Andrea Kötter
Niedersachsens Biotopverbund stärken und der Biodiversitätskrise begegnen
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wer heute aufmerksam durch Feld, Wald und Wiesen geht, der kann es manchmal spüren. Anders, als die Kollegin Kura das gerade fast poetisch beschrieben hat, macht sich allenthalben eine Stille breit, und zwar eine Stille, die irgendwie nicht passt und auch irgendwie nicht dahingehört. Denn seit Jahrzehnten beobachten wir einen dramatischen Rückgang der Artenvielfalt. Insekten, Feldvögel, Amphibien: Sie alle verlieren nicht nur den Platz zum Leben; sie verlieren vor allem den Anschluss. Das Problem ist eigentlich ganz einfach beschrieben. Wir haben wunderschöne Naturschutzgebiete. Allerdings sind das oft zwar wertvolle, aber kleine und sehr isolierte Inseln. Zwischen diesen Inseln fehlen die für den Artenerhalt so notwendigen Verbindungen. Mit dem vorliegenden Entschließungsantrag wollen wir das ändern und etwas verwirklichen, was eigentlich schon längst überfällig ist. Wir werden der Natur Wege und Brücken bauen, damit sie sich wieder ausbreiten kann. Im Grunde bilden wir damit die Infrastruktur der Zukunft, und zwar die ökologische Infrastruktur unseres Landes, den Biotopverbund. Unser Ziel ist klar formuliert. 15 % der Landesfläche werden in einen funktionsfähigen Biotopverbund überführt. Das ist kein willkürlicher Wert; das ist die fachliche Notwendigkeit, um das Artensterben nicht nur zu verwalten, sondern um es endlich zu stoppen. Dabei sollten wir den Biotopverbund nicht isoliert betrachten. In Zeiten der Klimakrise ist die Vernetzung von Lebensräumen fast schon eine Lebens- oder eine Überlebensversicherung. Ein robuster Biotopverbund hilft uns beim Wasserrückhalt denn vernetzte Auen und Moore speichern Wasser in der Fläche, bei der Kühlung grüne Korridore senken die Temperatur in der Landschaft und bei der Anpassung; nur wenn Arten wandern können, haben sie auch eine Chance, auf die Verschiebung der Klimazonen zu reagieren. Wer vom Klimaschutz spricht, darf also zum Biotopverbund nicht schweigen. Dabei ist mir ganz wichtig, festzuhalten, dass wir uns nicht einfach in einem stillen Kämmerlein irgendetwas ausgedacht haben, was uns klug und wichtig erschien. Heute sind wir hier in der abschließenden Beratung, nachdem wir einen ordentlichen, sehr soliden Prozess unter Beteiligung verschiedenster Fachverbände beendet haben. Wir haben die eingegangenen Stellungnahmen sehr intensiv bearbeitet und konnten den Antrag unter Abwägung der unterschiedlichsten Hinweise an einigen Stellen auch noch einmal deutlich nachschärfen. Wir wurden unter anderem völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass wir Strom- und Wasserleitungen brauchen. Deshalb haben wir klargestellt: Ja, wir minimieren Zerschneidungen der Landschaft, aber wir bündeln Leitungen und Wege so, dass die Infrastruktur der Daseinsvorsorge sichergestellt ist. Naturschutz und sichere Versorgung sind kein Gegensatz. Wir bringen das jetzt zusammen. Natürlich sollen die Kommunen die notwendige Unterstützung für die Landschaftsplanung erhalten. Wo es möglich ist, sollen Verfahren zur Aktualisierung und Erstellung von Landschaftsrahmenplänen erleichtert werden. In diesem Zusammenhang soll auch die Möglichkeit, Teilflächenpläne „Biotopverbund" auszuweisen, geprüft werden. Das Prinzip der Teilflächenpläne kennen wir, nämlich vom Windenergieausbau. Diese Option kann Verfahren deutlich beschleunigen und vereinfachen. Auch soll dafür gesorgt werden, dass die notwendigen validen Daten aus verschiedenen relevanten Quellen ausreichend und vor allem auch vergleichbar als Planungsgrundlage verfügbar sind. Meine Damen und Herren, wir wollen auch verstärkt auf die Expertise vor Ort setzen, wenn es zum Beispiel um historische Waldstandorte geht. Denn nicht jeder Waldstandort ist geeignet, nur weil er historisch ist. Über die Geeignetheit sollen künftig die unteren Naturschutzbehörden mit einer entsprechenden Einstufung entscheiden können. Meine Damen und Herren, lassen Sie mich einen Punkt noch einmal ganz deutlich betonen, der uns besonders wichtig ist. Wir machen diesen Biotopverbund nicht gegen die Menschen im ländlichen Raum, sondern mit den Menschen im ländlichen Raum. Wir sind ganz bei unseren Land- und Forstwirten. Sie sind die Bewirtschafter der Flächen. Unser Antrag setzt deshalb auf Zusammenarbeit und gemeinsames Handeln. Genau so werden wir den „Niedersächsischen Weg" konsequent weitergehen. Das bedeutet: faire Honorierung von Ökosystemleistungen, bürokratiearme Förderprogramme und Beratung auf Augenhöhe. Naturschutz soll für den Landwirt kein wirtschaftliches Risiko sein, sondern muss beispielsweise über den Vertragsnaturschutz der deutlich im Antrag steht, Herr Dr. Schmädeke, und zwar gleichberechtigt neben Flächenkauf und Flächentausch; der Vertragsnaturschutz ist fest verankert ein attraktives Standbein für den Landwirt werden. Wir schaffen Anreize, damit die Hecke am Ackerrand nicht als Last, sondern als Investition in die Zukunft gesehen wird. Mit Handlungsleitfäden und Best-Practice-Beispielen werden wir die Bedeutung dieses Biotopverbundes in die Öffentlichkeit tragen und so nach Möglichkeit alle Akteure zum Mitmachen animieren. Nun könnte natürlich der eine oder andere auf die Idee kommen, uns vorzuwerfen, das sei alles viel zu ambitioniert und viel zu teuer. Doch ich sage Ihnen: Die Kosten des Nichtstuns sind ungleich höher. Wenn die Bestäubungsleistung wegbricht, wenn die Böden erodieren, wenn die Resilienz unserer Wälder kollabiert, zahlen wir einen Preis, den keine Haushaltsplanung der Welt mehr auffangen kann. Meine Damen und Herren, das Land Niedersachsen soll mit gutem Beispiel vorangehen; die Kollegin Kura hat es gerade schon erwähnt. Natürlich verlangen wir nicht von den privaten Eigentümern etwas, was wir selber nicht leisten wollen. Daher ist fest verankert: Das Land soll mit der Vernetzung eigener Flächen vorangehen und vorbildhaft den Biotopverbund stärken. Das alles ist kein Lippenbekenntnis. Wir werden alle fünf Jahre Bilanz ziehen und ganz genau hinschauen: Wo stehen wir hinsichtlich der 15 %? Was hat funktioniert, und wo müssen wir nachbessern? Meine Damen und Herren, mit dem Biotopverbund geben wir der Natur den Raum zurück, den sie braucht, um uns auch in Zukunft zu versorgen: mit sauberem Wasser, gesunden Böden und einer Vielfalt, die uns staunen lässt. Lassen Sie uns diesen Weg nun konsequent und mit Nachdruck gemeinsam gehen. Dafür bitte ich um Ihre Zustimmung. Vielen Dank.
