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Sophie Ramdor

CDU 28.04.2026 9:39 min Tagungsabschnitte 19/33

Sprache als Schlüssel zur Bildung von Anfang an stärken: Frühkindliche Sprachförderung neu denken!

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Jedes vierte Kind in Niedersachsen weist inzwischen deutliche Sprachdefizite bei der Schuleingangsuntersuchung auf - jedes vierte Kind! Und dabei tauchen Kinder, die kein oder wenig Deutsch sprechen können, in den Auswertungen gar nicht auf. In Ballungszentren wie Salzgitter, Osnabrück oder Hannover betrifft es sogar jedes zweite Kind. Dies zieht sich durch die Bildungsbiografie hindurch. Jedes vierte Kind erreicht nicht die Mindestanforderungen an das Textverständnis in der vierten Klasse. Diese Zahlen zeigen, dass das bestehende System nicht funktioniert und wir nicht einfach weitermachen können, sondern die Sprachförderung neu denken müssen. Herr Mennen und Frau Lange, Sie haben in Ihren letzten Reden behauptet, dass aus Ihrer Sicht alle Zahlen und Daten vorlägen und die Sprachentwicklung unter anderem bei der Schuleingangsuntersuchung ausreichend getestet werde. Diese Aussagen sind erstaunlich und werden von Ihrem Kultusministerium und vom Landesgesundheitsamt auch nicht geteilt. Die Sprachkompetenz und somit das Sprachvermögen der deutschen Sprache ist gar kein Inhalt der Schuleingangsuntersuchung. Ihre Behauptung passt also nicht zur Realität in diesem Land. Daten zur Sprachkompetenz von allen Kinder in der Grundschule existieren in Niedersachsen überhaupt nicht. Mit unserem Gesetzesvorschlag schließen wir nun eine Datenlücke, von der Sie noch nicht einmal erkannt haben, dass sie vorliegt. Auch zu den Sprachfördermaßnahmen in den Kindertagesstätten liegen keine einheitlichen Daten vor. Jeder Träger kann anders testen und anders fördern. Wie ein Kind gefördert wird, hängt vom Konzept des Trägers und damit vom Zufall ab. Alle Eltern hier im Raum, die sich schon einmal um Krippen- oder Kita-Plätze beworben haben, wissen, dass man sich eine Kita nicht nach dem Konzept oder der Förderung auswählen kann, sondern man froh sein muss, einen Kita- oder Krippenplatz in der näheren Wohnumgebung zu bekommen. Und damit nicht genug: Kinder, die kein Deutsch sprechen können und nicht in einer Kita sind, sollen eigentlich an den Grundschulen gefördert werden. Frau Lange, das stimmt; auf dem Papier kommt das alles vor. Aber bitten kommen Sie doch auch hier einmal in der Realität, im Schulalltag an! Die Schulen müssen diese Förderung nicht umsetzen, und das Ministerium weiß nicht, wofür die zur Verfügung stehenden Stunden im Schulalltag überhaupt eingesetzt werden. Das steht alles in den Antworten auf Kleine Anfragen. Das könnten Sie auch alles nachlesen, wenn Sie das wollen würden. Es gibt somit keine einheitliche Testung oder Förderung in Niedersachsen, kein landesweites Konzept, wie Sprache vermittelt wird, und keine Datengrundlage, auf der etwas entwickelt werden kann. Wir haben ein Nebeneinander von Systemen, das eben nicht alle Kinder ausreichend erreicht. Wir sprechen hier nicht von Zahlen auf dem Papier, sondern von Kindern, die bereits vor dem Eintritt in das Schulsystem abgehängt sind. Wer nicht ausreichend Deutsch spricht und versteht, wird unabhängig von seiner Intelligenz keine oder kaum Chancen haben. Vom ersten Schultag an haben diese Kinder den Anschluss verloren und werden nie die Möglichkeit haben, positiv in das Schulsystem zu starten. Hierbei geht es nicht allein um Kinder mit Migrationshintergrund. Auch Kinder mit Deutsch als Erstsprache weisen zum Teil Sprachdefizite im Wortschatz oder dem Satzbau auf. SPD und Grüne sprechen gerne von Bildungsgerechtigkeit, wenn sie erklären, wieso eine weitere IGS zulasten der Gymnasien gegründet werden muss. Die Bildungsungerechtigkeit beginnt aber in Ihrem aktuellen System weit vor dem ersten Schultag, und diese Bildungsungerechtigkeit können Sie im Laufe des Schulsystems kaum auffangen. Sie laufen dem Problem aktuell hinterher und versuchen mit viel Kraft, im laufenden Prozess die Kinder in der Grundschule sprachlich zu fördern. Das ist nicht nur eine doppelte Belastung für Kinder, bei denen in jedem Monat die Lernrückstände in anderen Fächern erweitert werden, sondern auch für die Lehrkräfte. Und vor allem ist es didaktisch falsch: Der beste Zeitraum zur Förderung der Sprache ist vor der Einschulung. Die Lösung ist eigentlich so einfach: Wir müssen die Kinder, bevor sie in das Schulsystem kommen, verpflichtend sprachlich fördern, damit kein Kind durch das Raster fällt. Damit wir für diese Förderung ausreichend Zeit haben, müssen wir die Sprachstandserhebung im vorletzten Jahr vor der Einschulung durchführen. Wir brauchen einen großen Teil der Sprachförderstunden also für die Förderung vor der Einschulung, um irgendwann vor die Lage zu kommen. Und diese Lösung ist kein Geheimnis: In Deutschland haben andere Bundesländer die Problematik erkannt und gehen den von uns vorgeschlagenen Weg bereits oder sind schon länger dabei - wie Bayern, Hamburg, Berlin, Schleswig-Holstein oder auch Rheinland-Pfalz. In Niedersachsen hat es der Ministerpräsident Olaf Lies vielleicht zur Überraschung der Kultusministerin und der Kultusausschussmitglieder von SPD und Grünen auch bereits erkannt. Herr Lies hat erkannt, wie richtig wir mit unserem Entschließungsantrag liegen den Sie gleich ablehnen werden und dass die Sprachförderung im frühkindlichen Bereich aktuell eben nicht ausreichend ist. Und er hat auch erkannt, dass wir die Kinder früher testen müssen, um überhaupt noch genug Zeit für eine Förderung vor der Einschulung zu haben. Lieber Herr Mennen, wenn Sie die Augen vor dem aktuellen Ist-Stand der Datenlage und der Fördermaßnahmen weiter verschließen, dann ist es umso bemerkenswerter, wenn Sie uns bei einer Initiative zur Förderung der Sprache, die die Grundlage ist, damit die Kinder überhaupt eine Chance im Bildungssystem und vor allem in ihrem zukünftigen Leben haben, Stigmatisierung vorhalten. Nicht wir stigmatisieren, wenn wir Kindern eine Chance im Leben geben wollen, sondern Sie, wenn Sie Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse in die erste Klasse lassen. Wenn Ihr System so gut funktioniert, wie Sie immer wieder behaupten, dann frage ich mich, wieso die Zahl der Kinder mit nicht ausreichenden Deutschkenntnissen immer größer wird und auch Zahl der Kinder, die am Ende der vierten Klasse nicht lesen und schreiben können. Nach unserem Entschließungsantrag legen wir Ihnen heute einen Gesetzentwurf vor, wie die Sprachförderung einheitlich, rechtlich bindend und landesweit verbessert werden kann und wie wir es schaffen, eine Brücke zwischen den ersten beiden Bildungsstationen der Kinder zu schlagen - eine Brücke, die nicht auf ein Nebeneinander, sondern ein Miteinander der beiden Institutionen für alle Kinder in diesem Land setzt. Uns ist es nicht egal, wo man einen Platz in einer Kita hat oder in welchem Stadtteil die Kinder wohnen. Wir wollen die Verzahnung der Kindertagesstätten und der Grundschulen, das Bündeln der Fachkompetenz und der Kräfte. Und auch das ist keine Unmöglichkeit oder Spinnerei von uns - das ist gelebte Praxis in anderen Bundesländern, die sich längst auf den Weg gemacht haben. Mit diesem Gesetzentwurf setzen wir auf klare Zuständigkeiten und klare rechtliche Grundlagen zur Teilnahme. Die Grundschulen testen die Sprachkompetenz aller Kinder in ihrem Einzugsgebiet, damit kein Kind durch das Raster fällt und wir einheitliche Zahlen haben, auf denen wir dann unsere Konzepte und Sprachfördermaßnahmen aufbauen können. Die Sprachförderung findet für alle Kinder egal, ob sie aktuell einen Kitaplatz haben oder nicht in den Kindertagesstätten gemeinsam mit Lehrkräften und Erzieherinnen und Erziehern statt, damit eben nicht die Kinder nicht erreicht werden, die eine Förderung am dringendsten bräuchten. Und auch diese gemeinsame, übergreifende Förderung ist längst gelebte Praxis in anderen Bundesländern. Niedersachsen ist vielfältig, und auch diesem Aspekt tragen wir Rechnung, indem durch die Verordnungsermächtigung die Detailregelung vor Ort auf fachliche Entwicklungen und praktische Erfahrungen flexibel reagieren kann, ohne dass man jedes Mal das Gesetz neu anfassen muss. Das aktuelle Nebeneinander bei der Förderung, die fehlenden Daten, das schlechte Abschneiden im Lesen und Schreiben können uns nicht egal sein. Alle Studien zeigen, dass im aktuellen System egal wie oft Sie hier das Gegenteil behaupten eben nicht ausreichend für Sprachkenntnisse gesorgt wird. Wir brauchen keine Verbesserung im bestehenden System - wir müssen die Sprachentwicklung und Sprachförderung neu denken. Lassen Sie uns nicht weiter Zeit verlieren und weitere Generationen von Kindern im Bildungssystem verlieren! Gehen Sie mit uns den Weg, den viele Bundesländer bereits beschritten haben, damit Kinder eine Chance auf den bestmöglichen Start im Bildungsleben haben! Herr Mennen und Frau Lange, bevor Sie gleich wieder erzählen, dass eigentlich alles funktioniert und kein Kind alleingelassen wird: Gerade am Wochenende konnte ich mich wieder mit meinen alten Kolleginnen und Kollegen an einer Schule austauschen, auf die das zutrifft. Ihre Geschichte der funktionierenden Systeme können die Personen an der Basis nicht teilen. Ich lade Sie, auch von hier, noch einmal ganz herzlich ein, mit mir gemeinsam mal Grundschulen zu besuchen, in denen Kinder eingeschult werden, die keine Deutschkenntnisse haben, und sich einfach mal vor Ort die Probleme anzuhören. Das Angebot steht, und vielleicht kommen Sie ja irgendwann darauf zurück. Vielen Dank.

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