Christian Fühner
Unterstützung durch Klassenassistenzen im niedersächsischen Schulwesen verstärken - für einen inklusiven und effizienten Unterricht
Zu Wort gemeldet hat sich der Abgeordnete Fühner. Bitteschön! Vielen Dank. - Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Inklusion ist ein Versprechen - ein Versprechen an Kinder, an Eltern, an Lehrkräfte, die jeden Morgen vor ihrer Klasse stehen. Dieses Versprechen entscheidet sich nicht in Erlassen, in einem Ministerium oder in irgendwelchen Diskussionsrunden, sondern jeden Tag im Unterricht - in dem Moment, in dem es unruhig wird, in dem Moment, in dem ein Kind überfordert ist, in dem Moment, in dem eine Lehrkraft eine unmögliche Wahl hat: Kümmere ich mich jetzt um das Kind, das Unterstützung braucht, oder halte ich den Lernprozess im Unterricht am Laufen? Genau deshalb müssen wir heute und auch in Zukunft über Klassenassistenzen sprechen - nicht als Luxus, nicht als irgendein Projekt, sondern als echte Chance, Unterricht stabiler zu machen, ruhiger zu machen, erfolgreicher zu machen. Dabei geht es nicht um die Frage, ob wir irgendetwas umsetzen wollen, in dem wir uns einig sind, sondern im Kern auch um die Frage, ob wir uns als Parlament hinter einen Paradigmenwechsel stellen wollen: weg von einer dauerhaften Eins-zu-eins-Betreuung und einer teilweisen Stigmatisierung von Kindern hin zu einer gelebten Inklusion und einem echten teamorientierten Arbeiten in einer Klasse. Ich habe, nachdem ich in den letzten Wochen und Monaten viele Schulen besucht habe, heute drei Beispiele mitgebracht, um zu veranschaulichen, wie es in den Schulen um die Inklusion bestellt ist und wie es mit Klassenassistenzen besser werden kann. Da ist zum Beispiel ein Kind in einer Grundschule mit massiven Lese- und Rechtschreibproblemen - kein Anspruch auf eine Schulbegleitung. Die Lehrkraft möchte fördern, kann es aber im laufenden Unterricht nicht oder, wenn überhaupt, nur begrenzt. Was passiert aber in dieser Grundschule, wenn eine Klassenassistenz eingesetzt wird? Diese Person schafft eine Arbeitsumgebung, liest Aufgaben gemeinsam, erklärt Inhalte verständlich, strukturiert Antworten, motiviert das Kind. Das Ergebnis: Das Kind kann mitarbeiten und Aufgaben bewältigen, und gleichzeitig wird die Lehrkraft entlastet, die sich dann um den Lernprozess im Unterricht in der Klasse kümmern kann. Das ist es, worum es hier im Kern geht: Es geht um Unterstützung, die im Unterricht wirkt. Ein zweites Beispiel: Deeskalation. Ein Kind stört wiederholt, wird ermahnt, reagiert emotional, verlässt abrupt den Klassenraum. Viele Lehrkräfte in unserem Land kennen diese Situation. Sie kostet jedes Mal Lernzeit für alle. Mit einer Klassenassistenz aber gelingt etwas anderes. Die Assistenz folgt dem Kind, beruhigt es, hört zu, klärt den Auslöser, bringt das Kind wieder in die Gesprächslage, verabredet einen Weg zurück, und am Ende kehrt das Kind zurück und der Unterricht kann gut weitergehen. Genau hier zeigen sich die Chancen in der Systematik der Klassenassistenzen - Beispiele aus Grundschulen, die das von uns vorgeschlagene System bereits jetzt umsetzen, finanziert über die Eingliederungshilfe in Niedersachsen. Das sind keine Schattenlehrkräfte. Sie ersetzen auch keinen Unterricht, aber sie geben dem System etwas zurück, das uns gerade überall fehlt: Zeit, Ruhe und Struktur. Wenn wir Kindern mit Förderbedarf keine dauerhafte Eins-zu-eins-Betreuung zuschreiben, sondern Freiheiten ermöglichen, Lernatmosphären schaffen und Inklusion richtig machen, dann profitieren mehrere Kinder gleichzeitig davon - auch die, die vielleicht keine klassische Schulbegleitung zugesprochen bekommen. Die Unterstützung ist effizient, weil es Einsatzstunden dort gibt, wo es wirklich brennt. Die ganze Lerngruppe ist im Blick - auch um die Kinder zu unterstützen, die keine Schulbegleitung im eigentlichen Sinne hätten. Das verbessert die Atmosphäre, das beugt Unterrichtsstörungen vor und wirkt präventiv, bevor sich Probleme verfestigen oder Förderbedarfe größer werden. Die Zahlen in einer Grundschule, die ich besucht habe, sind bemerkenswert. Zwei Assistenzkräfte an einer Schule mit zusammen 28 Unterrichtsstunden unterstützen pro Woche mehr als 28 Schülerinnen und Schüler. Nur wenige von ihnen hätten eine klassische Schulbegleitung zugesprochen bekommen. Nicht alle 28 Kinder hätten in diesem Bundesland eine entsprechende Förderung bekommen, wenn man diese Systematik nicht so umgesetzt hätte. Das ist ein starkes Signal: Mit relativ überschaubarem Personaleinsatz kann man vielen Kindern helfen. Das ist echte Inklusion. Verehrte Kolleginnen und Kollegen, es gibt natürlich auch die, die das anders machen, die einfach sagen: Wir bleiben beim klassischen System der Schulbegleitung. Ich habe eine Schule in unserem Land besucht, da saßen sechs Schulbegleitungen hinten im Klassenraum - mit der Lehrkraft zusammen sieben erwachsene Personen. Genau an dieser Stelle wird sichtbar, was falsch läuft an vielen Stellen: Ressourcen werden falsch eingesetzt, weil man in diesem Bundesland systematisch zu wenig Mut aufbringt, um einen echten Systemwechsel zu forcieren. Das ist in dieser Systematik das, was mich an der Politik der Kultusministerin stört: Mutlosigkeit. Anstatt solche Modelle, die es überall im Land gibt, systematisch zu ermöglichen, zu verstetigen und Qualitätsstandards zu setzen, erleben wir oft Ausreden. Die werden wir auch gleich wieder hören: Entweder ist es zu teuer, oder wenn man es über die Eingliederungshilfe finanziert, dann ist es alles rechtlich schwierig, und man schiebt den Ball wir werden es gleich wieder hören zum Bund. Aber wenn man nur lange genug genau prüft und immer wieder Ausreden findet, dann passiert in diesem Land eines, nämlich nichts. Und das Schlimme ist: Während das Ministerium Ausreden sucht, versuchen wir vor Ort, die Schulen, die Kommunen, Lösungen zu finden, weil sie die Systematik, nach der sechs Schulbegleitungen hinten drinsitzen, für falsch halten und weil sie wissen, dass es anders besser funktioniert. Aber sie sind damit auf dünnem Eis unterwegs. Das liegt auch daran, dass sie keine Rückendeckung aus dem Ministerium und von ihrer Ministerin bekommen. Deswegen fordern wir erstens ganz konkret, Klassenassistenzen als festen Baustein von Schulentwicklung zu etablieren, mit klarer Aufgabenbeschreibung, und zweitens, gute Qualifizierungsangebote und Standards zu schaffen, damit Assistenten und Schulbegleitungen keine Lückenbüßer sind, sondern der Unterricht und Inklusion besser werden. Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen, Mutlosigkeit hilft keinem Kind. Ausreden verbessern keinen Unterricht. Die Praxis zeigt: Klassenassistenzen schaffen Ruhe, sie sichern Lernzeit, sie entlasten Lehrkräfte und ermöglichen Teilhabe - ganz konkret in einer Unterrichtsstunde, in einem Raum, im schulischen Alltag. Da wir ja wissen wir werden es gleich hören; ich kann es prophezeien, dass man das alles in diesem Land so nicht umsetzen kann und der Bund handeln muss, haben wir uns natürlich schon mal, nachdem wir es im Ausschuss diskutiert hatten, auf Bundesebene umgehört. Unsere Bundesbildungsministerin ist genau unserer Meinung. Sie wird einen entsprechenden Gesetzentwurf in den Bundestag einbringen. Ich sage in Richtung der SPD, weil wir hören, dass die SPD auch das blockieren will: Gehen auch Sie bitte schon mal auf Ihre Bundestagskollegen zu! Sensibilisieren Sie für dieses Thema. Wenn der Gesetzentwurf unserer Bundesbildungsministerin durchkommt, dann werden wir auch in Niedersachsen, dann wird vielleicht sogar Frau Hamburg Möglichkeiten finden, mal etwas umzusetzen. Das wäre sehr wünschenswert. Herr Fühner? Besser wäre, wir handeln selber, stimmen unserem Antrag zu und setzen in Niedersachsen das um, was in diesem Land jetzt schon gut funktionieren kann, wenn man nur will. Vielen Dank. Herr Fühner, Sie haben mich Sie nicht unterbrechen lassen, was ich aber wollte, weil die Abgeordnete Nzume den Bedarf nach einer Zwischenfrage angemeldet hat. Ja, klar. Bitte! Vielen Dank für das Zulassen der Zwischenfrage.
