Swantje Schendel
Schutz für Kinder in den sozialen Medien stärken - Gefahren des Influencer-Marketings entschlossen begegnen
Legen Sie los! Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe KollegInnen! Erinnern Sie sich alle noch an Ihren ersten Schultag? Ein besonderer Moment, den viele von uns sicher nie vergessen, ein Tag, an dem ein Kind stolz seine Schultüte präsentiert, ein Symbol für den Eintritt in eine neue Lebensphase. In vielen Familien wird dieser Tag mit viel Liebe gefeiert, mit Hingabe oft wochenlang vorbereitet. Ich habe viele solcher Feiern und ihre Vorbereitung miterlebt: Mütter, die Schultüten selbst basteln, die Diskussion über die richtige Farbe des Schulranzens, das Überlegen, welche Marke besonders geeignet für den schmalen Kinderrücken ist. Manchmal sah ich diese Momente auf Fotos, manchmal auf Videoaufnahmen, und manchmal war ich sogar live bei so einer Einschulungsfeier dabei. Und da war ich nicht die Einzige. Mit mir waren oft Hunderte, manchmal Tausende Menschen dabei, und das, obwohl weder ich noch die anderen Tausend Menschen diese Familien oder Kinder persönlich kennen. Aber ich habe das Gefühl, diese Kinder zu kennen, denn für mich sind sie online aufgewachsen. Sie sind Teil des sogenannten Family-Blogger-Phänomens, auch bekannt unter „Momfluencer", „Family-Influencer" usw. Während man solche Blogs vor zehn Jahren noch mehrheitlich aus den USA kannte, gibt es mittlerweile viele deutsche Influencer, die mit der Vermarktung ihres Familienlebens Geld verdienen. Besondere Ereignisse wie die Einschulung oder Geburtstagsfeiern liefern dabei besonders hohe Interaktionszahlen, was zu besser bezahlten Kooperationen führt. Wenn ich heute Videos von solchen Momenten sehe, dann frage ich mich: Wie oft muss diese Szene eigentlich wiederholt werden, bis sie perfekt ist? Wie oft muss beispielsweise Leni die Treppe herunterlaufen und staunend auf die Geburtstagstorte blicken, bis die Aufnahme wirklich stimmt? Wie oft wurde gefilmt, damit wir diese Szene aus verschiedenen Blickwinkeln beobachten können? Wenn wir solche Szenen sehen, dann denken wir selten daran, dass Kinder in diesen Momenten nicht einfach spielen, sondern in einer inszenierten Werbewelt arbeiten. Und genau hier liegt das Problem. Im Gegensatz zu Theaterproduktionen oder Filmaufnahmen, bei denen es klare gesetzliche Regelungen und Jugendschutzbestimmungen gibt, gibt es im Bereich der Familien-Influencer noch keinerlei wirksame Schutzmechanismen. Während Kinder und Jugendliche, die in der Film- und Theaterwelt tätig sind, strengen Regelungen für die Arbeitszeiten bis hin zur pädagogischen Begleitung unterliegen, gibt es für Kinder, die als Teil des Familiencontents interagieren, keinerlei rechtliche wirksame Absicherung. Liebe KollegInnen, das wollen und müssen wir heute ändern. Die Kinderrechtsorganisation Terre des Hommes hat in ihrem Bericht 2024 aufgedeckt, dass die Arbeit von Familien-Influencern eine Vielzahl von Gefahren für Kinder birgt. Sie können in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden, erleben Bindungsstörungen, ihre Sicherheit ist gefährdet, und ihre Privatsphäre wird mitunter massiv verletzt. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk warnte bereits 2019 vor ähnlichen Risiken. Ein Gutachten im Auftrag von Campact und des Kinderhilfswerks belegte im vergangenen Jahr, dass die Veröffentlichung von Fotos und Videos in sozialen Medien das Kindeswohl gefährden kann. Besonders die Darstellung emotionaler Ausnahmesituationen wie Angst, Scham oder Traurigkeit stellt einen massiven Eingriff in die Privatsphäre des Kindes dar. Leider ist aber auch das alltäglich. Nun haben wir also die Chance, dem etwas entgegenzusetzen. Wir können den rechtlichen Rahmen so gestalten, dass Kinder vor Ausbeutung und der Verletzung ihrer Privatsphäre in sozialen Medien besser geschützt werden. Es ist auch an der Zeit, dass wir diese Verantwortung übernehmen, denn auch in den sozialen Netzwerken haben Kinder das Recht auf Schutz vor Ausbeutung und auf Achtung ihrer Privatsphäre. Unser Antrag fordert daher, dass wir das Jugendarbeitsschutzgesetz so anpassen, dass auch der Bereich des Influencer-Marketings klar darin geregelt wird. Wir wollen eine pädagogische Begleitung und die Aufklärung über die Rechte der Kinder stärken. Zudem soll ein Teil der Einnahmen aus dem Influencer-Content auf einem Konto für das Kind hinterlegt werden. Vorbild sind dabei die entsprechenden Regelungen in Frankreich, denn auch hier geht es um den Schutz der Privatsphäre und des Kindeswohls auch im digitalen Raum. Wir müssen dafür sorgen, dass Kinder in der Welt der sozialen Medien nicht ohne Schutz dastehen. Dieser Antrag, liebe KollegInnen, ist dabei hoffentlich nur der Anfang. Ich hoffe, dass Sie uns unterstützen, damit wir diesem wichtigen Thema mehr Raum geben, es weiter vorantreiben und letztlich auch einen echten Wandel erreichen können. In diesem Sinne freue ich mich auf die Ausschussberatungen. Vielen Dank.
