Julia Retzlaff
Fachkräftegewinnung und -sicherung braucht regionale Netzwerke und Willkommenskultur: Nachhaltige Strukturen für die Förderung der Fachkräfteeinwanderung und Arbeitsmarktintegration in Niedersachsen sichern und ausbauen
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Stellen wir uns Niedersachsen im Jahr 2035 vor: eine Gesellschaft, in der weniger Menschen arbeiten als heute, aber mehr Arbeit erledigt werden muss; eine Gesellschaft, in der wirtschaftliche Stärke nicht mehr nur von Innovation abhängt, sondern vor allem davon, ob überhaupt noch genug Menschen da sind, um diese Innovation produktiv umzusetzen. Genau auf diese Realität drohen wir zuzusteuern. Bis 2036 werden rund 13 Millionen Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Das ist fast ein Drittel der heutigen Arbeitskräfte. Gleichzeitig wächst die Zahl derjenigen, die nachrücken, nicht in gleichem Maße. Das bedeutet: Der Wettbewerb um Fachkräfte wird härter, national wie international. Und das stellt uns vor eine zentrale Frage: Wie sichern wir Wohlstand, Versorgung und gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer alternden Gesellschaft? Die Antwort darauf kann nur lauten: Wir müssen alle vorhandenen Potenziale nutzen, um Fachkräfte zu gewinnen - entschlossen, pragmatisch und vorausschauend. Dazu gehören ganz wesentlich qualifizierte Zuwanderung und gelingende Integration. Viele Menschen, die zu uns kommen, bringen Kompetenzen, Erfahrungen und Motivation mit. Aber noch immer scheitert ihre Integration zu oft an bürokratischen Hürden, langen Verfahren oder fehlenden Strukturen. Dabei ist klar: Eine funktionierende Fachkräftegewinnung ist längst entscheidender Standortfaktor für unsere Wirtschaft. Zugleich gilt: Arbeitsmarktintegration ist nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern auch zentral für gesellschaftliche Teilhabe und Zusammenhalt. Sehr geehrte Damen und Herren, Niedersachsen hat hier in den vergangenen Jahren viele wichtige Grundlagen geschaffen: die Arbeit der regionalen Fachkräftebündnisse gestärkt, die Welcome Center gestärkt, die Start-Guides-Projekte ausgeweitet. Das alles zeigt: Vernetzung, Beratung und Begleitung vor Ort wirken. Diese Projekte bringen Menschen in Arbeit, sie unterstützen Unternehmen, und sie schaffen echte Perspektiven. Auch Modellprojekte wie „¡Adelante! Colombia" oder die neue Zentralstelle für das beschleunigte Fachkräfteverfahren Niedersachsen in Osnabrück zeigen: Wir gehen richtige und innovative Wege. Aber und das ist entscheidend diese Strukturen müssen wir jetzt verstetigen und ausbauen. Aktuelle Studien und Entwicklungen zeigen deutlich: Integration von Fachkräften gelingt dort am besten, wo es verlässliche regionale Netzwerke, klare Zuständigkeiten und echte Willkommenskultur gibt. Und das geschieht sehr gut gesteuert in den acht regionalen Fachkräftebündnissen. Genau hier setzt unser Antrag an. Erfolgreiche Programme dürfen keine Projekte auf Zeit bleiben. Sie brauchen Planungssicherheit. Darüber hinaus richten wir den Blick auch auf konkrete Verbesserungen. Wir wollen, dass Verfahren vereinfacht werden, zum Beispiel bei der Feststellung von Berufsabschlüssen in nicht reglementierten Berufen. Hier fehlt es bislang an klaren und transparenten Bewertungsmaßstäben. Wir wollen die Sozial- und Gesundheitswirtschaft in den Fachkräftebündnissen stärker einbinden, gerade weil dort der Fachkräftebedarf besonders hoch ist. Außerdem wollen wir gezielt dort ansetzen, wo bisher noch zu viel Potenzial ungenutzt bleibt. Ein besonders wichtiger Punkt ist dabei die Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte. Denn alle Zahlen zeigen: Während rund drei Viertel der Männer arbeiten, liegt die Beschäftigungsquote bei Frauen deutlich niedriger. Die Gründe sind bekannt: Familienverantwortung, fehlende Kinderbetreuung und komplizierte Anerkennungsverfahren. Wenn wir hier ansetzen, erreichen wir gleich doppelt etwas: mehr Fachkräfte und mehr Teilhabe und Selbstbestimmung für die betroffenen Frauen. Klar ist aber auch: Viele entscheidende Rahmenbedingungen werden auf Bundesebene umgesetzt. Deshalb bitten wir die Landesregierung, sich weiterhin aktiv einzubringen für einen praktikablen Spurwechsel aus dem Asylsystem in den Arbeitsmarkt, für schnellere und digitalisierte Anerkennungsverfahren, für eine bessere Ausgestaltung der Chancenkarte und für vollständig digitale, transparente Visa-Prozesse. Denn auch das zeigen aktuelle Entwicklungen: Deutschland steht im internationalen Wettbewerb um Fachkräfte. Und dieser Wettbewerb entscheidet sich zunehmend durch Geschwindigkeit, Transparenz und Verlässlichkeit. Wer monatelang auf ein Visum wartet, entscheidet sich im Zweifel für ein anderes Land. Sehr geehrte Damen und Herren, Menschen mit Einwanderungsgeschichte leisten schon heute einen unverzichtbaren Beitrag. Ohne sie würde vieles nicht funktionieren. Deshalb ist klar: Die Gewinnung und Integration internationaler Fachkräfte ist schlichte Notwendigkeit. Mit unserem Antrag wollen wir die Strukturen stärken, die bereits funktionieren. Wir wollen Hürden abbauen, und wir wollen die Grundlage dafür schaffen, dass Niedersachsen auch in Zukunft ein starker Wirtschafts- und Lebensstandort bleibt - Niedersachsen als Land, das Fachkräfte gewinnt, hält und integriert, und als Land, das Menschen echte Chancen bietet. Wir wissen also längst, was funktioniert und was wirkt. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr „ob", sondern „wie konsequent?". Vielen Dank. Vielen Dank, Frau Kollegin Retzlaff. - Aus der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen kommt nun ans Rednerpult: Herr Kollege Mülbrecht Breer. Bitteschön!
