Alfred Dannenberg
Vielfalt säen, Sorten sichern - regionale Saatgutzucht stärken
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich finde diesen Antrag zum Thema Saatgutvermehrung sehr spannend; denn im Gegensatz zu vielen Anträgen, bei denen man recht schnell eine klare Einschätzung zur inhaltlichen Bewertung gewinnen kann, bin ich hier bei meinen Recherchen und Überlegungen der letzten Tage auf tatsächlich diametral gegensätzliche Präferenzen und Argumentationen gestoßen. Einige Beispiele: Die einen sagen: Was soll das mit dem Erhalt alter Pflanzensorten? Die seien nicht umsonst weg vom Markt, weil sie weniger leistungsfähig sind und zu den aktuellen Standortbedingungen gar nicht mehr so gut passen. Eine Vielfalt entstünde doch auch nach vorne heraus, durch Sortenneuentwicklungen. Die anderen sagen: Um Gottes willen, nein, wir brauchen die alten Sorten zum Beispiel für Rückkreuzungen und wollen die hergebrachte Vielfalt für unsere Freiheit und für zukünftige Generationen erhalten! Ein sehr wichtiges Argument, wie ich finde. Nächstes Beispiel: Manche Landwirte wollen konsequent das neueste High-End-Saatgut und zahlen den Preis. Punkt. Andere sind da nicht so hinterher, vielleicht auch wohl wissend: Die Wahl der Saatgutsorte hat an vielen Standorten gar nicht den maßgeblichen Effekt auf den Ernteerfolg; denn auch Wasser, Dünger, Temperatur, Sonne oder Beikrautmanagement müssen stimmen. Sonst nützt die beste Sorte nichts. Noch ein Beispiel: Manche Bauern haben auch schlichtweg keine Zeit oder keinen Nerv für eigene Saatgutvermehrung. Andere hingegen widmen sich dem mit Verve. Ja, die Menschen sind verschieden. Und noch ein Beispiel: Nicht wenige meinen, die großen Saatgutzüchtungshäuser müssen mit ihrer professionellen und sicherlich auch kostenintensiven Entwicklungsarbeit auch Geld verdienen. Denn ein Unternehmen, das kein Geld verdient, macht dicht. Und wer soll dann deren Leistung erbringen? Andere dagegen meinen, die großen Konzerne würden die Bauern doch eh nur abzocken, und es müsse deren Vormachtstellung gebrochen werden. Beide Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Übrigens, kennen Sie eigentlich die GEZ des Saatgutsektors? Ich auch nicht. Aber manche Landwirte assoziieren damit die sogenannte Saatgut-Treuhand-Verwaltungsgesellschaft. Der müssen sie melden, ob sie Saatgutnachbau betreiben, und müssen dann dafür die Nachbaugebühren entrichten. Die einen zahlen murrend, die anderen mogeln sich irgendwie durch. Auch das gibt es. Dahinter steckt die grundsätzliche Frage, ob ein Landwirt, wenn er einmal ein bestimmtes Saatgut gekauft, ausgesät und damit eine Ernte eingefahren hat, daraus in Eigenregie neues Saatgut gewinnen darf, und vor allem, ob er dafür dann noch eine Art Lizenzgebühr entrichten muss oder ob der Grundsatz gilt: Aus meiner eigenen Ernte darf ich ungehindert und gebührenfrei neues Saatgut für mich gewinnen. Wir sehen: Allein an diesen Beispielen zeigen sich schon sehr spannende Fragen, die durch den vorliegenden Antrag berührt werden. Ich für meinen Teil bin sehr gespannt auf die Behandlung dieses Themas im Ausschuss. Tatsächlich sage ich einmal ganz deutlich vorweg: Ich freue mich ausdrücklich ich hoffe, es kommt dazu auf eine Expertenanhörung. Vielen herzlichen Dank.
