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Andrea Prell

SPD 23.06.2023 6:57 min Tagungsabschnitte 19/8

Personalsituation in der Pflege stärken - Situation für Patienten und Pflegekräfte verbessern

Sehr geehrte Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Nach meinem Abitur habe ich mit 20 Jahren hier in Hannover meine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen. 28 Jahre später stehe ich nun wieder hier in der Landeshauptstadt, um für die Pflege zu sprechen. Wir müssen gut aufpassen, damit Anträge wie dieser die Berufsgruppen in der Pflege in unserem Land nicht weiter abwerten. Im internationalen Wettbewerb um Fach- und Arbeitskräfte in der Pflege wird uns das voraussichtlich wenig voranbringen. Entschuldigung, ich muss kurz gucken, ob ich eine Seite vergessen habe. Kein Problem! Bei einer ersten Rede kann gefühlt alles passieren. Damit Sie verstehen, was Pflege braucht, was sie bewegt und was dieses schöne und abwechslungsreiche Berufsfeld in unserer Gesellschaft so schlecht dastehen lässt, erlauben Sie mir, Sie kurz mitzunehmen in ein Pflegeheim, in dem ich drei Jahre im Nachtdienst tätig war. Ein kleines Pflegeheim war das: drei Etagen, 40 Bewohner auf diesen drei Etagen verteilt. Von 20 Uhr bis 6 Uhr morgens war die Pflegefachkraft dort alleine verantwortlich für teilweise schwer demenzkranke, multimorbide Patienten, für Menschen, die sich nach schwerer Erkrankung oft nicht mehr mitteilen und auch die Notfallklingel nicht erreichen konnten. Zu den Aufgaben gehörten neben zweistündlichen Lagerungsrundgängen Tätigkeiten wie z. B. die Lagerung und Inkontinenzversorgung, das Verteilen der Nachtmedikation und der Spätmahlzeiten z. B. für Diabetiker, das Vorbereiten der Medikamente für den Tagdienst, die Dokumentation, die Anleitung und Begleitung von schlaflosen, desorientierten Bewohnerinnen und Bewohnern, teilweise auch das Erneuern von Verbänden und nicht zuletzt auch die Begleitung von Sterbenden - um nur einige der zeitintensivsten Tätigkeiten hier zu nennen. In den Nächten ohne Not- und Zwischenfälle haben wir das tatsächlich gut geschafft, waren auch alle Menschen in diesem Pflegeheim sehr gut versorgt. Die Arbeit war anstrengend, hat aber immer sehr großen Spaß gemacht. Mir hat immer besonders gut gefallen, dass sie so abwechslungsreich war, dass ich so viele Lebensgeschichten erzählt bekam, dass ich dank erlernter Validation und guter Biografiearbeit meiner Kolleginnen und Kollegen fast immer einen Zugang zu den demenziell Erkrankten finden konnte. In Nächten aber, in denen nach dem Bettsturz eigentlich die blutende Kopfplatzwunde von Frau X. versorgt werden musste, der demenziell erkrankte Herr H. sich zeitgleich in das Zimmer der völlig verängstigten Frau Y. verirrt hat und Herr M. zur selben Zeit klingelte, weil seine Sauerstoffflasche leer war und die Luft langsam knapp wurde, ging auch der Pflege langsam die Puste aus. Dem gerufenen Rettungsteam für die Kopfplatzwunde musste aufgeschlossen werden, wofür die Betroffene mitsamt blutender Wunde aber alleingelassen werden musste. Die Unterlagen für das Krankenhaus mussten zusammengestellt werden: ärztliche und pflegerische Diagnosen, der Medikamentenplan, die Vollmacht. Digitale Tools hätten hier übrigens ganz sicher für Entlastung sorgen können. Herr M. klingelte noch immer, und Frau Y. rief seit geraumer Zeit um Hilfe, während Herr H. weiterhin orientierungslos durch ihr Zimmer irrte. Nach diesem kurzen Ausflug zurück zu Ihrem Antrag: Ich stimme zu, dass zu wenig Personal, wie beschrieben, erhebliche Auswirkungen auf die Pflegequalität hat. Ich stimme auch zu, dass es Wege braucht, wie wir mehr Menschen schnell in die Ausbildung bringen können. Ich bin unserer Regierung sehr dankbar, weil das Kultusministerium derzeit bereits eine entsprechende Konzeption für eine einjährige Schulform erarbeitet. Eine Einführung dieser Schulform ist derzeit bereits für das Schuljahr 2024/2025 geplant. Insofern wäre eine Pflegehelferausbildung nach hessischem Modell zu diesem Zeitpunkt nicht zielführend. Pflegehilfskräfte mit zehnjähriger Tätigkeit in der Pflege automatisch als Pflegeassistenz anerkennen - volle Zustimmung! Gern auch schon früher! Aber ohne Prüfungserfordernis - ein klares Nein! Auch hier arbeitet übrigens das Sozialministerium bereits zusammen mit der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, dem Kultusministerium und der Bundesagentur an einem Konzept für Fortbildung zur Vorbereitung auf eine sogenannte Nichtschülerprüfung. Ein einheitliches Qualitätsniveau muss hier einfach gesichert sein. Nur über Erfahrung kann man gewisse Kompetenzen, die es auch in der Pflegeassistenz braucht, nicht gewährleisten. Beispielhaft seien hier genannt: Subkutaninjektionen, das Wissen um pflegewissenschaftliche Inhalte, wie z. B. Prophylaxen, und das Einordnen von Symptomen zur rechtzeitigen Erkennung von Notfällen. Zu Ihrem fünften Punkt möchte ich noch sagen: Unser Sozialministerium setzt sich bereits jetzt auf Bundesebene für die Refinanzierung über die Pflegekassen ein. Ein entsprechender Antrag aus Bayern zum aktuellen Entwurf des Pflegestudiumstärkungsgesetzes wird, wie Frau Meyer es eben schon sagte, unterstützt. Außerdem hat die Bund-Länder-AG „Pflegereform“ am 24. Oktober 2022 einstimmig u. a. den Antrag unterstützt, dass die Kosten der Ausbildungsumlage aus den allgemeinen Pflegeleistungen herausgenommen werden soll. Die Refinanzierung soll hierbei über den Ausgleichsfonds der Pflegekassen erfolgen. Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, maßgebliche Verbesserungen in der Pflege können nur durch die Kombination verschiedener Maßnahmen erreicht werden. Ihr Antrag hat einige Ansätze, allerdings beziehen sich alle Forderungen lediglich auf Assistenzen. Im gleichen Zuge muss aber auch die Profession Pflege deutlich gestärkt werden. Das wird hier nicht mitgedacht. Trotz aller Verbesserungen insbesondere durch die KAP.NI, wie z. B. bessere Löhne und Bürokratieabbau, ist noch viel zu tun. Die Verbesserung der Situation in der Pflege stellt für uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten eine der drängendsten Aufgaben unserer Zeit dar. Das gilt nicht nur für die Pflege in Alten- und Pflegeheimen, sondern auch in den Krankenhäusern oder bei ambulanten Diensten. Und ja, die größte Gruppe der Pflegenden sind unsere Angehörigen. Auch die dürfen wir nicht vergessen und zurücklassen. Ich freue mich auf den gemeinsamen, konstruktiven Austausch im Ausschuss. Herzlichen Dank.

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