Alexander Saade
Für Artenschutz und Biodiversität: Einführung eines "Bodenbrüterbonus" zur Intensivierung des Prädatorenmanagements
Herr Saade, kommen Sie gerne nach vorne! Bitteschön! Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir alle sehen den dramatischen Rückgang vieler heimischer Bodenbrüter. Rebhuhn, Kiebitz, Feldlerche, Fasan - sie alle sind vom Aussterben bedroht oder zumindest stark gefährdet. Das ist ohne Frage eine Herausforderung für den Naturschutz, eben auch hier in Niedersachsen. Die Frage ist also nicht, ob wir handeln müssen, sondern wie. Darauf versucht der heutige Antrag der AfD eine vermeintlich einfache Antwort zu geben, nämlich 10 Euro Prämie pro erlegtem Raubtier, also eine Prämienjagd auf Füchse, Marder und Waschbären. Was die AfD hier vorgelegt hat, ist allerdings kein Beitrag zum Artenschutz, sondern ein klassisches Ablenkungsmanöver. Man schießt auf den Fuchs, dann redet nämlich auch keiner über Agrarsubventionen. Man zeigt auf den Waschbären, dann interessiert sich auch keiner für Glyphosat. Man ersetzt Politik auf diese Art und Weise durch Projektion. Sie zitieren in Ihrem Antrag Jägerportale und Artikel aus der Kreiszeitung, aber ignorieren ganz konsequent die Position des NABU, der ökologischen Jagdverbände oder von unabhängigen Diversitätsforschern. Und ganz ehrlich: Beim Lesen Ihres Antrages, wenn man liest, wie oft der Begriff „invasiv" bemüht wird, dann bekommt man den Eindruck, dass es gar nicht um ökologische Zusammenhänge, sondern vielmehr um das gewohnte populistische Vokabular geht. „Invasiv" klingt nämlich nach Bedrohung von außen, nach Kontrolle, nach Abwehr. Das ist ein Begriff, der ja ganz gut in Ihr Repertoire passt. Plakativer Populismus halt. Wenn Sie dann noch die Tiernamen weggenommen und irgendwo den Begriff „Taser" eingesetzt hätten, dann hätte das auch eine innenpolitische Rede von Ihnen sein können. Aber Spaß beiseite. Wer Naturschutz ernst meint, sollte nicht mit Angstbildern arbeiten, sondern mit wissenschaftlicher Differenzierung und ökologischer Verantwortung. Da hat Ihr Antrag nicht so viel zu bieten. Meine Damen und Herren, was Rechtsaußen vorschlägt, hat gar nichts mit Artenschutz zu tun. Das ist nämlich ideologisch motivierte Symbolpolitik auf Kosten der Natur und des Haushalts. Der Antrag der AfD greift zu kurz und ignoriert das eigentliche Problem. Lassen Sie sich mal ganz kurz skizzieren, worum es hier geht. Sie verkennen nämlich, dass nicht der Fuchs und nicht der Marderhund oder der Waschbär der Hauptfeind der Feldlerche ist, sondern der Mensch. Ein befreundeter Jäger hat mich kürzlich mal gebeten, ich soll auf dem Weg von Göttingen nach Osterode die Blühstreifen auf den Feldern zählen. Ich habe es versucht und auf dem Weg keinen einzigen entdeckt. Nicht der Waschbär frisst die Landschaft leer, sondern der Straßenbau. Die Entwässerung der Moore, die Verdichtung durch Siedlung, die Industrie, der Leitungsbau für unsere Energie, die intensive Landwirtschaft, Monokulturen und Pestizide sind es. Der Hauptfeind der Bodenbrüter ist der Verlust von Lebensraum. Und das ist es, was Sie mit Ihrem Antrag ignorieren. Was wir wirklich brauchen, sind mehr Blühstreifen, mehr Brachen, mehr Hecken, mehr Feuchtgebiete, mehr Ruhe in Brutzeiten - und, ja, auch ein erfolgreiches Prädatoren-Managementkonzept kann lokal helfen. Aber ohne Biotopschutz bleibt es Sisyphusarbeit. Wer Artenschutz ernst meint, betreibt kein einseitiges Raubwildmanagement, sondern stärkt die Lebensbedingungen für alle Arten. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben in Niedersachsen ein tragfähiges Modell für erfolgreichen Naturschutz geschaffen, den „Niedersächsischen Weg", eine verbindliche Vereinbarung zwischen Landesregierung, Naturschutz und Landwirtschaft. Daraus ist unter anderem das niedersächsische Artenschutzprogramm entstanden. Und mit genau diesem Programm setzen wir an den richtigen Stellen an. Wir fördern strukturreiche Agrarlandschaften mit Blühstreifen, Brachen, Hecken, Feldgehölzen. Wir fördern also die Lebensräume, die die Wildtiere, Insekten und Bodenbrüter brauchen. Wir schaffen Rückzugsräume für gefährdete Arten durch Biotopvernetzung und gezielte Schutzmaßnahmen, und wir unterstützen die Landwirtinnen und Landwirte, die Biodiversität ermöglichen. Das ist die Richtung, in die wir gehen müssen, nämlich systemisch, partnerschaftlich und fachlich fundiert. Was die AfD hier vorschlägt, ist wirkungslose Symbolpolitik. Ihr geht es nämlich um nichts anderes, als um einen finanziellen Anreiz zur flächendeckenden Intensivbejagung. Aber wer soll die Prämie kontrollieren, verwalten oder auszahlen? Bürokratie für ein Programm, das null Prozent zur Bekämpfung der Ursachen beiträgt! Jagd ersetzt keinen Lebensraum, und ein Bonus ersetzt kein Naturschutzkonzept. Jägerinnen und Jäger wiederum sind keine Bonus-Optimierer auf Abschussquote. Ich kann Ihnen sagen: Die allermeisten von ihnen und ganz explizit alle, die ich kenne, ticken ganz anders. Sie wollen nämlich nicht für tote Tiere belohnt werden, sondern für lebendige Landschaften. Sie engagieren sich aus Verantwortung für gesunde Wildbestände und den Erhalt der Lebensräume - und eben auch für das Gleichgewicht in der Natur. Unsere Jägerschaft leistet hier vielerorts sehr verantwortungsvolle Arbeit. Sie haben die Landesjagdberichte ja schon erwähnt. Sie sollten sie sich mal genauer durchlesen. Dann werden Sie feststellen, dass die Jagdstrecke des Waschbären schon seit 2001 exponentiell nach oben schießt - ganz ohne Bonus. Beim Marderhund und dem Fuchs sieht es ganz ähnlich aus - auch ohne Bonus. Liebe Kolleginnen und Kollegen, mit dem Projekt „Lebensraumverbund Feldflur Niedersachsen" zeigt die Landesjägerschaft übrigens, wie besonders das Rebhuhn erfolgreich gefördert werden kann - auch hier ohne Abschussprämie. Stattdessen sind wichtige Bausteine: Blühflächen und Lebendfangsysteme. Die Landesjägerschaft, der NLWKN und einige Landkreise fördern mittlerweile ebenfalls diese Lebendfallen. Und das ist der richtige Weg. Denn wer Artenvielfalt wirklich erhalten will, der setzt auf Lebensraumschutz, Zusammenarbeit und wissenschaftlich fundierte Maßnahmen - und eben nicht auf derartige Schnellschüsse. Meine Damen und Herren, dieser Antrag ist unterm Strich ein Lehrstück - ein Lehrstück dafür, was passiert, wenn man Jagd mit Ideologie verwechselt, wenn man Artenschutz mit Aktionismus und Haushaltspolitik ebenfalls mit Fantasie verwechselt. Bestenfalls ist dieser Antrag noch der Ausdruck eines populistischen Missverständnisses von Naturschutz. Aber der Reiz der vermeintlich einfachen Lösung hält der ökologischen Realität nicht stand. Vielen Dank. Vielen Dank Herr Saade. - Auf Ihren Beitrag gibt
