm hinweisen. Das sind auch alles Maßnahmen, die wir im System benötigen, aufbauen und verzahnen müssen. Diese haben aber nicht explizit die Jugendlichen im Blick, die keinen Abschluss erreicht haben. Hier müssen wir als Land deutlich besser werden. Die Maßnahmen in unserem Antrag werden nicht alle Probleme sofort beheben. Wir können aber damit beginnen, ein Netz zu spannen, das den Schülerinnen und Schülern mehr Hilfsangebote und Ansprechpartner an die Hand gibt, damit weniger Personen durch das Raster fallen und für uns sichtbar werden. Vielen Dank.
