Thore Güldner
Das Ende der schriftlichen Division in der Grundschule
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es gibt Debatten in diesem Landtag, die erwartbar sind. Und es gibt Inszenierungen, die es leider auch sind. Erwartbar war die Anmeldung dieser Aktuellen Stunde. Erwartbar war, dass wieder der Untergang unserer gesamten Bildungslandschaft herbeigeredet wird. Und mindestens genauso erwartbar war, dass die Rede der AfD auch zu diesem Thema mal wieder keine Sternstunde des niedersächsischen Parlamentarismus werden würde. Übrigens: Der SLVN hat diesen Schritt begrüßt, Herr Rykena. Das muss ich an dieser Stelle schon mal klarstellen. Das war also eine Falschbehauptung von Ihnen hier gerade an diesem Pult. Bei aller Erwartbarkeit dieser Debatte habe ich mir in den letzten Tagen intensiv Gedanken darüber gemacht, wie ich auf diesen als Aktuelle Stunde getarnten Klamauk am besten reagieren kann. Natürlich habe ich mir auch überlegt, wie ich die Frage rund um die Divisionsdebatte so plastisch erklären kann, dass dies sowohl die AfD, der ich selbstverständlich nur eine begrenzte Lernfähigkeit unterstelle, als auch der Kollege Lechner verstehen. Er hat sich trotz der Zurückhaltung seiner eigenen Bildungspolitiker in der CDU leider auf diese Debatte eingelassen und ist dabei offenbar selbst der Annahme aufgesessen, kein Kind in Niedersachsen lerne künftig noch das Dividieren - was natürlich völlig falsch und an den Haaren herbeigezogen ist. Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Geschäftsordnung erlaubt mir leider keine praktischen Mathematikübungen hier im Plenarsaal. Keine Schiefertafel, keine Folien, nicht einmal Kreide darf ich hier benutzen, um etwas anzuschreiben. Deshalb muss ich es auf dem klassischen mündlichen Wege versuchen und möchte die Frage stellen, wie Sie denn die beispielhafte Aufgabe „1 452 geteilt durch 6" rechnen würden. Die Genies oder die Überheblichen hier im Saal würden sagen: Natürlich im Kopf! Aber das Wahrscheinlichste ist bei den allermeisten, dass sie den smartphoneförmigen Taschenrechner bemühen, den wir entgegen allen anderslautenden Aussagen unserer ehemaligen Mathematiklehrerinnen und ‑lehrer doch sehr regelmäßig bei uns tragen, und in Sekundenschnelle hätten wir ein Ergebnis. Trotz dieser Möglichkeit ist es natürlich wichtig, dass unsere Schülerinnen und Schüler diese und weitere Divisionsaufgaben auch ohne Taschenrechner lösen können und müssen - und das auf der Grundlage eines soliden Zahlenverständnisses. Man kann das dann ganz klassisch schriftlich rechnen, so wie ich es erlernt habe. Dafür teilt man bei dieser Aufgabe zunächst die 14 durch 6, das ergibt 2. Diese 2 schreibt man ins Ergebnis, und man zieht 12 ab, es bleibt 2. Dann holt man die 5 herunter und erhält 25, teilt die 24 durch 6, das ergibt 4, zieht wieder ab, es bleibt 1. Zum Schluss holt man die 2 herunter, erhält 12, teilt 12 durch 6, das ergibt 2. Liebe Kolleginnen und Kollegen, dann kommt man zu dem Ergebnis 242. Wer jetzt inhaltlich ausgestiegen ist, dem biete ich eine Alternative an, und zwar das halbschriftliche Rechenverfahren. Dafür zerlegt man die 1 452 in mögliche durch 6 teilbare Aufgaben: 1 200 geteilt durch 6 sind 200. 240 geteilt durch 6 sind 40. 12 geteilt durch 6 sind 2. Und siehe da: Ich addiere diese Zahlen und komme zum selben Ergebnis: 242. Also: Selbst, wenn unsere Kinder künftig erst in Klasse 5 das erste von mir ausgeführte schriftliche Verfahren erlernen, so werden sie auch in Klasse 4 mit dem zweiten von mir aufgeführten halbschriftlichen Verfahren in der Lage sein, das richtige Ergebnis zu erzielen. Diejenigen, die einen Leistungsabschwung befürchten, kann ich also beruhigen: Das Ergebnis stimmt trotzdem. Und jetzt verrate ich Ihnen das eigentlich Entscheidende in dieser Debatte: Mathematik ist nämlich viel mehr als das Erzielen eines Ergebnisses. Mathematik ist das Verständnis von Menge. Mathematik ist Zahlenvorstellung. Mathematik ist auch eine Frage der Plausibilität. Wenn mir hoch angesehene Mathematikdidaktiker seit 10 bis 15 Jahren wissenschaftlich begründet erklären, dass es viel wichtiger ist, zunächst das Zahlenverständnis zu stärken, als in der Grundschule roboterartig schriftlich Aufgaben zu lösen, und dann zu einem späteren Zeitpunkt das schriftliche Rechenverfahren zu lernen, dann schenke ich diesen mehr Vertrauen als Ihnen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wer daraus einen Kulturkampf macht, der will nicht ernsthaft über Bildungspolitik sprechen. Der will nicht ernsthaft über Mathematikleistungen sprechen, sondern über Empörung. Und der will damit nichts anderes als mediale Aufmerksamkeit und eben diesen Klamauk erzeugen. Das geht aber nicht mit uns. Deswegen freue ich mich, dass das Land Niedersachsen auch künftig sehr fähige Mathematikerinnen und Mathematiker hervorbringen wird. Ich freue mich schon heute darauf, all diejenigen kennenzulernen. Sie werden wahrscheinlich bessere Mathematiker sein, als ich es jemals geworden wäre. Danke.
