Swantje Schendel
Kinderschutz im Fokus - gemeinsam, verbindlich, wirksam!
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe KollegInnen! Diese Eskalationsspirale, die wir gerade erleben, ist ja jedes Mal, wenn wir hier über das Thema Kinderschutz sprechen, vorhersehbar. Deswegen möchte ich meiner Rede heute eines voranstellen: Kinderschutz ist kein Schlagwort, kein Mittel der politischen Selbstinszenierung. Und wer ihn für persönliche Angriffe, Unterstellungen, parteipolitische Abrechnungen missbraucht, der handelt verantwortungslos. Darauf lasse ich mich nicht ein - und ich glaube, auch die Menschen draußen erwarten von uns anderes, als dass wir darauf eingehen. Kinderschutz ist gemeinsame Verantwortung. Er verdient Ernsthaftigkeit, Sachlichkeit und Respekt, vor allem gegenüber denen, die Tag für Tag in Familien, Kitas, Schulen, Jugendämtern, Beratungsstellen und Vereinen Verantwortung tragen. Zu dieser Ernsthaftigkeit gehört auch: Die Zahl festgestellter Kindeswohlgefährdungen muss uns weiterhin besorgen. Ob der Anstieg der letzten Jahre nun bedeutet, dass tatsächlich mehr Kinder Gewalt erfahren, oder ob Sensibilisierung und bessere Meldewege dazu führen, dass mehr Verdachtsfälle erkannt werden, lässt sich aus diesen Zahlen nicht sicher ableiten. Entscheidend ist aber: Unsere Aufgaben bleiben gleich. Wir müssen Kinder schützen, Familien und Vertrauenspersonen stärken. Dabei dürfen wir aber auch nicht parteipolitisch so verkürzen, wie es uns passt. Wir dürfen nicht nur öffentliche Einrichtungen kritisieren, sondern müssen genau hingucken. In rund 75 % der Fälle geht die Gefährdung von einem Elternteil aus. Das entlässt niemanden aus der Verantwortung. Aber es heißt: Wir müssen dort ansetzen, wo Überforderung, Armut, psychische Belastung, Sucht oder Gewalt in Beziehungen den Alltag prägen. Familien brauchen dann nicht zuerst Misstrauen, sondern frühe, erreichbare Unterstützung, Entlastung, Beratung, Familienhilfe und bei Bedarf eben auch spezialisierte Angebote, denn so schützen wir Kinder früh und verhindern Eskalation, bevor sie Kinderleben prägt. Wenn ich mit Betroffenen spreche, also mit Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben, dann höre ich einen Satz immer wieder: Niemand hat mich gehört. Manche beschreiben, dass das Wegsehen von Erwachsenen wie eine zweite Gewalt wirkte, weil zu spät gehandelt, zu spät geschützt, zu spät geholfen wurde. Und das darf nicht so bleiben. Kein Kind darf allein bleiben, wenn es Schutz braucht. Es darf nicht achtmal Erwachsene um Hilfe bitten müssen, bis es gehört wird. Frau Behrendt, hier adressiere ich Sie. Die entsprechenden sexualpädagogischen Konzepte und Schutzkonzepte in Kitas sind auch deshalb wichtig, weil Kinder dort Gehör finden können, wenn Fachkräfte spezialisiert ausgebildet sind. Mit den Schutzkonzepten in Kitas und in der Jugendhilfe haben wir in den letzten Jahren wichtige Schritte gemacht. Diesen Weg gehen wir jetzt auch konsequent mit dem kommenden Kinderschutzgesetz weiter. Wir erweitern die Schutzpflichten auf Schulen und weitere Träger der Jugendhilfe und Jugendarbeit. Das Ziel ist dabei ganz klar: Überall dort, wo Kinder sind, müssen Schutzkonzepte Standard sein, damit Fachkräfte und Ehrenamtliche Gefährdungen erkennen und verlässlich handeln können. Weil Kinderschutz nicht nur auf dem Papier entschieden wird, sondern in der Praxis, setzen wir auch nicht auf schnelle Überschriften, sondern auf nachhaltige Strukturen, die wirken. Unsere Kinderschutzstrategie ist deshalb auch kein Papier für die Schublade, wie es die CDU gesagt hat, sondern ein Arbeitsauftrag, der jetzt Schritt für Schritt umgesetzt wird - gemeinsam mit den Kommunen, gemeinsam mit den Trägern. Entschuldigen Sie, Frau Kollegin Schendel! Lassen Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Holsten zu? Sehr gerne. Danke.
